Russland

Künstlerische Momente zwischen Ost und West

Bilder von Gerhard Richter werden erstmals in Moskau ausgestelltMoskau (n-ost) - Bilder von Gerhard Richter, Deutschlands bedeutendstem und zugleich teuerstem Vertreter der zeitgenössischen Kunst, werden erstmals in Moskau gezeigt. Dabei ist es eine ganz besondere Geschichte, die den Wahl-Kölner und gebürtigen Dresdener mit Moskau verbindet. Und eben diese macht den Maler für die russische Kulturszene so attraktiv und faszinierend zugleich.Es soll eine Reise durch die damalige Sowjetunion gewesen sein, die den in Dresden geborenen Richter 1961 zu dem Entschluss führte, die DDR zu verlassen, erzählt Dietmar Elger, Leiter des Gerhard-Richter-Archivs und langjähriger Weggefährte des Künstlers. Bereits auf der Rückreise von Moskau habe er seinen Koffer in West-Berlin deponiert und noch bevor im August die Mauer gebaut wurde, flüchtete der damals 29-Jährige in den Westen. Ausgerechnet diese Flucht aus der sozialistischen DDR ist es, die Richter im heutigen post-kommunistischen Russland so interessant macht.Dietmar Elger, Leiter des Richter-Archivs in Dresden, posiert vor dem Richter-Bild "Betty". In Moskau werden erstmals 27 Bilder des in Dresden geborenen Künstlers Gerhard Richter gezeigt, Foto: Dana RitzmannDie Werke, die der Absolvent der Hochschule für Bildende Künste in Dresden bis 1961 geschaffen hat, seien in ihrer Struktur und ihrem Wesen auf eine gewisse Weise auch den Künstlern in Russland vertraut, erklärt Andrej Jerofejew, Leiter der Abteilung für neueste Kunst der Staatlichen Tretjakow-Galerie in Moskau. Denn das sowjetische System brachte, ebenso wie das vergleichbare DDR-Regime, „viel wesentlichere Entzweiungen hervor, insbesondere durch die prinzipielle Trennung von alltäglichem Leben einerseits und den Formen seiner Darstellung und Ausdrucksweise in der Sprache der Kultur andererseits“, so Jerofejew. Die Faszination für Richter liege in dessen „Doppelnatur“ begründet, die zum einen sein Schaffen charakterisiert und „gleichzeitig der Mentalität, den Gefühlen und Taten praktisch eines jeden Individuums eigen war, das zum Leben im sozialistischen Lager verurteilt war“. Mit Richters Ausbruch aus dem Sozialismus und seinem künstlerischen Neuanfang im Westen gewinne dieses Phänomen der „Doppelnatur“ noch eine weitere Dimension, die der Kunsthistoriker Jerofejew als wegweisendes Element für die zeitgenössische russische Kunst nach dem Zerfall der Sowjetunion interpretiert: Der Ost-West-Konflikt als prägendes Moment. „Bewusst schafft Richter eine wenig angenehme Kunst, die niemandem schmeichelt, doch gleichzeitig die Gabe besitzt, zu gefallen und zu faszinieren“, urteilt er.Die Idee, Richter in Moskau zu präsentieren, sei sofort auf großes Interesse gestoßen, sagt Günther Hasenkamp, Leiter für kulturelle Programmarbeit beim Goethe-Institut Moskau. An einem sonnigen Tag im Herbst 2005, auf der Freitreppe des russischen NCCA (National Centre of Contemporary Art), habe er dessen Direktor den Vorschlag unterbreitet, die Richter-Ausstellung nach Moskau zu holen.
Wenige Monate später stand fest, 27 ausgewählte Richter-Bilder im Rahmen der „Europa +“ Ausstellung im Juli in Moskau zu zeigen.Neben Werken von Richter sind Fotografien des in Berlin lebenden Ukrainers Boris Michajlow zu sehen. Zu Hören sind Soundinstallationen des Jazzmusikers Wladimir Tarassow. Und der russische Dichter-Konzeptualist Lew Rubinstein steuert Gedichte bei. Leonid Baschanow, Direktor des NCCA, bezeichnete Richter als „der bedeutende Meister der europäischen Kunst, ein Stern am Horizont Deutschlands“. Wegen des großen Erfolges planen das Goethe-Institut und das Dresdner Richter-Archiv gemeinsam mit den russischen Museumsdirektoren bereits eine große Richter-Retrospektive in Moskau. „Jetzt passt Richter nach Russland, denn erst jetzt gibt es die Bereitschaft und das Verständnis, dass man aufbringen muss, um die Komplexität eines solchen großen Künstlers zu verstehen“, sagt Hasenkamp.Die Ausstellung „Europa +“ läuft noch bis zum 30. Juli im NCCA, ul. Zoologitscheskaja 13, Metro „Barrikadnaja“. Geöffnet ist sie täglich außer montags von 13 bis 20 Uhr.*** Ende ***Dana Ritzmann


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