Russland

Schlaflos in Moskau

Moskauer SchattenwirtschaftMoskau (n-ost) - Wenn es dunkel wird, dreht Alexej Tschernij richtig auf. Der 31-jährige Moskauer arbeitet im 24-Stunden-Takt. Er nennt sich Stilist – auf Deutsch wäre das ein Friseur, Tschernij selbst würde es wohl eher als Künstler übersetzen. Und natürlich ist es eine gewisse Kunst, nachts um drei eine ausgefallene Frisur hinzuzaubern oder mit übernächtigten Kundinnen gepflegten Smalltalk zu halten. „So richtig kreativ werde ich immer erst ab 18 Uhr - je später, umso besser“, sagt Tschernij und nimmt einer eleganten Mittvierzigerin galant den Mantel ab, bevor er sie zum Waschbecken geleitet.Es ist ein Uhr nachts im Schönheitssalon „Moi Parisch“ (Mein Paris), mitten in der Moskauer City. Die Stühle in dem kleinen Laden nicht weit vom Arbat sind alle besetzt und immer wieder klingelt das Telefon. „Wir haben gar nicht so viele Kapazitäten wie Anfragen für Termine nach Mitternacht“, sagt Irina Mamedowa, die an der Rezeption sitzt. Gerade hat sie eine Kundin für drei Uhr für die Sonnenbank eingetragen. Andere kommen, um sich die Fingernägel machen zu lassen, zum Augenbrauen zupfen, Wimpern färben oder Haare schneiden. „Die einen genießen einfach nur eine Kopfhautmassage mit wohlriechenden Shampoos nach einem langen Arbeitstag, andere lassen sich zwischen zwei Partys noch mal schnell frisieren und wieder andere kommen ganz früh am Morgen, um sich für einen wichtigen Termin stylen zu lassen“, erzählt Tschernij. Er genieße die nächtliche Ruhe - alle sind entspannt, keiner will viel reden. Denn auch wenn Moskau eine Stadt ist, die niemals schläft, so geht es doch auch in der Zwölf-Millionen-Metropole nachts etwas langsamer zu, als tagsüber. Und eben da liegt das Potenzial der Stadt, erklärt Jevgenij Dukow, Experte für Nachtökonomie am Institut für Kunstgeschichte. Ungefähr fünf Prozent der Moskauer – überwiegend der wohlhabenden Oberschicht zugehörig – ziehen es vor, nachts einzukaufen. In seiner kürzlich erschienen Studie „Von Sonnenuntergang bis Sonnenaufgang: Die Nacht als Kulturphänomen“ schreibt Dukow, dass es tagsüber praktisch unmöglich geworden sei, in der Megapolis Moskau zu leben, da der Dauerstau auf den Straßen und die von Pendlern verstopfte U-Bahn dazu führen, dass man ewig braucht, um auch nur kleinere Wege zu erledigen. Deshalb werde die Nacht für viele immer attraktiver. Auch Copy-Shops sind in Moskau rund um die Uhr geöffnet. Foto: Dana RitzmannDas Angebot ist beachtlich: Supermärkte und Tierärzte, Banjas und Boutiquen, Fitnessclubs und Apotheken, Copy-Shops, Wechselstuben, chemische Reinigungen und Ersatzteilläden – zusätzlich zu Hunderten von Bars, Klubs, Kinos und Spielhöllen, denen schon immer eher die Nacht gehörte. Wer will, kann sogar nachts zum Zahnarzt gehen, bei „Copy-Max“ am Paweletzker-Platz ist es zwischen 21 und neun Uhr nur halb so teuer, Kopien zu ziehen, während die Sauna an der „Awiamotornaja“ darauf hinweist, dass es die Rabatte tagsüber gibt – ein Indiz dafür, dass Massage und Wellness wohl eher in den Abendstunden angesiedelt sind.Ebenso wie ein Ausflug in den Buchladen. Während Moskaus bekanntes Buchhaus „Moskwa“ an der Twerskaja-Straße schon seit einigen Jahren bis nachts um ein Uhr auf hat und auch dann noch gut besucht ist, hat „Bookberrys“ am Nikitskij-Bulvar, ebenfalls mitten in der Stadt, zwischen Twerskaja und Arbat, jetzt nachgezogen und rund um die Uhr geöffnet. „Zwischen halb zwei und drei Uhr ist am meisten los“, sagt Daniela Nowak an der Kasse. „Es gibt Leute, die verbringen hier praktisch die Nacht, manche schreiben Aufsätze, andere lernen und wieder andere kaufen stapelweise Bücher.“ Die gemütlichen braunen Ledersessel im Schaufenster und in den Leseecken sind auch um halb vier noch besetzt. Auch im Cafè „Schokoladnitza“, das sich direkt an die Bücheregale im Untergeschoss anschließt, sitzt noch der eine oder andere Gast, trinkt seinen Tee oder liest schon mal die News von morgen in der druckfrischen Zeitung. Vier Kellner, die sich hinterm Tresen drängen, sind allerdings ein bisschen viel für die vorgerückte Stunde. Da bestellt man wohl schon eher mal eine Pizza nach Hause. „Wir machen 30 Prozent unseres Umsatzes, wenn es draußen dunkel ist“, sagt Maria Rubtsowa, die Managerin von „Transpizza“, die rund um die Uhr geöffnet haben. Ebenso wie „Dolgoprudnyj Lada“ im Norden Moskaus, der bisher einzige Autosalon, wo man auch mitten in der Nacht ein Auto kaufen kann.Einen Überblick über das Angebot an 24-Stunden-Aktivitäten bietet die Webseite www.moskva24.ru., die nach Angaben ihres Webmasters mehr als 30 000 Klicks im Monat zählt – Tendenz steigend.
Der neue Trend hat sich auch bis zu Natalie Kress herumgesprochen. Die Hospitantin im ZDF-Studio Moskau, reiste mit ihrem Team eine Nacht lang durch die Stadt – vom Fitnessclub „Delfin“ zum Schönheitssalon „Moj Parisch“, durch Buchläden und Cafès bis die Sonne wieder aufging. „Als wir um Mitternacht im Schwimmbad waren, da war noch ziemlich was los und auch beim Friseur, aber um halb vier im Supermarkt standen die Verkäuferinnen standen gelangweilt hinter der Fleischtheke oder räumten Regale ein, und im Cafè am Konservatorium saßen nur noch ein paar schlecht gelaunte Biker, die gleich aggressiv wurden, als ich sie um ein Interview bat“, erzählt die 23-Jährige von ihren nächtlichen Erlebnissen. Trotzdem habe Moskau bei Nacht eine ganz eigene Atmosphäre – „eine Ruhe, ohne dass man gleich das Gefühl hat, das die Bürgersteige hochgeklappt sind“.Es sei ein deutlicher Prestigegewinn, wenn man 24 Stunden geöffnet hat, sagt Sergej Gontscharenko, Finanzdirektor vom Reisebüro „Samoljot“ (Flugzeug), das rund um die Uhr Tickets verkauft und ausliefert. Zwar sei der Umsatz nachts sehr viel niedriger als tagsüber, aber ein Großteil ihrer Kundschaft, Manager und Geschäftsleute überwiegend, erwarte ein Plus an Dienstleistung: „Sie wissen doch, wie das in Moskau so läuft: Die Leute kommen mittags ins Büro, dann haben sie am Abend ihre Meetings und stellen fest, dass sie am nächsten Tag nach Amsterdam fliegen müssen.“ Und dann müssen sie eben noch schnell ein Ticket buchen. Wenn in Moskau bald alle so denken, wie dieses Reisebüro, dann bekommt der Begriff Schattenwirtschaft eine ganze neue Bedeutung.


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