Totalverbot für Plastiktüten
In Bulgarien werden jährlich 3,2 Milliarden Plastiktüten hergestellt. Das entspricht einem durchschnittlichen Jahresverbrauch von über 400 Stück pro Person. Zum Vergleich: Ein Deutscher verbraucht laut Bundesumweltamt nur etwa 65 Tüten im Jahr. Eine alarmierende Statistik, wenn man bedenkt, dass EU-Neuling Bulgarien weit entfernt von einer modernen Abfallentsorgung ist. Recycling und Mülltrennung sind hier immer noch Zukunftsmusik.
Ungefragt und ganz selbstverständlich wird jeder Einkauf vom Verkaufspersonal in Bulgarien eingepackt. Das Ergebnis: Ein wahrer Polyethylen-Mantel bedeckt das ganze Land. Die hauchdünnen Flatterbeutel sind überall. Sie fliegen durch die Straßen, verfangen sich in Ästen und Sträuchern und verstopfen die Kanalisation. Selbst in den Naturparks und am Schwarzen Meer hängen die bunten Plastikfetzen in den Bäumen.
Die verschandelte Landschaft gehört mittlerweile zum Alltag der Bulgaren: „Wenn ich durch das Land fahre, sehe ich die Felder am Straßenrand bedeckt mit Plastik“, sagt LKW-Fahrer Bojan Dimitrow. „Ein, zwei Jahre später, wenn ich an derselben Stelle vorbeifahre, liegen die Abfälle immer noch dort.“Experten warnen: Die Plastikinvasion ist weit mehr als ein ästhetisches Problem. Denn die Plastikbeutel werden aus Erdöl und Chemikalien hergestellt, die über Jahrhunderte die Umwelt verpesten und den Tod vieler Tiere verursachen. „Über 20 Prozent des Abfalls in Sofia bestehen aus Plastik und Einwegtüten“, erklärt die Ökologin Maria Stojanowa. „Und alles landet auf der Mülldeponie. Nichts wird verarbeitet.“
Damit soll jetzt Schluss sein: Bulgarische Gemeinden erklären der Plastiktüte den Krieg, allen voran die westbulgarische Stadt Kjustendil. Ab 2009 tritt dort das erste Plastiktüten-Totalverbot in Kraft. Keine leichte Aufgabe für Bürgermeister Peter Paunow: Solche Initiativen genießen unter den Bulgaren keine breite Unterstützung, sagt er. „Wir sehen immer noch, wie die Leute ihren Müll aus dem Fenster werfen. Dies können wir aber nicht weiter dulden.“Noch sind die Plastikbeutel in Umlauf. Ab Januar 2009 sollen sie jedoch gänzlich aus den Geschäften verschwinden. Nun gilt es, die richtigen Alternativen zu finden. Im Gespräch sind Tragetaschen aus Papier und anderen schnell abbaubaren Stoffen. Bürgermeister Paunow hat die großen Handelsketten schon auf seine Seite gezogen. „Bei den Kleinhändlern stoßen wir allerdings auf großen Widerstand", sagt er. „Wir sind aber nicht zu Kompromissen bereit.“
Das Verbot von Plastiktüten könnte zum Präzenzfall werden. Weitere bulgarische Gemeinden wollen dem Beispiel von Kjustendil folgen.