Wähler gegen Korruption
Den Saubermann wird Sven Hansen (Namen geändert) in Polen nie wieder spielen. Als deutscher Schifffahrtsunternehmer erfuhr er, wie lokale Firmen sofort ihre Liegerechte bekamen, während er ewig darauf warten musste. Als ihm klar wurde, was lief, wandte er sich an die Antikorruptionsorganisation Transparency International (TI) in Warschau. Sein Fall schlug Wellen bis ins Verkehrsministerium. Doch Beweise hatte er kaum. „Wir haben es uns mit allen verscherzt“, sagt Hansen heute, „ich würde das nie wieder machen.“
Polen steht auf dem Korruptionswahrnehmungsindex (CPI) des Jahres 2004 kurz hinter Mexiko und Kolumbien auf Platz 69. Deutschland belegt Platz 15, Musterschüler Finnland führt die Liste an. Die häufigste Kritik an dem jährlich veröffentlichten Antikorruptionsindex: Er spiegelt bloß die Meinungen von Entscheidungsträgern in Industrie und Handel wider.
Ebenso schwer zu messen ist der volkswirtschaftliche Schaden, den Korruption verursacht. Bei Bauverträgen, sagt ein polnischer Architekt, müsse man mit fünf bis zehn Prozent „Provision“ rechnen. Jacek Wojciechowicz von der Weltbank in Polen sagt: „Es gibt mathematische Modelle, aber für Polen keine Berechnungen." Er wisse nur, dass es riesige Summen seien.
„Wir machen alles, was wirtschaftlich ist“, sagt Reinhard Petzold von der deutsch-polnischen Wirtschaftsentwicklungsgesellschaft (DePoWi). Petzold hilft für einen Tagessatz von 550 Euro jedem, der in Polen Erfolg versprechend Geld verdienen will. „Wenn einer zwischen Weihnachten und Neujahr wegen einer Ausschreibung eine Firma gründen will, bekommt der Mann vom polnischen Handelsregister natürlich was bezahlt. Sonst arbeitet der gar nicht“, sagt Petzold.
Diese Art der „informellen Umgangsform“ versucht Peter Wieland (Name geändert), der eine namhafte deutsche Firma in Warschau vertritt, zu vermeiden. „Natürlich hatten wir Vorschläge dieser Art“, sagt er. Mit einer dezenten Bemerkung („Wissen Sie, ich hätte da eine Idee“) wird das Terrain abgetastet. Ein Schlüsselbegriff ist „Offset“, Synonym für Extraleistungen, die nicht definiert sind. Wieland sagt, wer Unverständnis zeigt, der wird schnell in Ruhe gelassen. Doch empört zu sagen „Na hören Sie mal! Wir machen so etwas nicht!“ sei taktisch unklug. Wer will schon seine Kunden verlieren.
Wie verbreitet Korruption in Polen ist, zeigt ein Bericht des Beratungsunternehmens „Deloitte“. 238 Firmenchefs von kleinen, mittleren und großen Unternehmen in ganz Polen schickten die Fragebögen ausgefüllt zurück. 64 Prozent der befragten Unternehmer gab an, dass sie in den vergangenen drei Jahren Betrügereien erlebt hätten. Im vergangenen Jahr waren es nur 59 Prozent. Den finanziellen Schaden bezifferten sie auf Summen zwischen umgerechnet 10 000 und 1 000 000 Euro.
Die Annahme, Polens Beitritt zur Europäischen Union (EU) hätte die Korruption spürbar gesenkt, ist eine Wunschvorstellung – jedenfalls noch. Das polnische Rechtssystem reformiert sich nur träge. Doch die EU-Mitgliedschaft wird sich irgendwann auswirken, so hoffen viele Polen. Die von zahlreichen politischen Korruptionsaffären völlig entnervten Wähler setzen auf ein hartes Durchgreifen der rechtsliberalen und konservativen Parteien, die am kommenden Sonntag die Parlamentswahlen wohl gewinnen werden.