Migranten im Hungerstreik
Ahmed, ein junger Marokkaner mit einem blassen Gesicht fragt freundlich nach einer arabischen Zeitung. Er befindet sich mit weiteren 287 illegalen Flüchtlingen seit dem 25. Januar in Athen und Thessaloniki im Hungerstreik. Das neoklassizistische Gebäude, in dem er untergebracht ist, hat eine Privatperson bereitgestellt, um eine Lösung für die Unterbringung der 237 Hungerstreikenden in Athen zu finden. In einem Gewerkschaftshaus in Thessaloniki führen weitere 50 Migranten einen Hungerstreik durch. Sie alle fordern legale Papiere.
Ahmed und sein Cousin Ektif im Hof des neoklassizistischen Gebäudes, wo seit 25. Januar papierlose Migranten aus Nordafrika einen Hungerstreik durchführen. / Ahmed M. A. und Salinia Stroux, n-ost
Ahmed will in der Zeitung die Demonstrationen in den arabischen Ländern verfolgen sowie sich über den Exodus der Tunesier nach dem Fall von Diktator Ben Ali informieren. Ihn interessiert die Lage der Wirtschaftsmigranten aus Nordafrika in Lampedusa, die auch mit Hungerstreik drohten, um eine Antwort für ihre ungewisse Zukunft in Europa zu bekommen.
Ahmed kennt diese Situation. Vor sechs Jahren ist er selbst auf einem Schiff zusammen mit anderen Migranten auf einer Insel vor Athen angekommen und hat sich auf die Suche nach Arbeit gemacht. „Ich warte seit sechs Jahren auf legale Papiere. Vergeblich. Jetzt nehme ich an diesem Hungerstreik teil. Ich möchte in Griechenland bleiben und werde für einen legalen Status kämpfen. Ich bin bereit dafür zu sterben“, sagt er.
Die meisten der Hungersteikenden leben seit mehr als sechs Jahren in Griechenland und verfügen über einen unsicheren oder überhaupt keinen Aufenthaltsstatus. Die letzte Legalisierung, bei der etliche Migranten Papiere und damit eine Perspektive für ein normales Leben in Griechenland erhielten, fand im Jahre 2005 statt. „Wie auch kürzlich bei der Ankunft von über 5.000 Migranten und Migrantinnen auf Lampedusa in Italien offenbart der Hungerstreik in Griechenland das Scheitern der europäischen Migrationspolitik“, sagt Bernd Kasparek vom Netzwerk „Welcome to Europe“, das die Situation der Migranten und Flüchtlinge in Griechenland beobachtet. Der Europäische Pakt zu Einwanderung und Asyl von 2008 verbietet eine kollektive Legalisierung – damit haben Menschen wie Ahmed keine Chance, sich jemals in Europa zu integrieren. Dabei werden sie in der Gesellschaft als billige Arbeitskräfte offen geduldet, ganze Wirtschaftszweige stützen sich auf die Illegalen.
Ein Sanitärteam holt einen Streikenden ab, der zusammengebrochen ist. / Ahmed M. A. und Salinia Stroux, n-ost
Viele der Hungersteikenden arbeiteten bislang in der Landwirtschaft – ohne Versicherung, unterbezahlt, und ohne Möglichkeit, das Land auf legalem Weg zu verlassen. Ahmed hat seine Verwandten in Marokko seit sechs Jahren nicht mehr gesehen. Er erinnert sich, wie hart es war, sich von seiner Familie zu verabschieden. „In Marokko war ich der einzige in der Familie, der einen Job hatte. Ich habe täglich bis zu 12 Stunden gearbeitet, und das Geld hat gerade noch gereicht. Eines Tages habe ich die Tür aufgemacht und bin losgegangen, ohne meinen Eltern etwas zu sagen. Ich habe erst ihre Stimme am Telefon gehört, als ich in Griechenland war“, sagt er.
Das neoklassizistische Gebäude in Athen erinnert mittlerweile an ein Flüchtlingslager. Unter den Palmen in dem kleinen Hof gibt es mehrere Zelte, in denen etwa 100 Menschen schlafen. Dixi-Klos und Wasserspender sind aufgestellt. Griechen und Ausländer sind vor Ort, um die Migranten zu unterstützen und sie vor rechtsextremen Angriffen zu schützen.
Plötzlich bricht ein junger Mann zusammen. Ein Arzt rennt zu ihm und fängt an, seinen Puls zu messen. Ein paar Minuten später wird er ins Krankenhaus transportiert. Ahmed ist mit diesen Bildern vertraut. „Dieser Ort ist nicht geeignet für Hungerstreiks. Wir sind dem schlechten Wetter ausgesetzt. Die meisten Migranten sind krank. Ich selbst habe zehn Kilo verloren. Wir werden aber bis zum Ende weitermachen”, betont er.
Die Hungerstreikenden zusammen mit dem griechischen Fußballstar Nikos Maliaris, einer der Prominenten, die sich auf die Seite der Migranten gestellt haben. / Ahmed M. A. und Salinia Stroux, n-ost
Doch Premierminister Giorgos Papandreou von der Panhellenischen Sozialistischen Bewegung (PASOK) bleibt hart. Dabei hat er nach eigenen Aussagen selbst einmal als Putzhilfe in Schweden gearbeitet. Als Oppositionsführer unterstützte er 2008 einen Hungerstreik auf Kreta. Eine Legalisierung schließt er nun aber aus.
Ektif, der Cousin von Ahmed, der bereits seit 2003 auf Kreta als Gärtner gearbeitet hat versucht, seine Verzweiflung hinter einem Lächeln zu verstecken: „Wenn du keine Papiere hast, dann bist du ein Nichts in einem Land der EU. Du hast Angst vor allem. Vor der Polizei, vor unbezahlter Arbeit, vor einem Leben in der Illegalität.“