Bulgarien

Manager-Entführungen werden zum Geschäft

Vor den Augen spielender Kinder wurde der Mittelständler Wene Sotirow von Unbekannten in Gendarmenuniform in ein Polizeiauto gezwängt und entführt. Wegen des Autos verwechselten Sotirows Nachbarn die Entführer mit der Polizei. Für die Freilassung forderten die Kidnapper zunächst angeblich 500.000 Euro von Sotirows Tochter. Nachdem es jedoch zu keiner Einigung kam, gibt es seit 17. April keine Nachrichten mehr über Sotirow.

Nur wenige Tage vor der Entführung Sotirows wurde der Handelsvertreter Kiro Kirow gegen ein Lösegeld in Höhe von 620.000 Euro freigelassen. Kirow ist Bulgarien-Vertreter von über 80 ausländischen Firmen für Maschinen- und Werkzeugbau, darunter Bosch und Komatsu, und größter Sponsor der populärsten konservativen Partei GERB (Bürger für Europäische Entwicklung Bulgariens). Der Großunternehmer musste neunzehn Tage in einem 3,5 mal 2 Meter großen Keller verbringen, der nur durch zwölf kleine Löcher gelüftet wurde. Sein Sohn war derweil mit der Übergabe des Lösegeldes beschäftigt. Er folgte den Instruktionen der Erpresser über eine ihm zur Verfügung gestellte anonyme SIM-Karte.

Die Entführung von Unternehmern entwickelt sich in Bulgarien zu einem lukrativen Geschäft. Allein im vergangenen Monat wurden zwei Geschäftsleute Opfern von sehr gut informierten und hoch professionell arbeitenden Banden. Experten zufolge verrate die Handschrift der Täter, dass ehemalige Polizisten in die Entführungen verwickelt sind. Innenmister Michail Mikow bestätigte diese Vermutungen indes nicht. Er fordert Gesetzesänderungen wie beispielsweise die Strafbarkeit von Lösegeldzahlungen. Dadurch würde der negativen Tendenz ein Ende gesetzt, dass Verwandte von Gekidnappten auf eigene Faust um deren Freilassung kämpfen.

Doch oft wissen die Angehörigen keinen anderen Ausweg, als das Lösegeld zu zahlen. Kirows Sohn holte sich, statt zur Polizei zu gehen, in dieser schwierigen Situation Rat bei einem anderen  Entführungsopfer – bei Angel Bontschew, dem ehemaligen Präsidenten eines Fußballklubs, der während seiner Gefangennahme vor einem Jahr bis zur Bewusstlosigkeit gefoltert wurde. Als Rache für die Nichtbereitschaft der Verwandten, die gestellten Forderungen einzuhalten, hinterließ die Bande bei Bontschew ihren grausamen Stempel – zwei abgeschnittene Finger.

Genauso gingen die Entführer unbestätigten Zeitungsberichten zufolge mit dem Sohn des ehemaligen Verkehrsministers Wilhelm Kraus vor eineinhalb Jahren um. Damals hatte sich der prominente Vater geweigert, gut eine Million Euro Lösegeld zu zahlen. Kirow-Junior zeigte sich deshalb vor den Medien stolz darauf, den Vater heil befreit zu haben – und zwar ohne die Hilfe der Polizei.Über solche Selbsthilfe-Strategien ist man im Innenministerium jedoch gar nicht erfreut. In einem Paket von Vorschlägen zu Gesetzesänderungen wie etwa der Sperrung von Konten und Geldprämien für Zeugen forderte Innenmister Michail Mikow deshalb auch, Lösegeldzahlungen unter Strafe zu stellen. „Auch wenn dies am Anfang das Leben mancher Gekidnappten kosten dürfte“, sei die Maßnahme wirkungsvoll, sagt Mikow.

Ob die neue Welle von Manager-Entführungen allein durch Gesetzesänderungen gestoppt werden kann, das bezweifeln viele Experten. Sie sehen darin eher den Versuche des Ministeriums, sich der harschen Kritik an der Unfähigkeit der Kriminalpolizei zu entziehen. Kein großer Fall der vergangenen Jahre wurde erfolgreich aufgedeckt. Der Staatsanwaltschaft zufolge habe es in Sofia in den vergangenen drei Jahren 16 Entführungen gegeben, die registriert worden sind. Die tatsächliche Zahl dürfe um einiges höher liegen. Der Vorsitzende des parlamentarischen Innenausschusses Mintscho Spassow erklärte, die verheerenden Arbeitsergebnisse der Polizei hingen damit zusammen, dass viele von ihnen mit ehemaligen Kollegen, die sich inzwischen kriminellen Banden angeschlossen haben, zusammenarbeiten.

Der Innenminister weist diese Vorwürfe zurück. Sie wirken sich jedoch weiterhin schlecht auf das extrem niedrige Prestige seiner Behörde aus: Laut einer Erhebung des Open society Institutes vertrauen nur 25 Prozent der Bulgaren den eigenen Ordnungshütern – der niedrigste Wert europaweit. Trotz vieler Anläufe zu Reformen in den vergangenen Jahren versinkt die bulgarische Polizei immer weiter im Sumpf von Korruption und Unprofessionalität. Durchschnittsgehälter von 350 Euro, fehlendes Geld für technische Neuausstattungen und fehlende Qualifizierungsangebote wirken sich auch bei den eifrigsten Mitarbeitern demotivierend aus. Mitte März fand in Bulgarien deshalb zum ersten Mal ein landesweiter Protest von über 5.000 Polizisten statt, die Forderungen beispielsweise nach Gehaltserhöhungen blieben jedoch ungehört.


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