Griechenland

Dantes Inferno auf Lesbos

Der 10-jährige Sokat krallt seine Finger in den drei Meter hohen Zaun des Flüchtlingslagers. “Ich bin seit fünf Tagen hier. Bin alleine aus Afghanistan gekommen und möchte nach Norwegen“, sagt er mit einem Blick, in dem vage Hoffnung liegt. Hinter ihm drängen sich ein paar andere junge Insassen nach vorn. Aus einer Zelle dringt der Rauch verbrennender Matratzen. Am Fenster des ersten Stocks sieht man hinter den Gittern die unruhige Gestalt eines kleinen Mädchens. Es ist Abend im Internierungslager von Pagani auf Lesbos, ein paar Seemeilen von der türkischen Küste entfernt.

In den vergangenen Tagen fanden hier fast täglich Feuer-Revolten statt, in Zimmern wurden Matratzen verbrannt. Die Polizei versuchte, die Insassen mit Gewalt einzuschüchtern. Die Insassen protestieren gegen willkürliche Entlassungen von Flüchtlingen, die danach vollkommen auf sich allein gestellt sind. Hunderte Schutzsuchender, unter ihnen Minderjährige und Familien mit Kindern, drängen sich im Hafen von Mytilini, der Hauptstadt der Insel, um die Fähre nach Athen zu nehmen – in der Hoffnung, dort eine Arbeit zu finden oder in ein anderes europäisches Land reisen zu können.

Pagani ist seit Monaten überfüllt. In den Räumen des ehemaligen Lagerhauses, das vor fünf Jahren für die Unterbringung von 300 Personen geplant war, sind über 600 Menschen zusammengepfercht. Zu den Schutzsuchenden – darunter schwangere Frauen und Minderjährige – gehören auch Wirtschaftsflüchtlinge aus asiatischen und afrikanischen Ländern. Diese Menschen sind oft monatelang unter unmenschlichen Bedingungen inhaftiert, ohne dass ein gerichtliches Urteil gegen sie besteht.

Die sanitäre Situation ist katastrophal. Mehr als 150 Menschen teilen sich eine Toilette, manche schlafen auf dem Boden, auf dreckigen Matratzen und Decken. Viele werden unter diesen Bedingungen krank. Die ärztliche Versorgung ist nicht sichergestellt. “Es ist egal, ob jemand Magenschmerzen, Fieber oder Kopfschmerzen hat. Die geben allen dasselbe Medikament”, sagt Zaher, ein 20-jähriger Afghane. „Dies ist ein Ort, an dem nicht mal Tiere leben könnten!”, fügt er hinzu.

Zaher wurde vor ein paar Tagen aus Pagani entlassen. Vier Monate lang hat er dort verbracht, obwohl er im Juli einen Asylantrag gestellt hat. Er hat zugesehen, wie andere Schutzsuchende, die dort viel später ankamen waren, früher entlassen wurden.

Er und weitere vierzig Insassen waren Zeugen einer brutalen Aktion, die die Öffentlichkeit erschütterte: Ein Polizist hatte einen 17-Jährigen niedergeschlagen, nachdem eine Feuer-Revolte in seiner Zelle stattgefunden hatte. “Er schlug auf ihn ein, bis er am Boden lag”, erinnert sich Zaher. Der Besuch des stellvertretenden Innenministers Spiros Vougias war da erst wenige Stunden her. Vougias bezeichnete das Internierungslager als „schlimmer als Dantes Inferno“ und versprach, das Lager bald zu schließen. Jedoch gibt es keine konkrete Planung, was es ersetzen sollte.

Die sozialistische Regierung von Giorgos Papandreou, die Anfang des Monats mit einer Mehrheit von 44 Prozent der Stimmen gewählt wurde, hat neue Hoffnungen für die Verbesserung einer bisher fast nicht existierenden griechischen Asyl- und Migrationspolitik geweckt. Seit einigen Jahren zieht Griechenland scharfe Kritik internationaler Menschenrechtsorganisationen auf sich, die insbesondere den fehlenden Zugang zum Asylsystem und brutale Polizeiaktionen gegen Schutzsuchende und Migranten anprangern. Erst kürzlich wurde ein pakistanischer Migrant in Athen von der Polizei zu Tode geprügelt.

Griechenland ist seit langem überfordert mit der riesigen Flüchtlingswelle. Das Land hat mit 13.676 Kilometern Europas größte Seeküste. Laut offiziellen Statistiken ist Griechenland zurzeit die erste Anlaufstelle für Schutzsuchende und Migranten in der EU. Die Zahl der Flüchtlinge, die an Griechenlands Seegrenzen ankommen, hat in den ersten sechs Monate des Jahres 2009 um 68 Prozent zugenommen. 35.600 der insgesamt 51.600 Personen, die in der ersten Jahreshälfte an den Außengrenzen der EU festgenommen wurden, griff die Polizei in Griechenland auf. In Italien waren es 7.100, in Spanien nur 4.800.


Die griechischen Behörden versuchen, die Unerwünschten möglichst schnell wieder los zu werden. Menschenrechtsorganisationen klagen immer wieder über illegale Rückweisungen von Asylsuchenden und Migranten über den Grenzfluss Ebros in die Türkei. Mit Gewalt und unter Androhung von Waffengewalt werden die Flüchtlinge auf türkischen Boden zurückgeschoben. Unter ihnen sind sogar Personen, die einen Asylantrag gestellt haben, oder die durch die Dublin II-Verordnung, nach der das erste Land, in das ein Flüchtling kommt, zuständig für seinen Asylantrag ist, wieder nach Griechenland zurückgeschickt worden sind.

Griechenland versucht offensichtlich, die repressive Asylpolitik anderer EU-Mitglieder nachzuahmen. Im Nachbarland Italien, bis vor kurzem die erste Anlaufstelle für Flüchtlinge, feiert Innenminister Roberto Maroni aus der rechtsextremen Lega Nord den Erfolg seiner fremdenfeindlichen Asylpolitik. Das zentrale Aufnahmelager auf Lampedusa steht seit Wochen leer. Die Asylsuchenden werden gleich auf hoher See nach Libyen abgeschoben oder irgendwo anders untergebracht.

Wie aussichtslos die Situation für Flüchtlinge in Griechenland ist, zeigt ein neue Trend: Sie suchen immer öfter den Weg zurück in die Heimat. Dies bestätigen die Zahlen aus der afghanischen Botschaft in Belgien. Seit September haben sich über 200 afghanische Flüchtlinge, die in Griechenland angekommen sind, dorthin gewendet um die nötigen Reisedokumente und die Kosten für einen Rückflug nach Afghanistan zu bekommen.

Auch der 18-jährige Rachim hat sich an die Botschaft gewendet, um seine Rückreise nach Afghanistan vorzubereiten. Der junge Afghane sitzt melancholisch im Garten des Heims für minderjährige Flüchtlinge in der kleinen Stadt Ajiassos auf Lesbos. Er lebt seit ein paar Wochen in dieser betreuten Einrichtung, die gerade mal Platz für 100 minderjährige Flüchtlinge hat und schon lange überfüllt ist. Dreimal hat er versucht, durch Griechenland in ein anderes europäisches Land zu kommen. Jetzt will er zurück nach Afghanistan, um von dort aus in den Iran zu kommen, wo seine Familie lebt. “Der Druck ist hoch. Meine Familie sagt, ich solle es weiter versuchen. Die Schlepper sagen, ich sei kein Mann wenn ich aufgebe. Ich habe mich aber entschlossen. Ich habe keine Kraft mehr. Ich habe keine Hoffnung mehr auf Europa.”


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