Griechenland

Der Tag nach den blutigen Protesten

Ein Berg von Blumen liegt vor den zerschlagenen Schaufensterscheiben der Filiale der Marfin-Bank in der Stadiou-Straße im Zentrum Athens. Ein paar Kerzen flackern. Daneben stehen kleine Ikonen der Jungfrau Maria. Im Hintergrund eine verkohlte Ruine. Es ist der Innenraum der vierstöckigen Bankfiliale, der bei der Demonstration am Mittwoch völlig ausbrannte. Drei Bankangestellte erstickten im Rauch, unter ihnen eine 32-jährige schwangere Frau.

Der Rauch der Molotow-Cocktails, die Vermummte in die Bank geworfen und dadurch den Brand verursacht hatten, hängt noch in der Luft. Maria geht langsam an der Polizeisperre vorbei und legt eine rote Rose an der Fensterscheibe nieder. Am Eingang der Bank sieht sie die Todesanzeige der schwangeren Frau. Maria hält kurz inne und bekreuzigt sich. Unter ihrer dunklen Brille fließen Tränen. „Heute ist ein Tag der Trauer für uns alle. Die Leute, die da gestorben sind, waren einfache Angestellte, sie waren nicht für die Krise verantwortlich. Sie haben nicht mit öffentlichem Geld hantiert wie manche Politiker“, sagt Maria.

Sie selbst war am Mittwoch nur kurz zu den Protestierenden auf die Straße gegangen. Die 38-Jährige leidet an chronischem Asthma und hatte Angst vor den großen Mengen an Tränengas, die gegen die Demonstranten eingesetzt wurden. Doch protestieren wollte sie auf jeden Fall. Sie ist Beamtin im öffentlichen Dienst und direkt von den Sparmaßnahmen betroffen. Ihr Monatsgehalt wird um bis zu 30 Prozent gekürzt wie das Tausender anderer Angestellter auch.

Ein paar Meter weiter steht ein älterer Herr. Er schaut von weitem auf das zerstörte Gebäude. „Arbeiter bauen auf, sie brennen Gebäude nicht nieder“, sagt er, sichtlich berührt vom Anblick der verkohlten Ruine. Über 40 Jahre hat er als Bauarbeiter gearbeitet, erzählt Theodoros.  „Ich bin Kommunist”, sagt er stolz. „Ich beteilige mich schon seit meiner Kindheit an den Protesten. Jetzt wird meine Rente um 200 Euro gekürzt. Das ist ein Grund mehr, um zu demonstrieren.“

Am Mittwoch aber habe etwas Besonderes in der Luft gelegen, meint Theodoros. „Die Leute haben gemerkt, dass diese Sparmaßnahmen nicht temporär sein werden, sondern permanent. Sie haben sich entschieden, sich endlich aus ihren Sesseln zu erheben.“
 

Doch nach den tödlichen Vorfällen steht das Land unter Schock. Mehrere Staaten, unter anderem Großbritannien und Australien, haben Reisewarnungen für Griechenland ausgegeben. Der griechische Industrieverband SEV klagt über die Unfähigkeit des Staates, die Stadt vor den Vermummten zu schützen. Politiker sind fassungslos. Die Täter würden gefasst und zur Rechenschaft gezogen, versprach Ministerpräsident Giorgos Papandreou. Internet-Foren rufen die Bürger auf, die Vermummten bei Demonstrationen zu isolieren und friedlich weiter zu protestieren.

Besonders deutlich äußerte sich der griechische Staatspräsident Karolos Papoulias über die blutigen Gewalttaten: „Das Land steht vor einem Abgrund“ sagte der populäre Politiker, der sich noch wenige Tage zuvor dafür ausgesprochen hatte, Steuersünder zur Rechenschaft zu ziehen.

Die Gewerkschaften haben indes angekündigt, die Protesten fortzuführen. Am Donnerstag wurde im Parlament über das umstrittene Sparpaket in Höhe von 30 Milliarden Euro abgestimmt – eine Voraussetzung dafür, dass das Land die Hilfe in Höhe von 110 Milliarden Euro vom Internationalen Währungsfond (IWF) und den EU-Ländern bekommt.

Griechische Medien berichten, für die kommende Woche sei ein weiterer Generalstreik geplant. Beobachter rechnen dann mit neuen Unruhen. Maria, die 38-jährige Beamtin, kündigt an, trotz ihres Asthmas wieder auf die Straße zu gehen. Sie als stolze Griechin, sagt sie, sehnt sich inzwischen wieder nach dem Justizsystem des antiken Griechenland: „Damals wurden Politiker, die gestohlen haben, offen bestraft. Sogar ihre Sandalen wurden beschlagnahmt.“ 


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