Walliser Tourismus-Pioniere entdecken Russland
MOSKAU (n-ost). Im Kanton Wallis, der Heimat des Matterhorns, sind die Täler tief und die Berge hoch, dennoch scheint den Älplern aus dem Rhone-Tal der Weitblick nicht zu fehlen. Der Tourismus ist ihr offener Draht zur Welt, deren Zeitgeist sie verpflichtet sind. Auch jetzt waren sie ihm vielleicht wieder einen Schritt voraus: Rechtzeitig zur Eröffnung des Swissôtels im Herzen Moskaus präsentierte sich das Matterhornland in der ersten Septemberwoche auf Einladung des Schweizer Botschafters, Erwin Hofer, mit einer Walliser Gourmet-Woche und Workshops gegenüber russischen Medienvertretern und Tourismusfachleuten.
Anlass des Events war unter anderem der Schweizer Nationalfeiertag, der 1. August, der aufgrund des Sommerlochs kurzerhand über einen Monat nach hinten verschoben wurde. Aber bei handfesten Wirtschaftsinteressen müssen selbst solch „heilige Daten“ flexibel sein.
Die Schweiz ist nach Österreich das zweitliebste Wintersport-Reiseziel der Russen, wobei das Wallis im innerschweizerischen Vergleich mit 20 Prozent Marktanteil die meisten Übernachtungen russischer Touristen verzeichnet. Mit 300.000 Logiernächten pro Jahr in der Schweiz – rund drei Prozent aller ausländischen Übernachtungen - spielen die Gäste aus dem Osten absolut gesehen zwar noch eine bescheidene Rolle, doch lassen die Wachstumszahlen der letzten Jahre auf ein großes Potenzial schließen: Seit 1998 nahmen die Übernachtungen russischer Touristen im Wallis von knapp 10.000 auf deutlich über 40.000 zu – eine Steigerung von 400 Prozent. Von Interesse ist aber nicht nur die Quantität, sondern vor allem die Qualität des russischen Touristen. Laut Urs Zenhäuser, Direktor von „Wallis Tourismus“, reisen die meisten russischen Besucher an den orthodoxen Weihnachten in die Schweiz, wodurch das berüchtigte „Januar-Loch“ geschlossen werden könne. Zudem, so fährt Zenhäuser fort, seien die russischen Gäste sehr ausgabefreudig und übernachteten bevorzugt in Vier- und Fünfsternehotels. „Wir haben schon viel erlebt. Russen etwa, die mit einer Boeing-737 in Sitten gelandet sind und mit dem Helikopter nach Zermatt zum Shopping zu fliegen, um kurz darauf mit zwei Containern voll Eingekauftem wieder abzuheben“.
Seit 1996 ist „Schweiz Tourismus“ in Russland präsent, beschäftigt heute in Moskau drei Mitarbeiter, lädt jedes Jahr rund 80 Medienvertreter und 150 Reiseveranstalter in die Schweiz ein und auf der eigenen Internet-Seite finden Russen umfangreiche Informationen in ihrer Landessprache. Die Investitionen scheinen sich nun auszuzahlen: „Jedes Jahr investieren wir eine Million Franken in den russischen Markt und die kommen hundertfach zurück“, erläutert Urs Eberhard, Vize-Direktor von „Schweiz Tourismus“. Die russischen Gäste geben in der Schweiz jährlich 100 Millionen Franken aus. Beliebt bei den Russen ist vor allem das Winterreiseangebot, aber auch Fahrten mit den Panoramazügen und Ausflüge an Schweizer Seen. Ein wachsendes Interesse ist zudem für Golfferien und die Veranstaltung von Konferenzen festzustellen. „Wir sind bereit für diese Trends“, betont Eberhard.
Um jedoch das russische Potenzial im Konkurrenzkampf mit anderen Destinationen ausschöpfen zu können, wird sich das Wallis und die Schweiz in Zukunft auch um die weniger betuchte Klientel aus dem Osten kümmern müssen. Eine gewisse Trendwende ist bereits festzustellen: „Auch Dreisternehotels, Chalets und Ferienwohnungen werden bereits von Russen nachgefragt. Deshalb präsentiert sich in Moskau mit Nendaz auch erstmals eine Destination, die vor allem Chalets und Ferienwohnungen anbietet“, betont Zenhäuser. Ein Vergleich mit Österreich - der Nummer eins bei den Russen, was Wintersport betrifft – zeigt jedoch einen deutlichen Nachhofbedarf auf. Allein Ischgl verzeichnete in der letzten Wintersaison 2004/05 rund 35.000 russische Übernachtungen – nur etwas weniger als das ganze Wallis im letzten Jahr. Ganz Österreich verzeichnete allein im ersten Halbjahr 2005 knapp 400.000 Übernachtungen aus Russland, während die Schweiz im gesamten letzten Jahr 300.000 Übernachtungen verbuchen konnte.
Ein Hemmschuh für die Schweiz dürfte nebst dem hohen Preisniveau ihr bisheriges Abseitsstehen von Schengen und seiner grenzüberschreitenden Visa-Regelung sein. „Das ist wohl mit ein Grund, warum unsere östlichen Nachbarn etwas erfolgreicher sind“, gibt Zenhäuser offen zu. Doch mit dem Ja der Bevölkerung zum Schengen-Abkommen am 5. Juni sollte bald auch diese Hürde fallen, sofern sich das Schweizer Stimmvolk am 25. September auch zur Personenfreizügigkeit bekennt. Ansonsten könnte die EU im schlechtesten Fall die gesamten bilateralen Abkommen in Frage stellen und insbesondere dem Schweizer Tourismus einiges Ungemach drohen.
Im Austausch mit Russland will sich das Wallis jedoch nicht nur allein auf den Tourismus beschränken. Unter der Leitung des Walliser Regierungspräsidenten Claude Roch reiste eine 40-köpfige Delegation mit Vertretern aus Tourismus, Wirtschaft, Bildung und Kultur an die Moskwa. „Die Dynamik der russischen Wirtschaft kann auch für das Wallis von Nutzen sein“, erklärte Roch und fügte an, er erhoffe sich von dem Besuch in Moskau den Aufbau privilegierter Beziehungen. Dazu sollte insbesondere ein Treffen mit hochrangigen Vertretern der Moskauer Regierung dienen. Der Direktor des Flughafens in Sitten führte zudem Verhandlungen mit lokalen Fluggesellschaften für die Etablierung einer Flugverbindung Moskau-Sitten. Und Vertreter der Weinbranche versuchten bei einer Verkostung im Swissôtel den russischen Interessenten die an den sonnigen Hängen des Rhone-Tals gereiften Tropfen schmackhaft zu machen.
In Zukunft soll zudem auch ein Kulturaustausch stattfinden, in dessen Rahmen Schriftsteller sowie Künstler aus dem Wallis und Russland für einen Studienaufenthalt ins jeweilige Gastland reisen. Chancen in Russland sieht das Alpental auch nicht zuletzt für seine Gesundheitsinstitutionen. So bietet zum Beispiel das Regionalspital Siders-Leuk seine zahlreichen Dienste in einem russischsprachigen Faltprospekt an.
Eine weitere Marktnische in Russland hat das Wallis in der Ausbildung von Hotel- und Tourismusfachleuten ausgemacht. Bereits seit mehreren Jahren nimmt das Institut „César Ritz“ in Le Bouveret und Brig einige russische Studenten im Wallis auf. Nun geht das Institut noch einen Schritt weiter: In einer gemeinsamen Kooperation mit der Diplomatischen Akademie des Außenministeriums in Moskau soll es den Studenten möglich sein, gleichzeitig ein russisches Diplom in Internationaler Ökonomie sowie ein schweizerisches Zertifikat in Hotel- und Tourismusmanagement zu erlangen. Hierfür sollen die russischen Studenten während vier Jahren jeden Sommer für drei Wochen zur Ausbildung ins Wallis reisen. Hervé Fournier, Vizepräsident des „César Ritz“ erwartet im nächsten Jahr 50 russische Studenten in der Schweiz. „Die Märkte in Russland sind nachhaltig. In Moskau werden in Zukunft neue Hotels eröffnet. Unsere russischen Absolventen werden in ihre Heimat zurückkehren und gute Arbeit finden“, erklärt Fournier. Damit ergeben sich für das Wallis gute Synergien: „Die Abgänger der Tourismus- und Hotelfachschule sind wichtige Botschafter des Walliser Tourismus im Ausland“, betont Zenhäuser.
Welcher Kanton seine Botschafter im nächsten Jahr nach Moskau entsenden darf, steht noch nicht fest. Vertreter der Zürcher Regierung seien bei der Eröffnung des Swissôtels dabei gewesen und hätten ihren Neid nicht verbergen können, verriet der Schweizer Botschafter Erwin Hofer und fügt schmunzelnd an: „Wer im nächsten Jahr kommt, wissen wir noch nicht. Aber es gibt Bewerber.“
*** Ende ***
Christian Weisflog