Griechenland

Exarchia - Athens Stadtteil der Anarchie

Wer zurzeit mit dem Taxi in den Athener Stadtteil Exarchia fahren will, hat ein Problem. „Dorthin fahre ich nicht“, sagen die meisten Taxifahrer. So auch der streng dreinblickende 60-jährige Taxifahrer, der sich dennoch umstimmen lässt. Es ist Mittwochabend gegen 20 Uhr. Die Straßen im Athener Stadtzentrum sind leer. Im Autoradio laufen auf allen Sendern Berichte über die Krawalle, die gerade in der Gegend rund um das Polytechnikum in Exarchia stattfinden.

Das historische Gebäude der Universität, dort, wo 1973 der Studentenaufstand von der Obristenjunta brutal niedergeworfen wurde, ist von Autonomen besetzt. Es ist die fünfte Nacht, in der die griechische Hauptstadt der Wut der Randalierer machtlos gegenüber steht. Immerhin: Es ist ruhiger als in den anderen Nächten. Doch Zusammenstöße zwischen den Randalierern und der Polizei bleiben auch in dieser Nacht nicht aus.

Fotis, ein 43-jähriger Grieche, sitzt allein in einer leeren Bar mitten in diesem Stadtviertel. Er blickt melancholisch aus dem Fenster. Vor einem Jahr ist er vom nördlichen Athener Nobel-Vorort Pendeli nach Exarchia umgezogen, um dort den Puls der Stadt zu fühlen. Nach Exarchia ziehen viele Intellektuelle wegen der alternativen Szene, die sich dort etabliert hat. Sie schätzen die  Nachbarschaftsatmosphäre des Stadtviertels und sitzen gern in den gemütlichen Cafés und Gaststätten in den klassizistischen Gebäuden.

Nun schlägt der Puls der Stadt plötzlich ganz anders, als Fotis es erwartet hatte. Denn das Szene-Viertel Exarchia gilt zugleich als die Hochburg der Autonomen und Anarchisten – es ist der Athener Stadtteil der Anarchie. Die meisten Cafés und Bars von Exarchia sind geschlossen, auf der Straße parken nur wenige Autos. Die Einwohner haben ihre Wagen irgendwohin gebracht aus Angst, dass diese durch Molotowcocktails verbrannt werden könnten. Die Hauswände sind mit Parolen gegen die Polizei bemalt: „Bullen, Ihr Mörder!“. Das Zentrum von Athen gleicht einer Geisterstadt.

In der Skoufastraße, die Exarchia mit dem Nobelviertel Kolonaki verbindet, sind die meisten Fensterscheiben der Geschäfte zerborsten, Müllcontainer sind ausgebrannt und stehen als Wracks am Straßenrand, der scharfe Geruch des Tränengases, das die Polizei eingesetzt hatte, hängt noch immer in der Luft. Nur wenige Passanten sind unterwegs. Deren Blicke begegnen sich misstrauisch.

Ein paar Straßen entfernt von diesem Ort ist vorigen Samstagabend der 15-jährige Alexandros Grigoropoulos von einem Polizisten erschossen worden. Der Polizist hat sich von dem jungen Mann und ein paar anderen Jungen bedroht gefühlt. Er habe drei Warnschüsse abgefeuert, sagte er der Staatsanwaltschaft am Mittwoch. Die Autopsie der Leiche des 15-Jährigen ergab, dass er von einem Querschläger getötet wurde. Augenzeugen berichten aber das Gegenteil: Der Polizist soll direkt auf den Leib des Jungen geschossen haben.

Seit diesem Vorfall erlebt Griechenland die heftigsten Unruhen seit der Rückkehr zur Demokratie im Jahr 1974. Hunderte von Geschäften sind verbrannt, Dutzende von Menschen verletzt. Die Protagonisten sind Autonome, Anarchisten, unbekannte Kapuzenträger, aber auch einfache Schüler und Studenten. Doch niemand weiß genau, wer sich hinter den vermummten Randalierern verbirgt. Für die Einwohner von Exarchia ist all dies nichts Neues. Sie sind bereits öfter einem verbrannten Autowrack aus dem Weg gegangen. Sie kennen das Katz-und-Maus-Spiel zwischen der Polizei und den so genannten Autonomen in den schmalen Straßen ihrer Gegend schon seit Jahren.

Die beiden Gruppen bestimmen immer stärker das Straßenbild. Das führt dazu, dass sich immer weniger junge Leute, die nicht zur alternativen Szene gehören, abends und nachts auf die Straßen von Exarchia trauen. Auf dem zentralen Platz des Stadtteils befindet sich zudem der berühmteste Drogenumschlagplatz Athens. Die griechischen Medien reden oft über einen „eigenen Staat“, der in Exarchia geschaffen wurde. Nach Schätzungen der Behörden sind 500 bis 2000 Menschen in der Autonomiebewegung aktiv. Viele von ihnen haben ihre Stammplätze in dieser Gegend.

Im März 2007 hat die Tageszeitung „To Vima“ die Ergebnisse eines Geheimberichts der griechischen Polizei über Exarchia veröffentlicht. Dort wird über das Racheverhältnis zwischen den Autonomen und der Polizei gesprochen, sowie über die drei angeblichen Führer der Autonomen, einen 60-jährigen Bankangestellten, einen 39-jährigen Autonomen aus Exarchia und einen 47-Jährigen aus der Hafenstadt Patras.

Die griechische Polizei verfolgte bisher in dieser Gegend eine defensive Taktik. „Die Befehle in Exarchia sind andere als die in den übrigen Stadteilen“, gab am Montag der Gewerkschaftspräsident der sogenannten Sonderwache Vasilis Doumas gegenüber den griechischen Medien zu. Es werde befohlen, eine direkte Konfrontation mit den Autonomen zu vermeiden und niemanden festzunehmen, erklärte er. Der 37-jährige Polizist, der den Jungen getötet hatte, war acht Jahre lang in der Polizeistation von Exarchia eingesetzt. Er ist wegen seines harten Durchgreifens mit dem Spitznamen „Rambo“ bekannt.

Die Einwohner von Exarchia klagen seit Jahren gegen die Ghettoisierung ihrer Nachbarschaft. Zusammen mit den Geschäftsinhabern haben sie Mitte Oktober gegen die Drogen und die Präsenz der Polizei protestiert. „Aus unserer täglichen Erfahrung sind wir fest davon überzeugt, dass der Polizeistaat ein Teil des Problems ist und nicht die Lösung“, erklärte die Kommission der Bürgerbewegung der Einwohner Exarchia. Immer häufiger kommt es vor, dass Passanten auf der Straße von Polizisten zwecks Personalkontrolle aufgehalten werden. „Vergangenen Sommer haben sie sogar die 74-jährige Tante eines Freundes aufgehalten!“, erzählt ein 50-jähriger Soziologe, der anonym bleiben will.

Angeliki ist eine 30-jährige Archäologin. Sie wohnt zusammen mit ihren Eltern in einem Hochhaus gleich nordöstlich des Lykavittoshügels in Exarchia. Sie findet harte Worte für die Polizei. „Es geht schon seit Jahren so. Wir fühlen uns von der Polizei alleine gelassen. Sie kümmert sich nicht um die Einwohner. Wenn man in der Polizeistation anruft und sich über etwas beschwert, bekommt man selten eine Reaktion“, sagt sie wütend.

Die Einwohner klagen darüber, dass der Drogenhandel direkt vor ihren Haustüren stattfindet, ohne dass die Polizei eingreift. „Sie haben dieses Ghetto einzig dazu geschaffen, damit sie es als Sündenbock benutzen können“, sagt der Soziologe. Ihm ist klar, dass es sehr lange dauern wird, bis in das Viertel wieder ein normaler Alltag zurückkehrt, wie er einmal für dieses bunte Szeneviertel typisch war.

Dass sich die lange schwelenden Konflikte nun so stark entladen und vor allem Jugendliche unter den Randalierern sind, hat einen weiteren Grund: Griechenland liegt im EU-Durchschnitt auf dem ersten Platz bei der Jugendarbeitslosigkeit: Laut Eurostat sind in Griechenland 23 Prozent der Jugendlichen unter 25 Jahren arbeitslos. „Der Tod des Schülers war nur ein Anlass“, sagt die Psychologieprofessorin Fotini Tsalikoglou von der Pantion-Universität. „Er hat die Zündschnur für die große Explosion gelegt. Dahinter verbirgt sich eine komprimierte Verzweiflung. Viele junge Menschen leben mit der unerträglichen Erfahrung, dass es keine Zukunft gibt.“


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