Bulgarien

Kein Klagelied - Eine Opernsängerin in Rente

Es rauscht. Etwas verzerrt und wie aus weiter Ferne ist Musik zu hören, Sprachfetzen. Der Österreichische Rundfunk, Klassikprogramm. Nur mühsam finden die Sendewellen ihren Weg von Österreich bis zu dem kleinen, kantigen, braunen Transistorradio von Vassija Radeva in Bulgarien. Aber einmal dort angekommen, werden sie dankbar empfangen. Musik hören, das ist für die 83-jährige Dame eine Lebensnotwendigkeit. Wie das Atmen, das Essen. Schon als Baby im Bauch ihrer Mutter haben sie die Töne geprägt. Als ihre Mutter, schwanger mit ihr, auf der Bühne stand und "La Bohème" sang.

Das war 1924. Damals war Sofia noch ein kleines Städtchen. Am Ende der Straße, in der Vassija Radeva und ihre Familie seit 70 Jahren wohnt, hörten die Häuser auf. Dahinter kam nur noch ein kleiner Bach und Wiese. Heute erstreckt sich die Stadt weit darüber hinaus, dehnt sich bis in die Plattenbaugebiete und die neuen Villengegenden am Fuße des Berges Vitosha.

Vassija Radeva stellt das Radio aus und rührt in ihrem Kaffee. Die schmale Frau lehnt sich in ihren Sessel zurück. An den Armlehnen ist der Stoff abgewetzt. Schwere silberne Ohrringe zum kurz geschnittenen grauen Haar, roter Lippenstift. Neugierige, warme, lebendige Augen blicken geradeaus in die Welt, in eine Welt mit einem weiten Horizont. Aber immer schon schaut Vassija Radeva lieber in die Vergangenheit als in die Zukunft. "Ich bin Krebs, ich gehe immer rückwärts", sagt sie, ihre Hände fahren dabei energisch seitwärts durch die Luft wie die Beinchen eines Flusskrebses.

Vassija Radeva wohnt im ehemaligen Schlafzimmer der Eltern. Parkettboden mit dicken Teppichen, das Sofa verwandelt sie nachts in ein Bett. Der Vater war General, die Mutter Sängerin an der Sofioter Oper. Fotos zeigen die Mutter in verschiedenen Rollen auf der Bühne, in verschiedenen Kostümen, an der Seite verschiedener Männer. Als erste Frau in Bulgarien sang sie die Aida. Klassische Musik war zu diesen Zeiten in Bulgarien noch fast unbekannt, mit Enthusiasmus und Vaterlandsliebe wirkten die Eltern mit an der Verbreitung von Kultur und freiheitlichem Geist in ihrem Land. Es wurde französisch gesprochen und deutsch. Ein paar Jahre verbrachte die Familie in Berlin, in der Vorschule lernte Vassija Radeva die deutsche Sprache. Noch heute spricht sie fehlerfrei. Nur manche Wörter wollen ihr nicht mehr so schnell einfallen.

Von dem einstigen Wohlstand der Familie ist ihr nicht viel geblieben. Der Kommunismus hat das Leben der Radevs radikal verändert. 1946 wurden sie aus Sofia verbannt, die Stadtrechte wurden ihnen entzogen, man warf sie aus ihrer Wohnung. Ein Kommunist sagte ihr und ihrem Bruder damals: Das habt ihr euren Eltern zu verdanken. Das Mädchen hat ihm geantwortet: Nein, das sehen Sie ganz falsch. Ihnen verdanken wir, dass wir ehrliche und aufrichtige Menschen, dass wir Persönlichkeiten sind.

Persönlichkeit - ein Wort, das Vassija Radeva oft benutzt. Es folgten schwere Zeiten, in denen es Vassija Radeva gegen die Widerstände der Partei gelang, eine eigene Gesangskarriere aufzubauen. Sie sang an der Oper, sie gewann Preise. Man gab ihr und schließlich ihrer Familie die Stadtrechte zurück, doch die Wohnung war in der Zwischenzeit besetzt, zu elft mussten sie von nun an zusammenleben. Dann starb ihr Vater, ihr Bruder wurde nach Belene verschleppt, eine Insel in der Donau, auf der die Kommunisten ihre Gefangenen einsperrten.

Vassija Radeva schaut zu Boden, sie schweigt. Manchmal ist auch ihr die Vergangenheit etwas zu viel, noch immer zu nah, zu gegenwärtig. Doch sie schaut nicht mit Bitterkeit zurück. Nur mit Traurigkeit. "Ich habe keinen Hass", sagt sie schließlich bestimmt, das ist ihr wichtig. Für Hass ist kein Platz in ihrem Denken und Fühlen. Auch das ist ein Teil dessen, was eine "Persönlichkeit" ausmacht. 



Die 83-jährige Vassija Radeva war einst eine bekannte bulgarische Opernsängerin. / Bistra Boshnakova, n-ost

Ihre Wohnung haben die Radevs nie ganz zurückbekommen. Seit ihr Bruder vor neun Jahren starb, teilt sich Vassija Radeva zwei Zimmer und ein Bad mit ihrer Schwägerin. Der Rest gehört anderen Familien. Mit ihrer Schwägerin versteht sie sich ausgezeichnet. Die beiden Frauen sind höflich, rücksichtsvoll, denn nur so funktioniert ein Zusammenleben in beengten Verhältnissen. Eigenschaften, die ihnen in die Wiege gelegt wurden, wie vieles andere auch. "Die Kinderstube ist das wichtigste", sagt Radeva und wieder fällt das Wort Persönlichkeit.

Vassija Radeva fasst sich ans linke Knie, sie muss es heute schonen. Die dritte Spritze hat sie bekommen, gegen das Wasser, das sich seit einem Sturz auf der Treppe im Hausflur zwischen den Gelenken sammelt. "Meine gesamte Rente geht in mein Knie", scherzt sie, wie so oft, wenn es um Dinge geht, die sie nicht ändern kann.

160 Lewa bekommt sie, das sind 80 Euro. Damit liegt sie im bulgarischen Renten-Durchschnitt. Auch was die Renten angeht, ist Bulgarien europäisches Schlusslicht. Im letzten Jahr hat Vassija Radeva eine Rentenerhöhung bekommen. 15 Stotinki gab man ihr zusätzlich, das sind sieben Cent. "Ich freue mich über diese 15 Stotinki, denn ich verdiene sie", sagt sie mit gespieltem Stolz in der Stimme.

Nur wenigen gelingt es, ihre Lage ähnlich humorvoll zu nehmen. 2,5 Millionen Rentner gibt es in Bulgarien, das sind etwa 30 Prozent der Bevölkerung. Viele ältere Menschen müssen auch nach der Pensionierung noch arbeiten, für die hohen Heizkosten im Winter, für das normale Überleben. Als Nachtwächter, als Putzfrauen, als Blumen- und Gemüseverkäufer auf dem Markt oder einfach auf der Straße.

Von Vassijas Freunden und Kollegen sind nur noch wenige geblieben. Sie treffen sich regelmäßig. Aber das sei manchmal traurig, sagt sie. Viele seien in keinem guten Zustand. Gesundheitlich, aber auch mit sehr beschränkten Möglichkeiten zum Leben. "Wir fragen: ‚Wie geht es Dir?' Und man antwortet: ‚Du weißt ja, es geht allen so, was soll ich Dir sagen?' Wir verbergen unsere Situation nicht, aber wir werden auch nicht jammern. Denn man hat seinen menschlichen Stolz. Und das wichtigste ist, auch diese Situation mit Kultur und Anstand zu überstehen."

Zum Glück hat sie selbst gute Freunde und Verwandte in Österreich, die ihr unter die Arme greifen. Sie bekommt ein wenig Miete von der Wohnung der Mutter, die man der Familie im Zuge der Restitution nach der Wende zurückgegeben hatte. Ohne diese Einkünfte müsste sie wegen der teuren Medikamente wie die meisten Rentner zu einer ärztlichen Kommission gehen und Unterstützung beantragen. Schrecklich sei das. "Man muss ewig warten und da sind wirklich alte Leute, die nur das Schlimmste reden." Sie kann es sich erlauben, sich dieses Erlebnis zu sparen.

Im letzten Jahr vor der Wende durfte sie nach Wien reisen. Sie konnte ihr Glück kaum fassen als man es ihr gestattete. Sie hat dort Verwandte, Freunde, die sie einluden, die ihr Geld gaben, damit sie die Konzerthäuser besuchen konnte. Zum ersten Mal hörte sie Gustav Mahler, die 5. Sinfonie. Die Tränen liefen ihr über die Wangen und sie fragte sich: Warum können meine Leute das nicht erleben? Die Wendezeit hat Vassija Radeva wie die meisten mit viel Hoffnung erlebt. Sie nahm an Versammlungen teil, die viel versprachen.

Aber ihre Erwartungen wurden bald enttäuscht. Auf die Reden folgten keine Taten, es gab nicht genug Erfahrung, den neuen Anführern fehlte es an den nötigen Eigenschaften: Korrektheit, Ehrlichkeit, Arbeitsamkeit. Das seien eben keine Persönlichkeiten. Radeva ärgert sich über die Mentalität derjenigen, die heute mit ihren verdunkelten Jeeps durch Sofias Straßen rasen. Alles an ihnen ist ihr zuwider - die Respektlosigkeit, die Profitgier, die Skrupellosigkeit.

"Das gute Wort öffnet dir die Tür". Sprichwörter wie diese, die Vassija Radeva ein Leben lang geleitet haben, scheinen in dieser Welt so unnütz und deplatziert wie ein Ballkleid auf dem Jahrmarkt. "Heute kann man wenigstens offen reden. Früher war das nicht möglich, die Leute hatten Angst. Man kann jetzt ruhig leben, aber alles ist teuer geworden. Das Leben ist teuer und schwer." Doch sie würde nie an den Protestversammlungen teilnehmen, die Rentner jede Woche vor der Alexander Newski Kathedrale veranstalten, um vom Staat mehr Geld zu verlangen.

Vassija Radeva schöpft ohnehin aus einem anderen Reichtum. "Ich bin reich an Liebe und Verehrung", sagt sie, und sie zehrt von den Erinnerungen an menschliche Begegnungen, an einmalige Erlebnisse, an die Errungenschaften ihres Lebens. Manchmal wird sie erkannt auf der Straße, eine Freundin schickt ihr einen Stollen aus Österreich, eine Nachbarin kommt vorbei und erzählt ihr die Neuigkeiten. Am Sonntag geht sie zur Totenfeier eines Cousins, damit dessen Frau nicht so alleine ist. Morgens füttert sie die Hunde, die auf der Straße vor der Wohnung leben. Und den Tag über hört sie Musik. "Ich habe nie Kompromisse gemacht. Ich habe mich nie beschwert. Und das Wichtigste ist: dass man sich behauptet als Mensch." So hat Vassija Radeva ihr Leben schon immer gemeistert. Daran können auch diese Zeiten nichts ändern.


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