Griechenland

Klein-Kabul im Zentrum von Athen

Der Traum von Freiheit und Frieden, hier macht er Pause. Zwischen alten, grauen Hochhäusern stehen ein paar Bäume, ein Brunnen und sehr viele afghanische Flüchtlinge. Links die Frauen, rechts die Männer und in der Mitte spielen die Kinder. Täglich kontrolliert die Athener Polizei die Papiere der Menschen, die von der Türkei aus über das Meer nach Griechenland gekommen sind und nun erstmal im Attiki-Park leben – und warten.

Die 12-jährige Shigofa schiebt vorsichtig ihr schwarzes Tuch zur Seite und lässt ein paar dunkle Haare ans Licht. „Ich habe Hunger. Wir essen nur ein Mal am Tag, weil die Suppenküche eine halbe Stunde weit zu Fuß entfernt ist“, sagt sie und ihr kindlicher Blick wirkt ungewöhnlich ernst. Viele der afghanischen Flüchtlinge sind obdachlos. Die meisten gehören der Hazara-Ethnie an, die den ärmsten Bevölkerungsteil Afghanistans stellt und von den Taliban verfolgt wird.

Wer es sich leisten kann, schläft in Notunterkünften für rund drei Euro pro Person und Nacht. Das sind alte Appartements, in denen dicke Teppiche liegen, fast keine Möbel stehen und die manchmal kein Bad haben. Sie werden von Privatpersonen an die Flüchtlinge vermietet. „Am Abend schlafen wir zu dritt unter einer Decke auf dem Fußboden eines Zimmers, das wir mit sieben anderen Personen teilen“, sagt Shigofa. „Aber ich kann nicht schlafen, ich fühle mich dort nicht wohl.“  Neben ihr auf der Bank sitzen ihre 15-jährige Schwester und ihre Mutter, die versuchen ihre Tränen zu verstecken.

Die drei kommen aus Kabul, sie sind seit ein paar Tagen in Athen. Vom Vater haben sie seit langem nichts mehr gehört. Er soll sich immer noch in Afghanistan aufhalten. Gleich daneben sitzen noch zwei Frauen mit ihren Kindern, die ebenfalls aus der afghanischen Hauptstadt gekommen sind. Sie sehen alt aus, doch der Anblick täuscht. In Afghanistan liegt die mittlere Lebenserwartung bei 46 Jahren, während sie in vielen europäische Länder bereits 80 Jahre überschreitet. „Das einzige, was wir besitzen, sind die Kleider, die wir tragen. Wir haben unser Haus in Kabul verkauft, um von dort zu fliehen“, sagt Maliha, eine 37-jährige Mutter.

Der Bezirk Attiki ist ein ehemals gutbürgerliches Viertel im Athener Stadtzentrum. Heute wird es von manchen als Klein-Kabul bezeichnet. Nur wenige Athener trauen sich, durch den Park zu schlendern. „Wir haben Angst“, sagt eine 70-jährige Griechin. „Wir wissen nicht, wer diese Menschen sind. Und es sind so viele! Wir haben keinen Platz mehr.“ Der Attiki-Park liegt ein paar hundert Meter neben dem Agios-Panteleimonas-Platz, wo Rechtsextreme immer wieder Flüchtlinge angreifen und deren Kindern den Zutritt zum Spielplatz verwehren.

Die Anzahl der afghanischen Flüchtlinge in Athen ist schwer zu schätzen. Man geht davon aus, dass es mehr als 3000 sind. Für die afghanischen Flüchtlinge ist der Attiki-Park eine vorübergehende Station. Ein großer Teil von ihnen hat keinen Asylantrag gestellt, weil die Anerkennungsquote in Griechenland zu niedrig ist. In den letzten sieben Monaten haben 1190 Afghanen in Griechenland Asyl beantragt, nur einer wurde als Flüchtling anerkannt. Diese Zahlen stammen von der UN-Flüchtlingsorganisation UNHCR. Die  Anerkennungsquote für afghanische Flüchtlinge in Deutschland liegt bei rund 50 Prozent.

Viele versuchen allein nach Europa zu gelangen oder sie lassen sich von Schleppern helfen. In Athen gibt es dutzende Schlepper, meistens Iraner oder Pakistaner. Sie haben eine Goldader entdeckt. „Die können mit uns 3000 Euro pro Kopf verdienen“, sagt ein Afghane, der anonym bleiben will. „Die Schlepper kommen aus ganz Europa und sogar aus den USA. Wenn sie von der Polizei erwischt werden, sind sie nach einer Woche wieder frei.“

Abends, wenn die Neonreklamen rund um den Attiki-Park angehen, leuchtet der Name eines Hotels wie Hohn zu den Flüchtlingen hinüber: „New Dream“. Shigofa schaut auf ihre weißen Sportschuhe, die sie mit Mühe pflegt. „Ich bin damit aus Afghanistan gekommen. Ich habe keine anderen. Vielleicht müssen wir doch nicht weiter. Vielleicht bekommen wir doch hier Asyl.“ Ihre Mutter schaut auf den Zettel der Einwanderungsbehörde, auf dem das Ausreisedatum steht. In ein paar Tagen ist es soweit.


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