Russland

"Kleiner Grenzverkehr" in Kaliningrad

Rund um die Uhr herrscht Hochbetrieb an der Tankstelle von Mamonowo, einer russischen Kleinstadt im Gebiet Kaliningrad, direkt an der polnischen Grenze. In langen Schlangen stehen Autos mit polnischen Kennzeichen vor den Zapfsäulen an. Männer und Frauen füllen zusätzlich zahllose Kanister, die sie im Kofferraum ihres PKW verstauen. Der junge Mann mit dem Stadtjeep besitzt ein Jahresvisum und passiert täglich den Kontrollposten. Er wohnt auf der polnischen Seite, hat aber im ehemaligen Königsberg einen Betrieb aufgebaut. „Hier in Russland kostet das Benzin nur halb so viel wie bei uns in Polen“, sagt er. „Alle wollen im Gebiet Kaliningrad billig tanken und preiswerte Lebensmittel kaufen. Was soll erst werden, wenn in ein paar Wochen der kleine Grenzverkehr eingeführt wird? Die Leute werden hamstern, und ich muss stundenlang an der Grenze stehen.“

Ab 1. Juli wollen Russland und Polen den freien Grenzverkehr testen. Im Kleinen. Die Bewohner des Kaliningrader Gebietes und der angrenzenden polnischen Bezirke von Gdingen bis Masuren dürfen die Grenze künftig ohne Visum überqueren. Die Vorlage einer Meldebescheinigung genügt. Dieser kleine Grenzverkehr habe vor allem symbolischen Charakter, freut sich der Politologe Wladimir Abramow. Denn seit dem Zusammenbruch der ehemaligen Sowjetunion vor 21 Jahren leben die Kaliningrader eingesperrt in ihrer russischen Exklave, eingegrenz von Litauen und Polen. „Nach der Wende hatten wir ja bereits Visafreiheit mit unseren Nachbarn. Wir mussten nur unsere Pässe vorzeigen und durften über die Grenze. Seit aber Polen und Litauen der Europäischen Union und dem Schengenraum beigetreten sind, schränken uns die Grenzen sehr ein. Den kleinen Grenzverkehr würde ich als ersten lokalen Sieg bezeichnen“, so Abramow.

Vor allem sind es wirtschaftliche Impulse, auf die nicht nur Kaliningrad hofft, sondern auch die polnische Küstenregion rund um die Städte Zoppot, Danzig und Gdingen. Während der Rest Europas lieber in die Türkei reise, meint der Politologe Waldimir Abramow, wollten die Kaliningrader vor allem günstig in Polen Urlaub machen. Deshalb hofft die polnische Regierung auf Gewinne von mehr als 50 Millionen Euro jährlich durch den kleinen Grenzverkehr. Eine Rolle spielten auch die viel zu teuren Konsumgüter in Kaliningrad, die vom Mobiltelefon bis zum Fernseher in Polen zwei Drittel billiger zu haben sind, so Abramow.

Letztlich aber gehe es Russland mit dem kleinen Grenzverkehr aber um die große Politik. „Wir kämpfen für jede noch so kleine Erleichterung in der Hoffnung, dass sie uns eines Tages zum Sieg führen wird“, sagt er. „Zur völligen Abschaffung der Visa. Wir Russen wünschen uns endlich Reisefreiheit in den gesamten Schengenraum.“

Während die große russische Politik lieber heute als morgen den Eisernen Vorhang in den Schengenraum sprengen würde, erwarten die Bewohner der Ostseeprovinz Kaliningrad mit Spannung die Einführung ihres kleinen Grenzverkehrs. In der Grenzstadt Mamonowo ist nicht nur der Neubau von Tankstellen und Supermärkten im Gespräch. Aus einer ehemaligen Eisfabrik soll ein Schnell-Imbiss mit Straßencafé werden. Die anstehende Visafreiheit mit Polen treibt auch die Verkäuferin eines kleinen Lebensmittelladens um. Noch hat sie in ihrem Supermarkt kaum zu tun, füllt allerdings die Lager neu auf. „Wir freuen uns vor allem auf die Massen neuer Kunden, die kommen werden. Denn bei uns sind die Lebensmittel viel billiger als in Polen. Dieser kleine Grenzverkehr ist gut für die Wirtschaft unserer unterentwickelten Region.“


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