Russland

Vergoldete Babynuckel für den Millionärsnachwuchs

Deutsche Unternehmen von Luxusgütern spekulieren auf die Kauflust der neuen RussenMoskau (n-ost) - Matthias Wintzer weiß, was seine Kunden wollen: Bevor er den Champagner reicht, zückt er einen royalblauen Blattgoldstreuer und lässt das Edelmetall in feinsten Flöckchen auf die prickelnde Flüssigkeit fallen. Auf dem Tisch stehen winzige Gläser mit güldener Avocadocreme und zum Dessert gibt es vergoldete Zigarren, 400 Euro das Stück. „Die sind meine neuste Geschäftsidee“, sagt der deutsche Wahlmoskauer nicht ohne Stolz und zieht genüsslich an einer dicken MonteCristo.Den Ort, wo er seine Erfindungen zum ersten Mal präsentiert, hat Wintzer mit Bedacht gewählt: ein großzügiger Stand auf der Moskauer „Millionaire Fair“, den er gemeinsam mit seinem russischen Geschäftsfreund und Experten für „Life Management“ sowie der Vermögensberatung der Deutschen Bank betreibt. „Hier bekommen die Kunden alles, was sie brauchen“, sagt Wintzer, der sich mit seiner Firma „Plus Ultra“ auf „exklusive und kreative Geschenke“ spezialisiert hat: vergoldete Babynuckel und ein im Design passendes Milchfläschchen, exklusive Manschettenknöpfe, ein Tastatur-und-Maus-Set im Edelholz-Look oder „das schwerste Handy der Welt – 200 Gramm und pures Gold“. Wintzer weiß, wie man Kunden ködert – früher hat er teure Federhalter verkauft und die Eigenheiten der russischen Geschäftswelt studiert. Das macht er sich jetzt zunutze. „Hier beruht alles auf Gegenseitigkeit und jeder muss jedem immer wieder etwas schenken - daraus wollte ich etwas machen“, sagt der Wahlmoskauer und Self-Made-Manager über sein Unternehmen. Sein Geschäftsfreund, der Russe Andrej Boronin verkauft „Lebensqualität“. Für bis zu 25 000 Euro im Jahr organisiert er für vielbeschäftigte Unternehmer und/oder deren Familien deren Leben: von der Auslandsreise bis zur Kinderbetreuung, vom Sicherheitsdienst bis zur chemischen Reinigung, von der exklusiven Einladung bis zum ausgefallenen Freizeitspaß. Der pure Luxus: Pelzträgerin auf der Millionärs-Messe in Moskau. Foto: Dana RitzmannMillionäre sind offenbar auch nur Menschen, die allerdings in Russland derzeit gehäuft auftreten. Es gibt diverse Synonyme für Reichtum: neue Russen, Oligarchen, Businessmeny. Sie alle profitieren von dem wirtschaftlichen Aufschwung des Landes und nennen hunderte, ja tausende Millionen Dollar ihr Eigen. Allein in diesem Jahr wuchs laut Forbes die Anzahl der russischen Milliardäre um weitere sieben an. Der reichste von ihnen ist nach wie vor der Öl-Oligarch und  Fußball-Club-Besitzer Roman Abramowitsch mit geschätzten 18,3 Milliarden Dollar. Während noch vor zwei Jahren fast zwei Drittel der 100 reichsten Russen ihr Geld mit Rohstoffen gemacht haben, steigen jetzt immer mehr Geschäftsleute auf, die in anderen Wirtschaftsbereichen wie Handel, Baugewerbe oder Nahrungsmittelproduktion erfolgreich sind.Wie viele von den 40 000 auf der „Millionaire Fair“ in diesem Jahr erwarteten Besuchern wirklich Millionäre sind, weiß wohl niemand so ganz genau. Aber allein die 22.000 Gäste im vergangenen Jahr sorgten nach Angaben der Veranstalter für einen Umsatz von 500 Millionen Euro. In diesem Jahr erhofft man sich mindestens genauso viel, wenn nicht noch mehr. Immerhin werden Inseln und Yachten für mehrere Millionen Euro das Stück angeboten, Rassepferde und Luxusschlitten gibt es für sechsstellige Summen und die neuesten Handys, mit Edelsteinen besetzt und in hochkarätigem Gold, kosten zwischen 20 000 und 1,4 Millionen Euro.
 
„Die meisten kommen sicher nicht gezielt hierher, um etwas Bestimmtes zu kaufen. Sie wollen sich vielmehr informieren und wir wollen sie inspirieren“, sagt Maria Iwanowa, Direktorin der Moskauer Niederlassung des Traditionsklavierbauers „Blüthner“. Die Leipziger, die in diesem Jahr bereits zum zweiten Mal bei der Millionaire Fair dabei sind, stellen drei wertvolle Instrumente auf ihrem Stand aus. Ein klassischer Flügel aus Nussbaum, ein besonders edler mit Bubinga-Furnier und der eigentliche Blickfang für die russischen Geschmäcker, ein 90.000 Euro teurer, weißer Flügel mit Blattgoldverzierungen aus der Reihe „Imperial“. Manchmal setzt sich Iwanowa, eigentlich Profipianistin von ihrer Ausbildung, einfach an eines der Instrumente und gibt ein kleines Spontankonzert. Im vergangenen Jahr habe sie vier Flügel direkt auf der Messe an den Mann gebracht, sagt die Managerin. Ein echter Erfolg, deshalb sind die Leipziger auch in diesem Jahr wieder dabei.Genau wie die Manager der Porzellanmanufaktur in Meissen. Nicht zu übersehen ist der opulente Stand am Eingang zu Halle vier: goldgerandetes Blütengeschirr im imperialen Design, ein mächtiger Porzellanadler und filigrane Figuren, handbemalt und auf Feinste modelliert. „Die Russen mögen es eher klassisch“, betont Exportdirektorin Liane Werner, die bereits seit Mitte der 90er Jahre den russischen Markt bearbeitet. Doch außer üppigen Vasen für 10 000 Euro das Stück und einem hauchzarten Tête-a-tête-Kaffeeservice in rostrot für 1,4 Millionen Rubel (40 000 Euro) haben die Sachsen auch etwas Modernes mitgebracht: „Die Tassen mit dem chinesischen Drachen darauf, die sprechen besonders junge Leute an und sind ein hübsches Accessoire fürs Büro oder den Singlehaushalt“, sagt Werner über den 240-Euro-Nobelkaffeepott. Im Vergleich zu 2005 ist die Millionärs-Messe dreimal größer. Das Geschäft mit dem Luxus boomt also. Dabei sieht man es nur wenigen Besuchern an, ob sie nun Millionär, Milliardär oder Otto-Normal-Verbraucher sind. Der neue Russe, der einst für sein protziges Auftreten bekannt war, ist out. Tatsächlich sei die Millionaire Fair gar keine Messe im eigentlichen Sinne, sondern vielmehr ein Lebensgefühl, formuliert ihr Erfinder Ives Gijrath. Und sein Landsmann, der Geschäftsführer von „Purple Square“ und Anbieter von neumodischen „Sonnenduschen“ schwärmt, die diesjährige Veranstaltung sei die „schönste Messe überhaupt, vom Design und der Atmosphäre“.Jury Bassiakow vom „German Medical Service“ aus München verkauft Gesundheit. „Wir bieten unseren Kunden eine medizinische Behandlung in Deutschland an und sorgen dafür, dass sie rundum betreut werden“, sagt der gebürtige Weißrusse, der jetzt als Psychologe und Übersetzer die betuchten Kranken aus Russland umsorgt, Visa organisiert und Behandlungsstrategien eruiert. Das Interesse sei überwältigend, sogar von jungen Leuten, die sich über den Service informieren, falls ihre Eltern krank werden sollten. „Das Gesundheitssystem in Deutschland hat einen hervorragenden Ruf, das ist das Pfund mit dem wir wuchern“, sagt Bassiakow. Die Preise dafür seien allerdings zu differenziert, als das man sie pauschal beziffern könnte. Billig sei es jedenfalls nicht, aber die Interessenten seien schließlich „prominent und wohlhabend“. Genau die will auch Gerd Würzburg auf sich aufmerksam machen. „Bisher haben wir uns auf die neue Mittelschicht  konzentriert, jetzt wollen wir auch das Luxussegment erschließen“, sagt der Marketingchef des deutschen Weinhändlers Pieroth in Russland. Aus diesem Grund sei man auf der Millionärsmesse eine Kooperation mit Gaggenau – Europas teuerste Hausgeräte – eingegangen und präsentiere den rheinhessischen Pinot Grigio im nüchternen Design modernster Technik. Die billigsten Flaschen für 500 Rubel (15 Euro) das Stück sind vermutlich das Günstigste, was man auf der Millionärsmesse überhaupt kaufen kann.

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