Abriss des legendären Hotels Rossija am Roten Platz
In Moskau verschwindet das mächtige Hotel „Rossija“ allmählich aus dem StadtbildMoskau (n-ost) - Wenn Alla Belikowa aus dem Fenster schaut, dann sieht sie den Zerfall. Am anderen Ufer der Moskwa, da wo Jahrzehnte lang das größte Hotel Moskaus, wenn nicht gar Europas stand, ist jetzt eine riesige Baustelle. Platte um Platte, Stockwerk um Stockwerk wird das „Rossija“ abgetragen – und es ist selbst in seiner Demontage noch eine Attraktion. „Immer mehr Gäste fragen bei uns, ob sie nicht vom Balkon der Bibliothek ein Foto machen können“, sagt Belikowa, die als Marketingmanagerin gegenüber bei der Konkurrenz im „Baltschug Kempinski“ arbeitet. Es sei höchste Zeit, dass der klobige Kasten endlich verschwindet, meint Belikowa. Mit Schrecken denkt sie an ihren eigenen Aufenthalt in dem 5000-Betten-Bau zurück. Das war 2002. „Es war schockierend“, sagt die 30-Jährige heute. „Am schlimmsten war der Frühstücksraum, der wie eine Sporthalle aussah, und überall roch es nach gebratenen Würstchen, die in riesigen Waschschüsseln auf dem Buffet standen.“Umbau Ost: An der Stelle des Rossija sollen neue Luxushotels in unmittelbarer Kreml-Nähe entstehen. Foto: Dana RitzmannMoskaus Chefarchitekt Alexander Kusmin bezeichnet den 1967 fertiggestellten Bau - ein gewaltiger weißverkleideter Kubus, gekrönt von einem 21-stöckigen Mittelturm mit einem messingverkleideten Dach – als „architektonischen Fehler“, dessen Daseinsberechtigung spätestens mit dem Zerfall der Sowjetunion beendet war. „Es ist klar, warum dieses Projekt einst realisiert wurde: Um den Anreisenden Parteitagsdelegierten aus allen Teilen des Landes eine angenehme Unterkunft in unmittelbarer Nähe zum Kremlpalast zu bieten. Aber haben wir heute noch solche Parteitage? Wohl eher nicht“, so Kusmin.Eines Überangebots an Hotelbetten kann sich Moskau allerdings auch nicht brüsten. Gerade im mittleren Preissegment wurde in den vergangenen Jahren kontinuierlich abgerissen. Was neu entsteht, sind schicke Fünf-Sterne-Häuser, deren Zimmerpreise mit weit über 400 Euro im Durchschnitt den Geldbeutel normaler Touristen und Geschäftsleute sprengen. Mit 70 Euro pro Nacht hinterlässt da der Abriss des „Rossija“ eine schmerzliche Lücke.
In den späten 60er Jahren war das „Rossija“ das „modernste Hotel der Sowjetunion“, mit einem Wannenbad in jedem Zimmer und allen Annehmlichkeiten in Reichweite: Eine Art Stadt in der Stadt mit diversen Restaurants und Boutiquen, Kinosälen und Konferenzräumen, Nachtclubs und Wellnesszentren. Hier logierten die Stars des Sowjet-Entertainments ebenso wie Bauarbeiter, Journalisten, Piloten, Stewardessen und Gäste aus den sozialistischen Bruderländern. Als „normaler Russe“ sei es zu Sowjetzeiten aber praktisch nicht möglich gewesen, ein Zimmer zu bekommen, erzählt Evelina Birjukowa aus Perm. Entweder man kam über eine Quote rein, die es für Betriebe und Institutionen gab, oder gar nicht. Insgesamt haben mehr als zehn Millionen Menschen im „Rossija“ genächtigt in den knapp vier Jahrzehnten seines Bestehens, darunter zwei Millionen Ausländer.Nicht schön, aber billig: Der Abriss des Rossija reißt eine Lücke in das Hotelangebot der russischen Hauptstadt, in der teure Luxushotels dominieren. Foto: Peter KollerUnter ihnen war auch der Dresdener Klaus-Dieter Böhme, der 1980 zum ersten Mal im Rahmen eines Wissenschaftleraustauschs in der Sowjetunion und mit der gesamten Delegation im „Rossija“ untergebracht war. Bis heute erinnert er sich gern an diese Reise, Moskau sei ein Erlebnis gewesen, auch wenn er vom Hotel selbst nicht begeistert gewesen sei. „Von den Interhotels der DDR war ich damals besseres gewöhnt“, sagt Böhme in Bezug auf die Ausstattung der Zimmer. Und Waike Papke, die 1987 auf Klassenfahrt in Moskau war, weiß noch, wie entsetzt sie war, dass man in den Restaurants und Geschäften im „Rossija“ nur mit Dollar bezahlen konnte. Ein Kulturschock für die Schülerin aus der DDR, die bis dahin jahrelang im Russischunterricht gehört hatte, dass man beim Großen Bruder in Rubel und Kopeken bezahlt. Erst die Rose, die ihr ein junger Russe in der hoteleigenen Disco schenkte, konnte sie wieder versöhnen und blieb ihr bis heute in Erinnerung.Auch wenn der Moskauer Wassilij Kusnezow selbst sagt, dass die ewig langen Flure mit den Hunderten von Zimmertüren eigentlich „unmenschlich“ waren, so findet er es doch sehr schade, dass diese Legende von einem Hotel nun abgerissen werden soll. „Für mich ist der Kreml ohne das „Rossija“ daneben kaum vorstellbar, es war doch auch ein Wahrzeichen von Moskau“, sagt Kusnezow, der damit vielen, gerade älteren Moskauern aus dem Herzen spricht, die lange Jahre eine Art leidenschaftlicher Hassliebe mit dem „Rossija“ verband.
Mit 5000 Betten war das Rossija das größte Hotel der Welt. Der Abriss wird bis Anfang 2007 dauern. Foto: Dana RitzmannGerne nutzten Fernsehkorrespondenten den unvergleichlichen Blick aus dem Hotelfenster auf den Kreml. Doch wurde es in den 90er Jahren immer offensichtlicher, dass das Schöne draußen war. Mit punktuellen Renovierungen versuchte man den Anschluss an die neue Zeit zu schaffen, doch die Aufbruchstimmung wich schon bald einer bleiernen Lethargie. Service bedeutete nun, dass die Prostituierten schon auf dem Zimmer anriefen, noch bevor man den Koffer abgestellt hatte. Stefan Schwan, der vor vier Jahren vor einer Reise mit der Transsib in Moskau Station machte, erinnert sich bis heute an die „legendären Nuttenkärtchen“, die immer an der Zimmertür klemmten, wenn man zurück kam und die eindeutigen Angebote in der Bar direkt neben dem Eingang. „Erdrückend“ und „braun“ sind die Adjektive, mit denen der Mittdreißiger das „Rossija“ beschreibt.Damit ist nun endgültig Schluss. Im Januar wurden die Zimmer leer geräumt, das Mobiliar an Nostalgiker und Häuslebauer verscherbelt und die diversen Händler, Friseure, Schönheitssalons und Apotheken generalstabsmäßig aus den Fluren getrieben. Schließlich fielen die ersten Wände und zeugen von der Unaufhaltsamkeit des Abbruchs. Auch wenn die schicke Webseite des Hotels (www.hotel-russia.ru) bis jetzt mit hübschen Bildern und eindrücklichen Fakten um Besucher buhlt und den fortschreitenden Abriss mit keiner Silbe erwähnt.18 Millionen Euro kostet allein der Abriss des alten Hotelkomplexes, wobei sich die gesamte Investitionssumme auf gut 700 Millionen Euro beläuft, sagt der Unternehmer Kadschaja Schalwa Tschigirinskij, dessen Firma „ST Development“ den Zuschlag für die Entwicklung des ehemaligen „Rossija“-Komplexes erhielt, um den sich auch die österreichische Baufirma Strabag bemüht hatte. Nach Angaben des Investors sollen direkt nach Beendigung der Abrissarbeiten im nächsten Frühjahr die Bauarbeiten für den neuen „Multifunktionskomplex“ im sogenannten Stadtteil „Sarjadja“ beginnen und bereits zweieinhalb Jahre später soll die Tiefgarage mit 1000 Stellplätzen fertig sein und darauf, auf 410 000 Quadratmeter Fläche, diverse sechsstöckige Gebäude, darunter Wohn- und Geschäftshäuser sowie einige Hotels mit insgesamt 1500 Betten. Erhalten bleibt der legendäre Konzertsaal „Rossija“, der umfassend saniert werden soll. Außerdem hat der berühmte englische Architekt Norman Foster bei seinem Moskau-Besuch im April dieses Jahres seine Mitwirkung am Design des neuen Gebäudekomplexes zugesagt. Architektonisch soll es sich, anders als der kommunistische Mega-Kasten, harmonisch in die historische Umgebung aus pittoresken Kirchen und Altmoskauer Bauweise einfügen.*** Ende ***---------------------------------------------------------------
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