Russland

Die letzte „Generation Sowjetunion“

Angelina Davydova gehört zur „letzten sowjetischen Generation“, die zwar nach 1989 groß geworden ist, den Kommunismus aber noch bewusst miterlebt hat. Umbrüche und schwere Krisen, in der Familie und im ganzen Land, prägten ihre Jugend. Lange zogen sich die heute über 30-Jährigen ins Private und den Konsum zurück. Doch langsam zeigen sie wieder mehr Interesse daran, sich einzumischen – inspiriert von der jüngeren, ersten post-sowjetischen Generation.

Ich gehöre zu einer Generation ohne ein bestimmtes Bild der Zukunft, ohne Ideale, ohne Rollenmodelle. Ich kam 1985 zur Schule, in dem Jahr, als Michail Gorbatschow Generalsekretär des ZK der Kommunisten Partei wurde. In der Vorschule habe ich noch die Biographie Lenins auswendig gelernt. Im Herbst 1985 wurde dann ein großes Banner in unsere Schule aufgehängt mit der Gleichung „Perestroika = Glasnost + Demokratie“.

Ich erinnere mich noch an die Feststunde auf dem Revolutionsschiff Aurora, als ich Pionierin wurde. Wenig später, mit dem Putsch und der Auflösung der Sowjetunion im August 1991, löste sich die kommunistische Jugendbewegung Komsomol dann in Nichts auf.

Viele meiner Freunde und Bekannten sind inzwischen in den Westen emigriert. Andere haben sich mit Alkohol oder Drogen das Leben genommen. Der größte Teil aber hat sich ins Privatleben zurückgezogen. Denn wir sind damit beschäftigt, Jobs zu finden, eine Karriere zu beginnen, Familien zu gründen. Darüber ist meine Generation immer unpolitischer geworden. Viele gehen kaum noch zu Wahlen, die meisten von uns unterstützen keine Opposition oder zivilgesellschaftliche Initiativen. Unsere Kritiker – unsere Eltern, aber auch letztlich wir selbst - sagen, wir seien zu sehr aufs Geldverdienen und Geldausgeben konzentriert. Aber nach einer sowjetischen Kindheit mit einer Sorte Käse und zwei Sorten Wurst kann man das kaum kritisieren.

Dabei begann unser Leben sehr politisch. In meiner Kindheit änderte sich das politische und wirtschaftliche System täglich. Als ich neun Jahre alt war, schauten mein Großvater und ich die Parlamentsdebatten im Fernsehen. Ich las politische Tageszeitungen, wir gingen zu politischen Versammlungen und Demonstrationen. Mein Großvater war zur Stalinzeit zwei Mal im Lager gewesen. Weil er im Krieg aus Hunger fünf Kartoffeln vom Feld gestohlen hatte, musste er fünf Jahre nach Kasachstan.

Der Umbruch überlagerte alles, was vorher gewesen war. Mein Geschichtslehrer ließ den Unterricht ausfallen, stattdessen schauten wir fern. Denn Geschichte wurde im Hier und Jetzt geschrieben: Im August 1991 holte meine Mutter mich von der Datsche, unserem Schrebergarten, ab. Wir fuhren vorbei an den Panzern der Putschisten, die die Stadt belagerten. Wir verbrachten dann mit anderen Demonstranten zwei Tage auf dem Palastplatz in St. Petersburg, weil wir die Zukunft Russlands beeinflussen wollten.

Als Kind habe ich die finanziellen Schwierigkeiten meiner Familie nicht sofort bemerkt. Erst Jahre später traten für mich die wirtschaftlichen Probleme ans Licht, die der Wandel mit sich brachte. Erst die Lebensmittelscheine, mit denen wir für einige Zeit unser Essen bezahlen mussten. Dann, nach der Liberalisierung der Wirtschaft und des Rubel: Steigende Preise, Arbeitslosigkeit, wachsende Kriminalität. Wir durften plötzlich nicht mehr alleine zur Schule gehen oder auf der Straße spielen. Immer musste uns ein Erwachsener begleiten. Mein Vater wurde zum Alkoholiker. Er starb mit 45 Jahren, da war ich 16.

Die Welt wurde plötzlich sehr klein. Die meisten Leute waren individualistisch und distanziert geworden. Sie beschäftigte nur noch das Überleben und die Frage, wie sie ihre Familien durchfüttern konnten. Für viele konzentrierte sich fast alles nur noch auf die eigene Wohnung. Schon was im Treppenhaus geschah, war ihnen angesichts ihrer persönlichen Probleme egal.

Doch in den vergangenen Jahren beobachte ich, dass sich etwas ändert. Die „letzte sowjetische Generation“, wie wir über 30-jährigen genannt werden, entdeckt langsam ihr politisches Bewusstsein wieder. Die wachsende Mittelschicht, Angestellte und Manager aus den großen Städten Moskau und St. Petersburg, wehrt sich gegen Gleichgültigkeit und Zynismus. Die „Blaue-Eimer-Bewegung“ beispielsweise, die mit blauen Plastikeimern auf dem Kopf gegen die vielen Beamten protestiert, die sich mit ständigem Blaulicht den Weg durch die verstopften Innenstädte bahnen – und dabei rücksichtslos Passanten gefährden und sogar überfahren. Oder die mutigen Bürger, die im vergangenen Sommer kurzerhand ins Auto stiegen, in die von den verheerenden Waldbränden heimgesuchten Dörfer fuhren und mithalfen, die Brände zu löschen. Es sind auch die, für die die Blogosphäre und soziale Plattformen wie Facebook oder „Vkontakte“ ein Mittel zum öffentlichen Dialog geworden sind. Sie unterstützen Oppositionelle wie den Anti-Korruptions-Kämpfer Alexej Navalny.

Ein Vorbild für all diese Aktionen ist für uns die Generation nach uns. Diejenigen, die heute zwischen 20 und 30 sind, zeigen wieder mehr zivilgesellschaftliches Engagement. Sie wollen mitreden, zum Beispiel in der lokalen Umwelt- und Stadtentwicklung. Fragen also, die die Menschen direkt betreffen, die aber kaum zu den politischen Eliten vordringen. Die Generation nach uns hat die Zeit des Umbruchs nicht bewusst erlebt. Sie hat deshalb mehr Sicherheit und Stabilität erfahren. Und sie kann es sich leisten, sich auch mit nicht-kommerziellen und bürgerlichen Initiativen zu beschäftigen. Wir gucken zu – und manchmal machen wir auch mit.


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