Ausnahmezustand in der östlichen Ägäis
Magal weiß, wie es geht. Wie man bis in die Türkei gelangt, um von dort aus nach Griechenland zu kommen. „Die Geschichte ist fast immer die gleiche“, sagt der junge Mann. Er ist einer der illegalen Einwanderer, die vor ein paar Tagen auf der Insel Leros eingetroffen und in einem Hotel, das als Sammellager dient, untergebracht worden sind. „Man bezahlt einen Betrag an den Schleuser, damit man von der Heimat bis in die Türkei kommt. Dort steigt man in ein Boot, mit dem man nach Griechenland gebracht wird. An der türkischen Grenze zum Iran gibt es eine ganze Stadt, die von diesem Geschäft lebt!“, behauptet er.
Schätzungen der griechischen Behörden zufolge befinden sich tausende Einwanderer an der türkischen Küste und warten auf eine Gelegenheit, die kurze Distanz auf dem Seeweg zu überqueren und nach Europa zu gelangen. Während der Zustrom von illegalen Einwanderern nach Italien und Spanien drastisch abgenommen hat (auf den Kanarischen Inseln nach Schätzungen der Organisation Ärzte ohne Grenzen sogar um 60%), sind die Inseln Leros und Patmos in der Ostägäis neue Schauplätze der illegalen Migrationswellen aus Asien und Afrika.
Die griechischen Behörden sind überfordert. 2007 landeten auf Leros insgesamt 945 Migranten, dieses Jahr waren es bis Anfang September schon über 2.500. In Patmos waren es voriges Jahr 800, bis heute zählt man schon über 3.500. Eine ähnliche Situation erleben die Inseln Samos und Mitylini. Die griechische Küstenwache und die Polizei verfügen nicht über ausreichend Personal. Und die kleinen Krankenhäuser auf den Inseln können für die Massen illegaler Migranten nicht die nötigen Gesundheitsuntersuchungen durchführen. Außer der humanitären Schieflage entsteht so zusätzlich eine Gefahr für die öffentliche Gesundheit.
In der Ostägäis herrscht der Ausnahmezustand. Jedoch kein offizieller – dazu scheint der griechischen Regierung die Situation noch nicht dringlich genug zu sein. Die griechische Tageszeitung To Ethnos hat Anfang September einen Artikel mit Fotomaterial veröffentlicht, das zeigt, wie ein Boot der türkischen Küstenwache mit illegalen Einwanderern an Bord versucht, die Flüchtlinge in griechische Gewässer zu bringen.
Die griechische Außenministerin Dora Bakogianni äußerte sich zu diesem Thema nicht besonders umsichtig. Sie erklärte schlicht, dass alle informiert seien und dass die nötigen Schritte eingeleitet sind. Dem griechischen Regierungssprecher zufolge werden die Illegalen in den meisten Fällen in die Türkei ausgewiesen. So sieht es ein 2002 in Kraft getretenes Abkommen zwischen Griechenland und der Türkei vor. In Wahrheit hat die Türkei das Abkommen jedoch nie eingehalten.
Denn von den seit 2002 gestellten 47.065 Abschiebungsanträgen aus Griechenland sind nach Regierungsangaben nur 2.133 von der Türkei angenommen worden. Die Griechen hoffen, dass Brüssel über die Hoffnungen der Türkei auf eine EU-Mitgliedschaft Druck auf Ankara ausüben kann, die Schmuggelmafia auf ihrem Staatsgebiet zu bekämpfen. “Die Europäer müssen die Türkei davon überzeugen, auch mit der EU ein Abkommen zu unterzeichnen. Nur dann wird sich die Türkei an das Abkommen halten”, betont Alexandros Zavos, Leiter des Instituts für Immigrationspolitik.
In der Türkei scheinen jedoch zu viele vom Menschenschmuggel zu profitieren, als dass es eine ernsthafte Absicht gebe, Gegenmaßnahmen zu ergreifen. Am 14. Mai berichtete die türkische Tageszeitung Hürriyet, dass die Bürgermeister-Kandidatin der Genç-Partei in der Stadt Kemalpaşa selbst Kopf eines Schmugglerrings war. „Die Schmugglermafia ist sehr stark. Das Ganze wird von Unternehmen in Europa und selbst in Griechenland unterstützt, um illegale Einwanderer in der Landwirtschaft oder in Fabriken unter Sklavenbedingungen auszubeuten“, sagt ein Kenner der Situation auf der Insel Leros. In der griechischen Presse wird oft berichtet, dass die Schleuser Verbindungspersonen in Griechenland haben. Zu oft kommt es vor, dass die Schleuser wissen, wann die griechische Küstenwache patrouilliert und die Abfahrtspläne der Schlauchboote danach planen.“
Dem Abkommen zufolge müssen Menschen, die illegal in unsere Gewässer gelangen, zur griechisch-türkischen Grenzlinie zurückgebracht werden. Die türkische Küstenwache ist dazu aufgefordert, sie zurückzunehmen. „Aber in den meisten Fällen reagieren die Türken nicht auf uns. Sie ignorieren uns einfach, daher schicken wir mittlerweile keine Meldungen mehr ab. Wir sammeln stattdessen die Migranten ein, weil wir wissen, dass sie versuchen werden, wiederzukommen“, sagt ein griechischer Küstenwächter, der seine Anonymität wahren will.
Magal zeigt auf einer Asienkarte den Weg von Afghanistan nach Leros. Zweieinhalb Monate war er unterwegs, per Bus und zu Fuß durch Gebirge und Städte. In Pakistan reiste er von Kandahar aus in die Stadt Quetta und von dort in den Iran. Schließlich ging es in die Türkei, erste Station war die Stadt Van. „Von dort wurden wir nach Ankara, dann Istanbul und dann an die Küste in Izmir gebracht“, sagt er.
An der Treppe des Hotels, in dem Magal untergebracht ist, stehen junge Migranten zwischen 15 und 25 Jahren. Ihren Blicken merkt man Erschöpfung und Sorge an. Doch nur einer von ihnen, ein Iraker, bereut die lange Reise. Fast alle dieser Männer haben ein Ziel: Piräus – und von dort entweder nach Athen oder in eine andere griechische oder europäische Großstadt.
In der Hafenstadt Patras, wo sich die meisten befinden, um die Fähre nach Italien zu nehmen, leben die Migranten mittlerweile unter Elendsbedingungen in improvisierten Lagern. Nach Angaben der Organisation Ärzte ohne Grenzen wurden Migranten aus Afghanistan mit Ketten aneinander gefesselt, damit sie nicht auf die Fähren gelangen. Die Organisation behauptet, dass ein französischer Fotograf, der Bilder davon machen wollte, von einem Angestellten der griechischen Küstenwache verprügelt wurde. Am Dienstag attackierten 150 Migranten aus Afghanistan die Hafenpolizei, nachdem ein Afghane blutend aufgefunden worden war.
Dies alles wissen die Neulinge auf Leros nicht, die hoffnungsvoll auf das Ticket nach Piräus warten. Die Sonne scheint noch, die Leute sind nett. Eine Bürgerinitiative auf Leros sorgt dafür, dass die Flüchtlinge – vor allem die Minderjährigen – in ihrem Hotel alles Nötige haben. Der Hotelbesitzer hat sogar einen 16-Jährigen Afghanen adoptiert.
Auf der Insel Patmos ist das anders: Das Elend ist gleich am Hafen zu sehen: Die Migranten kampieren vor dem Büro der Küstenwache. Der Besitzer der alten Disko, die vorher als Sammellager gedient hatte, hatte sich geweigert, die Illegalen unterzubringen. Denn der Staat hat ihm keine Miete dafür gezahlt.
Die Hotelbesitzer der kosmopolitischen Insel möchten ihrerseits das Angebot des Staats nicht annehmen um für einen gut bezahlten Preis Räume zur Verfügung zu stellen. Im Hof des Polizeigebäudes kauern Dutzende Menschen dicht an dicht auf dem Boden und warten auf das Boot nach Piräus. Zuvor wird ihnen ein Dokument in die Hand gedrückt, auf dem steht, sie sollen das Land innerhalb von 30 Tagen verlassen. Ein nutzlose Geste, da sich die meisten ohnehin nicht daran halten. Mittlerweile hat der Disko- Besitzer die Miete bekommen und die Räume wieder für die Unterbringung der Migranten bereitgestellt. Die Gemeinde Patmos hat entschieden, ab 20. September den Hafen abzusperren für diejenigen Schiffe, die Migranten an Bord haben, falls die griechische Regierung nicht bald die Lage an den Küsten ändert.