Bulgarien

Kaum einer will mehr ins Ausland

Lilia Lozanova kann sich entspannt zurücklehnen. In zwei Monaten endet ihr Arbeitsvertrag bei einer großen Firma für Medienanalyse. Doch die 23-Jährige hat bereits mehrere neue Jobangebote in der Hinterhand – und das, obwohl sie sich nicht einmal besonders gekümmert hat. „Ich suche jetzt seit einem Monat eigentlich nur nebenher, und es gibt sehr viele freie Stellen. Vor ein paar Jahren sah das noch ganz anders aus“, sagt sie.

Tatsächlich werden gut ausgebildete junge Menschen wie Lilia Lozanova in Bulgarien händeringend gesucht. Aber nicht nur sie. Auch an weniger qualifizierten Arbeitnehmern herrscht Bedarf. Fast eine Million Bulgaren sind seit der politischen Wende von 1989 ins Ausland emigriert – bei einer Bevölkerungszahl von acht Millionen. „Die Konsequenz bekommen wir jetzt zu spüren“, klagt Nadezhda Lyudomirova, Marketing Manager bei Job-Tiger, einer bulgarischen Online-Jobagentur.

Der Mangel an Arbeitskräften könnte in Zukunft für Bulgarien zu einem der dringendsten Probleme werden. Die bulgarische Baukammer schätzt, dass allein in der Bauwirtschaft in diesem Jahr circa 20.000 Arbeiter fehlen werden. Baufirmen denken bereits daran, Arbeiter aus Vietnam anzuheuern, und die Regierung will Arbeiter aus anderen osteuropäischen Nicht-EU Ländern mit einer Greencard locken. Auch die bulgarische Arbeitgebervereinigung kümmert sich bereits intensiv darum, im Ausland lebende bulgarische Fachkräfte zurück ins Land zu holen.

Ein Bericht der Weltbank gibt Hoffnung: Demzufolge möchten 70 Prozent der Auslandsbulgaren wieder zurück in ihre Heimat. „Besonders gefragte Bereiche sind der IT-Sektor und Marketing. Es fehlen Ingenieure, aber auch Arbeiter für die Schwerindustrie, Gastronomie und Bauindustrie“, zählt Plamen Voutchev von der Online-Arbeitsagentur jobs.bg auf. Grund dafür ist das Wirtschaftswachstum, das seit einigen Jahren bei konstant sechs Prozent liegt. Die Arbeitslosenrate ist auf 6,8 Prozent gesunken, in der Hauptstadt Sofia herrscht quasi Vollbeschäftigung. Tourismus und Bauwesen boomen, überall im Land entstehen neue Hotelkomplexe, Bürogebäude und Einkaufzentren. „In den letzten Jahren kamen viele ausländische Firmen nach Bulgarien, was dazu führt, dass die Löhne sprunghaft gestiegen sind“, erkärt Plamen Voutchev.

So ist es nicht verwunderlich, dass der Wunsch junger Bulgaren, zum Arbeiten ins Ausland zu gehen, geringer wird. Laut einer Untersuchung des Analyse-Instituts Mediana in Sofia wollten 1999 noch 64 Prozent der 18- bis 35-Jährigen ihr Glück im Ausland suchen. 2008 waren es nur noch knapp über 30 Prozent. „Viele junge Menschen haben mittlerweile bereits Erfahrungen im Ausland gesammelt“, sagt Kolio Kolev, der Leiter des Instituts. „Und sie haben verstanden, dass Europa kein Paradies ist.“ Zwar sei das Interesse an einem Studienplatz im Ausland nach wie vor groß, nicht zuletzt wegen der schlechten Ausbildungsbedingungen an den bulgarischen Universitäten. Aber die meisten jungen Leute möchten danach wieder nach Bulgarien zurückkommen.

Und gerade für Menschen mit Auslandserfahrung bieten sich attraktive Möglichkeiten, weiß Plamen Vouchev von jobs.bg: „Bulgarien ist ein Land mit einer im positiven Sinne chaotischeren Ökonomie. Der Vorteil ist, dass vieles noch nicht so etabliert ist, es gibt viele Gestaltungsfreiräume. Hier können Rückkehrer Erfahrungen umsetzen, die sie woanders gemacht haben.“

Eines hat sich durch den wirtschaftlichen Aufschwung allerdings nicht gebessert: Noch immer ist Bulgarien das Land mit den niedrigsten Durchschnittslöhnen in der EU. In vielen Bereichen reicht das Gehalt kaum zum Überleben – vor allem im öffentlichen Dienst und auf Stellen, die keine besondere Ausbildung erfordern. Maria und Krassimir Dimitrov zum Beispiel sind beide Ende zwanzig und arbeitslos. Sie hatten verschiedene Jobs, haben als Verkäuferin und Barkeeper gearbeitet, ohne Ausbildung. Im Sofioter Arbeitsamt schauen sie regelmäßig nach Angeboten. „Es gibt zwar freie Stellen – aber das Gehalt? 200 Leva, rund 100 Euro, gibt es. Die gehen doch schon fast für die monatliche Fahrkarte zur Arbeitsstelle drauf.“ Dabei steigen die Preise, besonders Lebensmittel werden in Bulgarien immer teurer. Dennoch: Ins Ausland zu gehen, käme für die beiden nicht in Frage, allein schon wegen ihrer zweijährigen Tochter.

Waren es in den 90er Jahren vor allem Hochqualifizierte, die aus Bulgarien ausgewandert sind, verschiebt sich das Profil jetzt in Richtung der weniger qualifizierten Arbeitskräfte. Aber selbst die haben immer weniger Interesse an einem Job im Ausland, beobachtet Slavka Radeva. Sie koordiniert das europäische Portal für berufliche Mobilität EURES bei der bulgarischen Beschäftigungsagentur. In den letzten Jahren hat sie tausende Bulgaren als Erntehelfer vermittelt, vor allem nach Spanien. „Saisonarbeit ist bei uns populär“, erzählt sie. Spanien, Deutschland, England, Irland sind die beliebtesten Ziele. Die Schweiz wäre attraktiv für die Wintersaison im Tourismussektor. „Aber die Leute wollen meist nur für eine kurze Zeit ins Ausland, Geld verdienen und dann wieder zurückkommen. Die wenigsten suchen wirklich etwas auf Dauer.“ Insgesamt bekam Radeva im letzten Jahr 300 Arbeitsangebote für das Ausland – und viel mehr bulgarische Bewerber haben sich für die Stellen auch nicht gemeldet. „Die Verwurzelung in der Heimat, das Verhältnis zu Familie und Freunden ist in Bulgarien ausgesprochen eng“, sagt Slavka Radeva. „Deshalb gehen die Leute entweder nur, wenn es absolut lebensnotwendig ist. Oder sie wollen etwas Neues kennen lernen und kommen danach zurück.“


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