Deutschland

Wie roter Bernstein

Vom Ziegel zum Bernstein – diese Verwandlung machen deutsche, polnische und russische Wissenschaftler in einem neuen Buch möglich und erheben die gebrannten Lehmklumpen damit in den Rang des wertvollsten und beliebtesten Exportguts der Ostseeküste. „Wie roter Bernstein. Backsteinkirchen von Kiel bis Kaliningrad“ heißt das rund 300 Seiten dicke Werk, in dem Theologen und Kunsthistoriker, Soziologen und Politologen Kirchen an der Ostseeküste erforschen. Die Reise führt in zwanzig bebilderten Essays von Kiel bis nach Kaliningrad.

Die Arbeit an dem Buch habe von 2003 bis 2008 gedauert, erzählt der Leiter des Projekts Wolfgang Grünberg, Professor für Praktische Theologie an der Universität Hamburg. Zum Abschluss verfassten insgesamt 22 Autoren in den vergangenen eineinhalb Jahren die nun vorliegenden Essays. Beteiligt waren an dem Buch noch weitaus mehr Hände und Köpfe: Im Beirat saßen 15 Professoren der Fächer Architektur, Kunstgeschichte, Theologie, Geschichte und Soziologie. Dreißig weitere Wissenschaftler unterstützten das Projekt.Bei der Auswahl der beschriebenen Kirchen suchten sie nach Orten, die als Beispiel stehen für eine bestimmte Richtung, eine bestimmte Zeit. „Lübeck zum Beispiel musste in jedem Falle aufgenommen werden, als wichtigste Stadt der Hanse“, erklärt Wolfgang Grünberg.

In Ostdeutschland würden in Wismar und Stralsund Backsteinkirchen erforscht, die zum Weltkulturerbe gehören. Weiter östlich auf der Strecke liegt das polnische Stettin (Szczecin). „Stettin haben wir aufgenommen als ehemals deutsche Stadt, die später polnisch wurde und zuvor schwedisch besetzt war, die also einen dreifachen Kontext hatte“, so Grünberg. In den ausgewählten Städten seien vor allem Rats- und Kulturkirchen untersucht worden.Während ihrer Forschungen entdeckten die Wissenschaftler einiges, das Kirchen beiderseits der Oder verbindet. Besondere Ähnlichkeit haben laut Wolfgang Grünberg zufolge die Kirchen in Kiel und Stettin. „In Kiel gab es damals 1945 eine Pommernkapelle für ehemalige Stettiner“, sagt er. Auch zwischen Kiel und Danzig bestünden bemerkenswerte Beziehungen. „Beide sind als Hafenstädte und Tore zur Ostsee von besonderer Bedeutung. Und doch gingen beide Städte ganz unterschiedlich mit ihren Kirchen um.“Der deutsche Historiker Arno Herzig ist einer der Autoren des neuen Buches. Er lobt die grenzüberschreitende Zusammenarbeit der Forscher und betont, wie nationalistisch Geschichte heute oft geschrieben werde. „Wenn wir aber den Menschen im Mittelalter verstehen wollen, dürfen wir nicht nur durch unsere Brille schauen“, sagt Herzig.

„Die Menschen im Mittelalter haben die Dinge nach ganz anderen Kriterien beurteilt.“Auf der polnischen Seite hat der Danziger Historiker Jakub Szczepański das Projekt geleitet. „Probleme konnten wir nur durch persönliche Treffen lösen“, erinnert er sich. Und so pendelten die Wissenschaftler immer wieder hin und her: zwischen Danzig und Hamburg, Stettin und Kaliningrad. „Wir haben dadurch sogar Freundschaften geschlossen“, freut sich der Pole. Auch für sich persönlich hat der ein oder andere Wissenschaftler durch die Erforschung der Kirchen und das intensive Betrachten des Backsteins interessante Schlussfolgerungen gezogen. „Das Entscheidende ist doch, dass kleine Einheiten dieses Steins durch gute Zusammensetzung gemeinsam die großartigsten Bauten schaffen“, sagt Projektleiter Wolfgang Grünberg.

Projektleiter Wolfgang Grünberg mit einem Leser in Danzig.
Foto: Katarzyna Tuszynska


Das Buch „Wie roter Bernstein. Backsteinkirchen von Kiel bis Kaliningrad“ wird am 20. November in der Kulturwissenschaftlichen Bibliothek Warburg in Hamburg präsentiert. Es kostet rund 40 Euro. Bisher ist das Werk nur in deutscher Sprache erschienen, jedoch mit englischer Zusammenfassung.


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