Miliz-Nikoläuse überwachen Minsk
Minsk (n-ost) - Klingeling! Wer ist an der Tür? Der Weihnachtsmann! Aber Achtung - nicht öffnen. Es könnte sich ja um einen weißrussischen Milizweihnachtsmann handeln. Im Reich des autoritären Herrschers Alexander Lukaschenko herrschen andere Regeln: Nur wer sich misstrauisch zeigt und den Weihnachtsmann nicht ins Haus lässt, bekommt ein Geschenk.
In diesen Tagen noch bis zum 23. Dezember sind auf den Straßen von Minsk tatsächlich Polizisten unterwegs, die sich traditionell als Djed Moros (Väterchen Frost) verkleidet haben. Sie sollen dafür sorgen, dass die Hauptstadtbewohner auch in der Adventszeit wachsam bleiben und vor dem Öffnen der Wohnungstür nicht vergessen, sich genau zu vergewissern, wer da geklingelt hat. Die Aktion „Wer ist da? - Der Milizweihnachtsmann!“ findet in allen Bezirken von Minsk zwischen 7 bis 22 Uhr statt. Details der Aktion wurden nicht verraten. Bekannt ist nur, dass die verkleideten Polizisten an vorsichtige Bürger Preise und Geschenke verteilen werden. Wer seine Familie überraschen und testen möchte, kann den Miliz-Nikolaus auch direkt anfordern.
Familienväter wie Nikolaj Pakowskij, 34-jähriger Geschäftsmann aus Minsk, bringt die Aktion in einen Zwiespalt. Seine Kinder schwärmen vom Fest, singen gerne Lieder und lesen Märchen über Djed Moros. „Sie reden jetzt ständig über ihn und dass er mit seinen Geschenken Träume erfüllt.“ Ihnen nun klar zu machen, dass er vielleicht gefährlich ist und sie ihm besser nicht die Tür aufmachen, hält er für „unmenschlich“.
Allgemein ist die Kriminalitätsrate in Minsk vergleichsweise niedrig, so dass die seltsame Weihnachtsaktion der Miliz wohl einen ideologischen Hintergrund: Der autoritäre Staat setzt Regeln und erzieht seine Bürger dazu, sie nicht mehr zu hinterfragen. Die Moral von der Geschicht: Wer in Lukaschenkos Weißrussland allen staatlichen Regeln folgt, hat keine Probleme und bekommt Geschenke.
Ähnliche Aktionen hat es zu Sowjetzeiten vielfach gegeben. Schilder wurden verbreitet mit Verhaltensregeln. Sie waren kurz und bündig und oft reimten sie sich: „Ein Pionier ist immer Vorbild!“, „Alle Zeit der Arbeit, eine Stunde für den Spaß!“, „Beim Weggehen schaltet ihr das Licht aus!“, „Sonne, Luft und Wasser sind unsere beste Freunde!“. Fortsetzung findet dies heute auf Reklametafeln oder im weißrussischen Fernsehen. Anstelle von Werbung für Produkte wird dort für Sicherheitsvorschriften auf Rolltreppen, in der U-Bahn oder in Aufzügen geworben. Die Zuschauer werden ständig ermahnt, den Gasherd auszuschalten, im Bett nicht zu rauchen, den Wasserhahn zuzudrehen, sich beim Bus fahren festzuhalten.
Der Staat als Fürsorger und Bevormunder. Nun hat er sogar Väterchen Frost für seine Zwecke entdeckt. Djed Moros warnt vor Dieben, gleichzeitig beschließen Parlametarier einstimmig vorbereitete Erlasse und verschärfen die Strafen für Korruption, Terroristenfinanzierung und Kritik am Staat. Wer ist für alle die allerletzte Hoffnung, der Trost und die Freude? Nein, kein Weihnachtsmann. Der läuft gerade umher und klingelt an der Türe. Ein „unsichtbarer“ Feind wird gebraucht, um ihm einen fürsorglichen Staat und Regierungschef entgegenzusetzen. Der weißrussische Präsident selbst ist der wahre Djed Moros, rund um die Uhr. Er ist die letze Instanz, nur ihm kann man trauen. Vor ein paar Jahren noch wandte sich Lukaschenko in einer Ansprache folgendermaßen an die Nation: „Mütter, zieht morgen eure Kinder warm an – es wird kälter“.
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