Ökologisches Inferno in Attika
Der blutrote Himmel, der sich seit Freitagnacht über Athen ausgebreitet hatte, war ein Déjà-vu der bitteren Art für die Einwohner Griechenlands. Die heftigen Waldbrände, die in mehr als 90 Orten wüteten, sind der Gnadenschuss für die schwer belastete Umwelt der Millionenstadt, aber auch ganz Griechenlands.
Vor genau zwei Jahren, im August 2007, waren bei gewaltigen Bränden auf dem Peloponnes und im restlichen Land 77 Menschen ums Leben gekommen, Tausende Hektar brannten nieder. Das historische Olympia lag in Flammen. Das Land war im Ausnahmezustand. Es kam zu vorzeitigen Wahlen, bei denen die rechtskonservative Nea Demokratia von Kostas Karamanlis an der Macht bestätigt wurden. Die Politiker haben damals alles Mögliche versprochen, um ein neues Inferno zu vermeiden.
Doch vergangenen Freitag war es so weit: Ein kleiner Brand im Ort Grammatikos in der Nähe einer geplanten Mülldeponie, 40 Kilometer nordöstlich von Athen, hatte sich innerhalb von ein paar Stunden bis in den Norden der griechischen Hauptstadt ausgebreitet. Die von der Regierung geplante Errichtung einer riesigen Mülldeponie für ganz Attika an dieser Stelle ist schon seit einiger Zeit Gegenstand von größeren Protesten der Einwohner. Immer wieder kam es zu Straßenschlachten mit der Polizei. Das Feuer in Grammatikos wurde durch starke Winde begünstigt.
Über der Akropolis hingen dichte Rauchwolken. Der Rauch breitete sich sogar bis zu den Küsten Afrikas aus. Tausende von Einwohnern der Athener Vororte wurden von den Behörden aufgefordert, ihre Häuser zu verlassen. Mehr als 200 Gebäude brannten nieder oder erlitten schwere Schäden. Mehr als 12.000 Hektar Wald, Felder und Olivenhaine wurden vernichtet. EU-Hilfe wurde nach Griechenland geschickt: Italienische, französische und zypriotische Feuerwehrkräfte waren vor Ort, um zu helfen.
„Die Situation ist wegen der Wetterbedingungen extrem schwierig“, sagte der griechische Innenminister Prokopis Pavlopoulos. Vor zwei Jahren sprach die Regierung Karamanlis über den „General Wind“, der die Hälfte des Peloponnes niederbrannte. Doch damals wie heute kritisieren Experten Regierung und Behörden wegen schwerer Versäumnisse. Sie würden einen großer Teil der Verantwortung an den Infernos tragen, hieß es.
Die Experten schätzen ein, dass die Führung der Feuerwehr am Freitag die Entwicklung des Brandes in Grammatikos nicht richtig eingeschätzt habe. Das sei ein schwer wiegender Fehler gewesen. Die ersten Feuerwehrflugzeuge wurden erst Samstag früh eingesetzt. Bis sie anfingen, Wasser zu werfen, war das Spiel mit dem Feuer verloren. Wie Offiziere der Feuerwehr der Tageszeitung To Ethnos sagten, sei der zweite große Fehler gewesen, dass es keinen Plan gab, wie die Entwicklung des Feuers zu stoppen sei. „Die Einsatzkräfte haben das Feuer von hinten gejagt, ohne einen zentralen Plan zu haben“, so einer von ihnen.
Weniger als 400 Feuerwehrmänner waren im Kampf mit dem Feuer eingesetzt schreibt Ethnos, obwohl die in der ganzen Region Attika 2000 Feuermänner eingestellt sind. Viele von ihnen waren in den Ferien. Die Behörde hat sie erst am Sonntag aus dem Urlaub abberufen. Die Behörden ignorierten auch die Forderungen von Experten, die Feuerwehr um 3000 Mann zu verstärken, um für den Sommer gerüstet zu sein. Probleme gab es aber auch beim Einsatz von 130 Wasserflugzeugen. Militärflugzeuge hingegen, die früher bei Bränden eingesetzt wurden, werden seit neun Jahren nicht mehr eingesetzt – mit dem Argument, dass sie durch das Meereswasser, geschädigt würden.
Der Boden in der Region war indes reif für ein Inferno. Forstwissenschaftler beklagen, dass die zentrale Waldbehörde nicht mit ausreichend Personal ausgerüstet sei und somit nicht die richtigen Vorbeugungsmaßnahmen getroffen werden könnten. In Griechenland kommt es oft vor, dass große Mengen von Müll auf Waldflächen gelagert werden. Eine rechtzeitige Säuberung dieser Flächen könnte die Brände wesentlich verhindern, so die Experten. NGOs, die sich für die Vorbeugung von Bränden einsetzen, werden seit langem nicht finanziert.
Zu den Ursachen der Bränden ist bisher noch nichts bekannt, es wird jedoch Brandstiftung vermutet. Der erste Brand in Grammatikos hätte normalerweise schnell unter Kontrolle gebracht werden können. Augenzeuge berichteten in den griechischen Medien über verdächtige Personen und Autos, die sich kurz von den Bränden in den Orten aufgehalten haben. Es wurden sogar mehrere kleine Gasflaschen entdeckt.
Der nördliche Waldgürtel von Athen war bereits häufiger von Bränden betroffen. Viele Flächen sind schon zweifach oder sogar dreifach abgebrannt. In der Region Attika ging in den vergangenen 30 Jahren ein Drittel der Wälder durch Brände verloren. Hinter den Feuern stecken oftmals handfeste Interessen, zum Beispiel für die Errichtung von Häusern. Die ökologischen Folgen sind katastrophal: Der Wälder von Parnitha und Penteli bilden die wichtigsten Sauerstoffquellen des Großraums von Athen und sind die letzten großen Grünflächen der Region.Gerade diese Wälder gelten als Filetstück für Bodenspekulanten. Tausende von Hektar im Wald von Penteli sind in den letzten 30 Jahren verbrannt. Ein paar Monate oder Jahre nach den Bränden wurden die Flächen zum Bebauen freigegeben. An diesen Flächen wurden mehrere Villen und Landhäuser gebaut. Die Gegend gilt als einer der Nobelvororte von Attika.
Experten bezeichnen das jüngste Inferno als eine ökologische Bombe für die griechische Hauptstadt: Tausende von dioxinbeladenen Schwebestoffen belasten die Luft, Dutzende Menschen wurden mit Atembeschwerden in die Krankenhäuser eingeliefert. Es wird geschätzt, dass die Temperatur in der nächsten Zeit wesentlich einsteigen wird. Laut Professor Grigoris Varras von der Technischen Hochschule von Epirus könnte die Temperatur sogar um bis zu 15 Grad ansteigen.