Die Scharfschützen von Athen
Kalaschnikows, Handgranaten und Schüsse auf einen Schüler, einen Polizeibus und einen Regionalzug: Einen Monat nach dem Tod des 15-jährigen Schülers Alexandros Grigoropoulos durch eine Polizeikugel, der gewaltsame Ausschreitungen auslöste, steht Griechenland vor einer neuen Terrorwelle, die Erinnerungen an die Aktion der Terroristenorganisation „17. November“ in den 80ern und 90ern wachruft.
Am Freitag ist in der griechischen Hauptstadt eine große Schüler- und Studenten-Demonstration geplant. Es wird befürchtet, dass es wieder zu Ausschreitungen zwischen Polizisten und Jugendlichen kommt. Bereits am Montagmorgen wurde eine Gruppe von Polizisten vor dem Kulturministerium im Stadtviertel Exarchia mit einer Kalaschnikow und einem Revolver beschossen. Einer der Polizisten, der 21-jährige Diamantis Mantzounis, liegt schwer verletzt im Krankenhaus. Ein paar Tage zuvor war in der Athener Umgebung auf einen Polizeibus und einen Regionalzug geschossen worden.
Die Schießereien verbreiten in Athen ein großes Gefühl von Unsicherheit. Die Ermittler befürchten, dass hinter den blinden Schüssen die seit 2003 bestehende linksextreme terroristische Organisation „Revolutionärer Kampf“ (EA) steckt, die schwer bewaffnet ist und nach den letzten Ausschreitungen offenbar frisches Blut gefunden hat. Die neue Generation der Terroristen scheint Teil dieser Organisation oder aus ihr geboren zu sein.
Bis jetzt gab es jedoch kein ernstzunehmendes Bekenntnis einer Terrororganisation zu dem Anschlag auf den Polizisten. Das wirft in Bezug auf die Identität der Täter noch mehr Fragen auf und verstärkt die Angst, dass es zu einem weiteren Anschlag kommen könnte. Der bekannte griechische Kriminologe Giannis Panousis warnt, dass man nicht voreilig zu Schlussfolgerungen kommen sollte. „Nicht hinter jedem kriminellen Akt befindet sich eine terroristische Organisation. Wir alle, Polizisten, Politiker, Journalisten, müssen uns davor hüten, vorschnell über einen neuen Terrorismus zu sprechen, bis nicht die Neo-Terroristen selbst ihre Identität bekannt geben“.
Die Ermittler stützen ihre Befürchtungen, dass es sich um die Gruppe „Revolutionärer Kampf“ handelt, auf die Waffen, die für den Anschlag am Montagmorgen benutzt wurden. Die Maschinenpistole vom Typ MP5 wurde bereits bei einem Anschlag am 30. April 2007 auf die Polizeistation des Athener Stadtteils Nea Ionia benutzt. Die Untersuchung ergab außerdem, dass das ebenfalls beim Anschlag am Montag verwendete Kalaschnikow-Sturmgewehr dieselbe Waffe ist, mit der am 23. Dezember Unbekannte auf einen Polizeibus auf dem Universitätsgelände im Stadtteil Goudi geschossen haben.
Zu dem Angriff bekannte sich später eine eher unbekannte Gruppe namens „Volksaktion“. Die meisten griechischen Medien hatten diesen Angriff jedoch dem „Revolutionären Kampf“ zugeordnet. So prüfen die Ermittler auch die Möglichkeit, ob es sich um eine Gruppe von ehemaligen Mitgliedern des „Revolutionären Kampfes“ handelt, die sich aber von der Gruppe getrennt und einen neuen Aktionsplan aufgenommen haben, der einer härteren Linie folgt.
Am 12. Januar 2007 hatte die Gruppe ihren großen Auftritt bei einem Anschlag mit einer Panzerfaust auf das zentral gelegene Gebäude der US-Botschaft. Die Gruppe bekannte sich zu dem Anschlag mit einem Schreiben, das den Krieg gegen den internationalen Terror verurteilte. Die meisten Anschläge, die die Organisation verübte, hatten die Polizei als Ziel.
Die Tageszeitung To Ethnos schreibt, dass die Polizei davon ausgeht, dass die Organisation über eine gut ausgerüstete Waffenkammer verfügt mit modernen und scharfen Waffen, wie zum Beispiel Raketen des Typs RPG-7. Mit diesem Typ wurde auch gegen die US-Botschaft geschossen. Es wird geschätzt, dass ein großer Teil der Ausrüstung aus dem Ausland importiert wird, besonders aus Albanien. Gleich nach dem Anschlag gegen den Polizisten am Montag wurden 74 Menschen festgenommen, unter ihnen auch ein junger Albaner. Er wird des Transports von Waffen aus Albanien verdächtigt, zudem scheint er enge Verbindungen zu einem historischen Mitglied der Autonomenbewegung zu haben.
Bis jetzt haben jedoch die Ermittlungen, an denen nach Angaben der griechischen Medien auch das FBI teilnimmt, keine heiße Spur ergeben. Hochrangige Offiziere kritisieren, dass nach der Zerschlagung der terroristischen Organisation „17. November“ im Jahre 2002 und nach den Olympischen Spielen 2004 erfahrene Ermittler in der griechischen Antiterrorbehörde durch neue Angestellte ersetzt worden sind, die nicht effektiv in der Terrorismusbekämpfung vorgingen.