Griechenland

Im Schatten der Drachme

Alexandra hält eine Zigarette in der Hand und schaut auf die Menschenmenge, die sich auf dem Syntagma-Platz vor dem Parlament in Athen zusammenballt. Tausende Demonstranten protestieren dort gegen die Sparmaßnahmen der Regierung, ein Generalstreik hat das Land lahmgelegt, Gewerkschafter marschieren mit Transparenten durch die Innenstadt.

Die 48-jährige Angestellte mit den braunen Locken und der kräftigen Figur ist mit einer Freundin unterwegs. Es ist das erste Mal seit Jahren, dass die Frauen an einer Demonstration teilnehmen. Als ehemalige Anhängerin der regierenden sozialistischen Partei PASOK hatte Alexandra bis vor kurzem keinen Grund, zu protestieren. Heute sieht sie es anders. „In den 70-Jahren habe ich gegen die Militärjunta demonstriert. Jetzt ist die Situation ebenso kritisch. Wir alle müssen etwas unternehmen, damit die Regierung endlich merkt, dass sie mit dieser Politik nicht mehr weitermachen kann“, sagt sie.



Demonstranten am Mittwoch in Athen. Die Wut richtet sich nicht nur gegen die eigene Regierung, sondern auch gegen Teile der Europäischen Union, die nur zögerlich das neue geplante Hilfspaket von 60 Milliarden auf den Weg bringen. / Salinia Stroux, n-ost

Die sozialistische Regierung will bis 2015 insgesamt 23 Milliarden Euro einsparen. Das Land ist hochverschuldet, die Angst vor einer Pleite Griechenlands wächst. An der ausweglosen Lage haben auch milliardenschwere Rettungspakete der Europäischen Union und des IWF nichts geändert. Das Land verringert nur schleppend sein Haushaltsdefizit, denn wegen der schweren Rezession fallen Steuereinnahmen aus.  Die Rating-Agentur Standard & Poor‘s stufte die Note für die Kreditwürdigkeit des verschuldeten Landes auf C herunter – was ein „hohes Ausfallrisiko“ bedeutet.

Im Hintergrund hört man die wütenden Parolen der Demonstranten: „Wir halten es nicht mehr aus” und „Der Kapitalismus tötet uns“. Die Polizei verwendet Tränengas und Schreckbomben gegen die Menge. Mehrere Menschen, unter ihnen viele Frauen, werden von Schlägen der Polizei verletzt. Die Demonstranten fliehen. Einige von Ihnen kehren wieder auf den Syntagma-Platz zurück und schreien gegen die Regierung: „Räuber, Räuber!“.

Die Wut vieler Griechen richtet sich nicht nur gegen die Sparmaßnahmen der eigenen Regierung, sondern auch gegen Teile der Europäischen Union, die nur zögerlich ein neues Hilfspaket von 60 Milliarden für das hochverschuldete Land auf den Weg bringen will. Auch Bundeskanzlerin Angela Merkel sofortige schnelle Finanzhilfen für den verschuldeten Staat ab. Doch den Deutschen gegenüber hegt die Demonstrantin Alexandra keinen Zorn. „Ich habe den Eindruck, dass die Bürger den Griechen helfen möchten, die deutsche Regierung aber nicht“.

Die Stimmung im Land ist alarmierend, die Regierung von Ministerpräsident Giorgios Papandreou verliert an Unterstützung. Laut einer Umfrage des unabhängigen Meinungsforschungsinstitut ALCO sind 77 Prozent der Befragten unzufrieden mit der Wirtschaftspolitik der Regierung, unter ihnen sogar 57 Prozent der Anhänger der Regierungspartei. 81 Prozent der gesamten Befragten sind sehr pessimistisch, was die Entwicklung der griechischen Wirtschaft angeht, und nur 15 Prozent äußern sich optimistisch dazu.

Vor einem Jahr hatte Griechenland bereits ein Hilfspaket im Umfang von 110 Milliarden Euro von der EU und dem Internationalen Währungsfonds (IWF) erhalten. Seit dem muss das Land drastisch sparen, um die Auflagen der Geldgeber zu erfüllen. Beamte bekommen weniger Geld, die öffentlichen Ausgaben werden gekürzt. Bei einer weiteren Finanzspritze, die das Land dringend braucht, drohen noch härtere Auflagen. Zur Zeit diskutiert die Regierung sogar über die Entlassung von Staatsdienern – ein Thema, das in Griechenland bisher tabu war.

Gerüchte um einen möglichen Ausschluss aus der Euro-Zone und eine Wiedereinführung der Drachme verunsichern die Bevölkerung nun noch mehr. Einen Großteil ihrer Ersparnisse haben viele Griechen schon zu Beginn der Krise ins Ausland geschafft. Nach Schätzungen sind von griechischen Banken 2010 insgesamt mehr als 30 Milliarden Euro abgehoben worden.

Trotzdem war die Stimmung in der Bevölkerung relativ gelassen, als „Spiegel online“ berichtete, dass Griechenland eventuell zur Drachme zurückkehren werde. Als „schlechten Witz“ bezeichnete der Chef der griechischen Nationalbank, Apostolos Tamvakakis, die Szenarien um die Rückkehr zur Drachme. Er schloss auch eine Umschuldung aus.

Auch die Ersparnisse von Demonstrantin Alexandra liegen längst nicht mehr auf der Bank. Sie hat ihre 8.000 Euro Erspartes bereits im Februar abgehoben und plant, sie auf das Konto einer Bekannten auf Zypern zu befördern. Eine Rückkehr zur Drachme fände sie mittlerweile gar nicht schlecht, denn dann könnten die Griechen ihre Währung gegenüber dem Euro abwerten. Damit würden griechische Produkte auf dem Weltmarkt billiger, was wiederum die Konjunktur ankurbeln würde. „Es kann nur besser werden, wenn wir die Drachme wieder haben. Diese Krise scheint zum Zerfall der Eurozone und der Europäischen Union zu führen“, meint sie.

Immer mehr Griechen fangen an, an den wahren Gründen der Schuldenkrise zu zweifeln. Ein unabhängiges Komitee, unterstützt von Akademikern, Intellektuellen und einfachen Bürgern, will nun die Legitimität der Gläubigeransprüche untersuchen. „Die Verschuldung wächst, die Wirtschaft befindet sich in einer Rezession, die sozialen Kosten sind enorm und es gibt keinen optimistischen Ausblick für die Wirtschaft und Gesellschaft“, so Wirtschaftsprofessor Kostas Lapavitsas. „Wir müssen herausfinden, wie diese Schulden entstanden sind. Somit werden wir Griechenland eine Waffe geben, um seinen Kreditgebern mit Wissen und Kraft gegenüber stehen zu können."


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