Öl für den Westen
Wenn morgens die Sonne über dem Horizont des Kaspischen Meers aufsteigt werden die Stahlkolosse sichtbar, die das „schwarze Gold“ aus dem Meeresgrund fördern. Moderne Bohrplattformen ersetzen immer mehr die rostigen Förderanlagen aus der Sowjetära Aserbaidschans.
Vor zehn Jahren öffnete sich das Land am südöstlichen Rand des Kaukasusgebirges den westlichen Staaten und deren Ölkonzernen mit einem „Jahrhundertvertrag“. Ein neues Kuweit mit riesigen Ölvorkommen wurde prophezeit, das Aserbaidschan Prosperität versprach und den Ölmultis aus den USA und Europa gewaltige Gewinne.
Die längste Pipeline der Welt
Die BTC-Pipeline ist mit 1768 Kilometern die längste Ölröhre der Welt und durchquert Aserbaidschan, Georgien sowie die Osttürkei. Die Leitung misst im Durchmesser 105 cm. Sie quert 1500 Bäche und Flüsse und steigt in den Bergen bis auf 2800 Metern auf. Sie kann bis zu 1 Mio. Barrel Öl (159 Mio. Liter) pro Tag transportieren. Im Jahr bis zu 51 Mio. Tonnen Öl.
Um von Baku nach Ceyhan durch die BTC zu fliessen benötigt das Öl 14 Tage. Voll gefüllt fasst die Leitung 1,5 Mio. Tonnen Öl. Auf der Strecke sorgen acht Pumpstation für einen reibungslosen Ölfluss des „Aseri Light“. Der Transport von einer Tonne Öl durch die BTC soll 3-3,5 US-Dollar kosten. Die Betriebsdauer der BTC soll bei 40 Jahren liegen. Die Baukosten belaufen sich auf 2,5 Mrd. Euro. Betrieben wird die BTC von einem Kosortium aus elf Ölkonzernen aus aller Welt. Hauptanteilseigner sind die britische BP (30,1%) und die aserische SOCAR (25%).
Das Vorkommen des Aseri-Chirag-Gunashli (ACG) Ölfeldes 120 KM vor der Küste Bakus im Kaspischen Meer beläuft sich auf 5,4 Mrd. Barrel. Seit Februar 2005 wird hier für die BTC Öl gefördert. Die Gesamtinvestitionen für das ACG-Projekt, inklusive der BTC, werden von BP mit 10 Mrd. US-Dollar (8,3 Mrd. Euro) bis zum Jahr 2010 angegeben.
Mittlerweile relativieren sich die Prognosen etwas, denn die Ölvorkommen
Aserbaidschans wurden überschätzt. So bezweifeln Kritiker bereits, dass
die Pipeline wirtschaftlich betrieben werden kann. Nichtsdestotrotz
gehört den Fördergebieten an der Kaspischen See die Zukunft, denn auch
auf der kasachischen Seite warten noch große Ölvorkommen auf ihre
Ausbeutung. Zunächst wird das gerade erschlossene Aseri-Chriag-Gunashli
Ölfeld (ACG) die Pipeline speisen. Allein 5,4 Milliarden Barrel Öl
sollen hier gefördert werden. Zum Vergleich: Der Weltverbrauch liegt
jährlich bei rund 3,8 Milliarden Barrel. Von den Förderplattformen wird
das Öl mit dem wohlklingenden Namen „Aseri Light“ in einen riesigen
Terminal mit großen Tanks an der Küste südlich der Hauptstadt Baku
gepumpt.
Von hier aus begann im September 2002 die heute längste
Pipeline der Welt zu wachsen. 1768 Kilometer schlängelt sich die Röhre
namens BTC (steht für die Städte Baku, Tiflis und Ceyhan) durch
Aserbaidschan, Georgien und Ostanatolien bis zum türkischen
Verladeterminal an der Mittelmeerküste.
Die Pipeline, die von türkischen Politikern schon als „neue
Seidenstrasse“ bezeichnet wurde, misst über einem Meter Durchmesser,
durchquert 1500 Bäche und Flüsse und überwindet Bergpässe auf 2800
Metern. Ein Projekt der Superlative, das auch seinen Preis hat. Um
aserisches Öl dem Weltmarkt anbieten zu können, waren 2,5 Milliarden
Euro Baukosten nötigt. Größtenteils finanzierte die Weltbank und die
Europäische Bank für Wiederaufbau das Projekt. Ein Konsortium aus elf
Ölmultis aus allen Teilen der Welt betreibt die BTC unter Führung des
britischen Konzerns BP. Den zweitgrößten Anteil hält die aserische
SOCAR, die in der Hand der Familie des in Aserbaidschan streng autoritär
regierenden Präsidenten Ilham Alijew ist.
Während an den
georgischen Abschnitten der Pipeline noch gebaut wird, füllen sich die
ersten Abschnitte der BTC in Aserbaidschan bereits mit Öl. Im Dezember
wird erwartet, dass das erste Tankschiff den türkischen Mittelmeerhafen
Ceyhan gen Westen verlässt. Unter Volllast, die laut BP erst 2009
erreicht wird, sollen eine Million Barrel Öl (159 Mio. Liter) pro Tag
die BTC durchströmen. Die Jahresleistung soll sich auf 51 Millionen
Tonnen Öl belaufen.
Was die USA und Europa unabhängiger von den
arabischen Ölmärkten machen soll ist den Umweltschützern ein Graus. Die
BTC-Pipeline durchquert seismisch aktive Gebiete, in denen es in der
Vergangenheit immer wieder zu Erdbeben kam. Empört sind auch die
Menschen im georgischen Kurort Borjomi. Hier bedroht die Pipeline
Mineralwasserquellen des Exportschlagers „Borjomi-Wasser“. Ein Leck in
der BTC könnte verheerende Folgen für das Image der Stadt und die rund
1000 Arbeitsplätze in der Wasserindustrie haben.
Menschrechtsgruppen kritisieren, dass die drei Länder, durch die die BTC führt, den 1800 Kilometer langen und rund 40 Meter breiten Korridor an das Betreiberkonsortium abgegeben haben. Das Land ist somit exterritorial und in der Hand der Ölmultis, die zudem noch uneingeschränkten Zugang zum Wasser der entsprechenden Regionen haben. Die Regierungen in Baku, Tiflis und Ankara sind verpflichtet die Sicherheit der Pipeline sicherzustellen. Gerade in den Kurdengebieten der Osttürkei wird daher befürchtet, dass die BTC zu mehr Militärpräsenz führen könnte und den schwelenden Konflikt dort wieder anheizt. Und nicht zuletzt fürchten die mit Aserbaidschan wegen des Karabach-Krieges Anfang der 1990er Jahre verfeindeten Armenier, dass die Machthaber in Baku die Öl-Einnahmen vermehrt für Rüstung ausgeben könnten und eines Tages in einem neuen Krieg um die verlorenen Gebiete ziehen. So gesehen könnte der Westen auf seiner Suche nach Alternativen zum arabischen Öl vom Regen in die Traufe geraten. Der Traum vom billigen Sprit - er wird wohl ein Traum bleiben.