Europas Eingangstor für Flüchtlinge
Shoghofa hält ihr Baby fest in den Armen. Die junge Frau steht mit ihrem Mann am Bahnhof von Alexandroupolis, ein paar Kilometer von der griechisch-türkischen Grenze entfernt im Evros-Gebiet in der Provinz Thrakien. Vor wenigen Stunden wurden die Familie aus dem Auffanglager in dem naheliegenden Dorf Soufli gelassen. In ihrer Hand hält Shoghofa ein Entlassungspapier: Binnen 30 Tagen müssen sie und ihr Mann Griechenland verlassen.
Ihre Reise nach Griechenland dauerte mehr als zwei Monate. Zu Fuß und mit dem Bus reisten sie von ihrem Heimatland Afghanistan bis in die Türkei. „Um nach Europa zu kommen, haben wir mit einem Paddelboot nachts den Fluss Evros überquert“, erzählt die junge Frau. „Die Polizei hat uns verhaftet und ins Lager in Soufli gebracht”. Den Eindruck, dass sie in Europa angekommen ist, hat Shoghofa nicht. „Das Lager war voll. Frauen, Männer und Kinder haben sich auf engstem Raum gedrängt. Manche haben sogar vor der Toilette in den Abwässern geschlafen. Es gab keine medizinische Versorgung”, sagt sie mit einem ängstlichen Blick. Nun wartet sie wie Dutzende andere afghanische und somalische Flüchtlinge auf den nächsten Zug nach Athen. Dort will sie Schutz suchen.
Der Grenzfluss Evros stellt für tausende Flüchtlinge das letzte Eingangstor nach Europa dar, nachdem die europäische Grenzschutzagentur Frontex den Seeweg in der Ägäis in den vergangenen Monaten mit verstärkten Patrouillen abgeriegelt hat. Auch Spanien und Italien haben ihre Küsten schon längst geschlossen. Mehr als 90 Prozent der Migranten und Flüchtlinge aus Asien und Afrika wählten deshalb dieses Jahr die EU-Αußengrenze zwischen Türkei und Griechenland, um EU-Territorium zu erreichen. Nach offiziellen Angaben versuchen täglich über 350 Menschen, den insgesamt 530 Kilometer langen Evros zu überqueren.
Mehr als 34.000 Flüchtlinge und Migranten wurden seit Anfang des Jahres dort aufgegriffen. Im Jahre 2009 waren es nur etwa 9.000. Mehr als 40 Menschen haben seit Jahresanfang in den heftigen Fluten des Flusses ihr Leben verloren. Wie die Organisation Welcome to Europe im August berichtete, wurden ihre Leichen in einem Massengrab im Evros-Gebiet verscharrt. In den fünf Auffanglagern im Evros-Gebiet herrschen laut dem Flüchtlingshilfswerk der Vereinten Nationen tragische Zustände. Griechenland ist mit der humanitären Krise überfordert und hat die EU um Unterstützung gebeten. Ab Dienstag (2.11.) werden deshalb 175 Polizisten der EU-Grenzschutzagentur Frontex am Evros patrouillieren. Sie sollen mit Waffen, Helikoptern, Hunden und moderner Überwachungstechnologie die Flüchtlinge und Migranten davon abhalten, ihren Fuß auf europäischen Boden zu setzen.
Obwohl Griechenland die Hilfe selbst angefordert hat, sehen viele den EU-Einsatz skeptisch. Die Rolle der wenigen Frontex-Beamten, die schon jetzt dort tätig sind, ist umstritten. Im Auftrag der Menschenorganisation Pro Asyl recherchierten im August zwei griechische Rechtsanwältinnen im Evros-Gebiet – und brachten erschreckende Ergebnisse zurück. So seien durch falsche Angaben von Frontex Minderjährige zu Erwachsenen gemacht oder einem falschen Herkunftsland zugeordnet worden. Wie im Fall eines 15-jährigen Afghanen, der als volljähriger Türke registriert worden sei. „Die Flüchtlinge werden nicht einmal in ihrer Sprache über die Gründe ihrer Inhaftierung informiert. Sie wissen manchmal nicht, dass sie unmittelbar vor einer Abschiebung in die Türkei bedroht sind”, betont die Rechtanwältin Marianna Tzeferakou. Ein iranischer Flüchtling berichtete Pro Asyl, dass alle seine Dokumente im Abfall landeten. Er habe mehrmals verlangt, einen Asylantrag zu stellen, aber keiner habe ihn beachtet. Mittlerweile wurde er freigelassen, nachdem die griechischen Behörden erfolgslos versucht hatten, ihn in die Türkei abzuschieben.
Die Afghanin Shogofa weiß nichts von diesem Einsatz. Sie weiß auch nicht, dass in Griechenland die Anerkennungsquote für Asylsuchende bei weniger als einem Prozent liegt. Mehr als 45.000 unbearbeitete Asylanträge stapeln sich in den Behörden. Das System ist vor Monaten zusammengebrochen. Shogofa und ihre Familie warten stundenlang auf dem Bahnsteig in Alexandroupolis auf den Zug. In 15 Stunden werden sie in Athen sein. Dort wartet keiner auf sie. „Wir wissen nicht, wie es weiter geht. Wahrscheinlich werden wir auf die Straße landen.“