Zwischen Bubliki und Prinzenrolle
Vor 65 Jahren begann mit der Zwangsdeportation nach Sibirien die Odyssee der WolgadeutschenKiel (n-ost) - Nach dem Tee holt Viktor Karp seine Mandoline heraus. Etwas Lustiges soll es sein. Und so spielt er „Oh du lieber Augustin“. Aber er singt dazu nicht „alles ist hin“, son-dern „alles ist gut“. Und das scheint zu stimmen. Bei der wöchentliche Tee- und Plauderstun-de der Spätaussiedler im Gemeindehaus wird gelacht und gesungen, genascht und getrunken. „I leb gut. ’S langt alles. Klage braucht man nit“ sagt Viktor, und alle pflichten ihm bei. Es gab schon schlimmere Zeiten. Viele von ihnen waren Kinder, zehn oder elf Jahre alt, als sie 1941 in Eisenbahnwaggons aus den deutschen Wolga-Gebieten nach Kasachstan oder Sibirien deportiert wurden. Wenn sie überhaupt darüber sprechen, dann reden sie nur von „der Nacht“. Und meinen die Nacht, in der die Soldaten anrückten. Die Nacht, in der sie innerhalb von 48 Stunden alle Habseligkei-ten und einander auf einen kleinen Wagen laden mussten. Wer die Strapazen der Reise über-lebte, auf den warteten meist die Arbeitsarmee, Schikanen und eine fremde Sprache: „Rus-sisch kannte keener nich.“Heute ist das eher andersherum. Häufig fehlen die deutschen Vokabeln. Russische Wörter schleichen sich ganz unbemerkt ein. Die Sätze klingen vertraut und fremd zugleich. Sie schleppen den ganzen Ballast aus den letzten Jahrhunderten mit: Süddeutsche Dialektreste, veraltete Wendungen, Russizismen. Historische Aufnahme von Wolgadeutschen in Sibirien. Foto: privatDie Spätaussiedler fühlen sich wohl in diesem Durcheinander. Auf dem Tisch stehen russi-sche Bubliki und kasachische Teigwaren, deutscher Rosinenkuchen und Prinzenrolle. Sie sin-gen nicht nur vom deutschen Augustin, sondern auch von der russischen „Katjuscha“. Und während Viktor Karp von den 26 Kilo schweren Kürbissen in Kirgisien schwärmt, erinnert Olga Ebauer sich an die vielen schönen Feste in Kasachstan. „Ostern war immer zwei Mal. Deutsch und russisch. Haben viele gesagt, wir haben auch Glück. Wir haben mehr gefeiert als alle anderen.“Aber Olga Ebauer erinnert sich auch an andere Dinge. Nach der Unabhängigkeitserklärung 1991 flammte in Kasachstan der Nationalismus auf. Es wurden Plakate aufgehängt: „Deut-sche nach Deutschland“ und „Russen nach Russland“. Und zwei Jahre später ließ Jelzin die Deutschen wissen, sie könnten ihre Heimat doch auf dem Kapustin Jar, dem Versuchsgelände für Kernwaffen, gründen. „Heimat ist für mich dort, wo man sich wohl fühlt“, sagt Olga E-bauer, „und das war in Kasachstan zum Schluss nicht mehr so.“In Deutschland fühlen sich alle wohl. Sie leben in einer sauberen, videoüberwachten Reihen-haussiedlung und haben sich kleine, von den Nachbarn misstrauisch beäugte Reichtümer aus dem Sperrmüll zusammengesucht. Haben genäht, geputzt, gespart, g’schafft. Ein eigenes kleines Reich mit Licht und warmen Wasser, eine ordentliche Ausbildung für die Kinder. Mehr als man sich in Kasachstan, Sibirien oder Kirgisien je erhoffen konnte. Eine neue Hei-mat?„Heimat ist da, wo die Wiege steht“ meint Viktor Karp. Die Wiege stand an der Wolga. Sie stand in Lysanderhöh und Mariental, in Marxstadt und Gnadenflur.
„Aber die Sehnsucht“, sagt Faina Reidel leise, „ich habe die Sehnsucht nach meiner Heimat“, und meint ihr Dorf in der Wolga-Republik. „Ich tät doch − einmal tät ich meine Heimat an-schaue.“ Ihr Bruder hat das getan. Er ist in die Nähe von Saratow gefahren und hat sich dort umgeschaut. Als er zurückkam, war alles, was er sagte: „Ja Schwesterlein, unser Dorf ist nicht mehr da.“ Infokasten:
Vor 65 Jahren, Anfang September 1941, begann die Deportierung Hunderttausender Deut-scher aus dem Wolgagebiet, das bereits seit dem 18. Jahrhundert Heimat vieler deutscher Fa-milien war. Die so genannte Umsiedlung ging zurück auf einen Erlass des Obersten Sowjets vom 28.8.1941, der die Wolgadeutschen kollektiv unter Kollaborationsverdacht mit dem Drit-ten Reich stellte. Vor allem in Sibirien und Kasachstan mussten sich die Überlebenden der Deportation ein neues Zuhause aufbauen. Seit den 60er Jahren kamen viele von ihnen zurück nach Deutschland. Anfang der 90er Jahre erreichte der Zuzug mit fast 400.000 Menschen pro Jahr einen Höhepunkt. In den letzten Jahren sank die Zahl der Zuwanderer aus den Gebieten der ehemaligen UdSSR jedoch stark. Im Jahr 2005 kamen 35.522 Spätaussiedler und Angehö-rige nach Deutschland.
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