Zwei Revolutionshelden gehen getrennte Wege
Am Tag nach der Entlassung der ukrainischen Regierung versuchte Präsident Viktor Juschtschenko mit demonstrativ ruhiger Hand Ordnung ins Chaos zu bringen. Die Bevölkerung ist aufgewühlt und sieht sich um die Früchte der orangen Revolution gebracht, seit Revolutions-Ikone Julia Tymoschenko von Juschtschenko in die Wüste geschickt wurde. Nun droht sogar ein offener Krieg zwischen den beiden Helden der Revolution: dem 52-jährigen Präsidenten und der 44-jährigen Ex-Ministerpräsidentin.
Julia Tymoschenko scheint ihre Entlassung schockiert zu haben. Bis gestern (Freitag) Abend äußerte sie sich nicht öffentlich. Die Worte "Jetzt hat Juschtschenko mich zum dritten Mal verraten", die im kleinen Kreis gefallen sein sollen, dementierte Tymoschenkos Sprecher inzwischen.
Auch wenn der Satz nicht von Tymoschenko stammt - er zeigt, dass das Verhältnis der beiden ukrainischen Spitzenpolitiker zueinander von je her angespannt war. Als Ministerpräsident folgte Juschtschenko 2001 der Anweisung des damaligen Präsidenten Leonid Kutschma und entließ seine Stellvertreterin Tymoschenko. Und das, obwohl sie seinen damaligen Kurs liberaler Wirtschaftsreformen voll unterstützte. Damit gab er Tymoschenko dem freien Fall Preis: Die attraktive Blondine verbrachte als angebliche Wirtschaftskriminelle sogar einige Wochen im Gefängnis. Weitere Verletzungen folgten. Als die beiden Reformer während der ukrainischen Revolution zueinander fanden und erfolgreich das alte System bekämpften, sah es kurzzeitig nach einem gegenseitigen Interessenausgleich aus: Hier Juschtschenko, der staatstragende, ausgleichende Präsident, dort Tymoschenko, die angriffslustige und agile Ministerpräsidentin.
Doch mehrfach eckte Tymoschenko an, inbesondere mit ihrem im Volk populären Kurs der Renationalisierung von einst an Oligarchen billig veräußerten Firmen. Es war nicht zu übersehen, dass "die eiserne Julia" mit den Verstaatlichungen auch persönliche Interessen verfolgte. Sie wollte die Privatisierung vor allem solcher Unternehmen rückgängig machen, die ihr Erzfeind Viktor Pintschuk - der wie sie aus Dnipropetrowsk stammt - gekauft hatte. Der liberale Juschtschenko fürchtete Investoren zu verschrecken. Nicht zu Unrecht wie das massiv von zwölf auf sechs Prozent zurück gegangenen Wirtschaftswachstum der Ukraine zeigt.
Mit ihren populistischen Aktionen wurde Tymoschenko für Juschtschenko immer fragwürdiger: So wollte die 44-jährige den Benzinpreis und den Preis für Geflügel regulieren und brachte einen Nachtragshaushalt mit einem umfangreichen Sozialpaket durch das Parlament. Die Folgen waren dramatisch: Tagelang gab es in Kiew kein Benzin, weil die russischen Konzerne nicht zu Niedrig-Preisen verkaufen wollten. Qualitativ hochwertigeres Geflügel wurde nur noch unter dem Ladentisch gehandelt, und die hohen Sozialausgaben heizten die Inflation bis auf 6,7 Prozent allein in den ersten acht Monaten des Jahres an.
Tymoschenko ist inzwischen populärer als der ukrainische Präsident. Vor ihrer Entlassung vertrauten ihr immerhin noch 46 Prozent der ukrainischen Bevölkerung. Die Auflösung der Regierung dürfte für ihre Partei "Block Julia Tymoschenko" für die Parlamentswahl in sechs Monaten einen weiteren Schub bringen, denn Julia "Wladimirowna" wird ihre Rolle als Opfer einer Intrige gekonnt spielen.
Juschtschenko dagegen muss sich endlich auch um das politische Tagesgeschäft kümmern, das er in der Manier eines großen Staatsmannes vernachlässigte. Außerdem muss er auf die Suche nach integren, sachkundigen Mitstreitern gehen. Mit Juri Jechanurow hat er ausgerechnet einen Mann der alten Nomenklatur zu Tymoschenkos Nachfolger ernannt. Der 57-jährige Wirtschaftswissenschaftler wirkte in den 90er Jahren maßgeblich am heute so unpopulären Verkauf von Staatsunternehmen an Oligarchen mit. Mehr als eine Verlegenheitslösung bis zu den Parlamentswahlen kann er kaum sein.
Trotz der Zerwürfnisse, die einen großen Schatten auf die so glänzend durchgeführte orange Revolution werfen, gibt es auch versöhnliche Stimmen inmitten des Kiewer Chaos. Die jüngsten Ereignisse könnten tatsächlich "das Ende der Revolution und den Beginn der Evolution" markieren - sprich: einen Schritt in Richtung Demokratie. So jedenfalls hofft es der Politologe Andrij Jermolajew.