Belarus

Weißrussische Studenten seit über einer Woche im Hungerstreik


Von Olja Melnik (E-Mail: Olja.Melnik@web.de, Tel.:0049-2241 1201374)

In den letzten Monaten hat der staatliche Druck auf demokratisch orientierte Jugendliche in Belarus (Weißrussland) gewaltig zugenommen. Immer mehr Aktivisten von demokratischen Jugendorganisationen verlieren wegen ihrer politischen Ansichten ihre Studienplätze. Um ihr Recht auf Bildung durchzusetzen, greifen die belarussischen Jugendlichen jetzt zum letzten Mittel: Hungerstreik.

Minsk (n-ost) – Sechs junge Studenten haben sich vor dem Hörsaal versammelt. Um neun Uhr beginnt die Vorlesung, aber sie müssen draußen bleiben. Seit mehreren Monaten dürfen sie an den Lehrveranstaltungen nicht mehr teilnehmen. Grund dafür sind ihre politischen Ansichten. „Ich wurde exmatrikuliert, weil ich an einer Kundgebung teilgenommen habe. Man hat mich festgenommen und zu zehn Tagen Freiheitsstrafe verurteilt. Drei Tage danach flog ich von der Uni“, erzählt Pavel. Auch sein Studienkollege Artur darf seit zwei Monaten nicht mehr in die Universität: „Unter einem Vorwand hat man mich nicht zu einer Prüfung zugelassen. In Wirklichkeit besuchte ein KGB-Mitarbeiter meinen Dekan und übte auf ihn Druck aus.“
Beide jungen Männer sind in der Organisation „Junge Front“ aktiv. Rund 2.000 Jugendliche von 15 bis 24 Jahre gehören ihr an. Sie setzen sich für Demokratie und Menschenrechte in ihrem Land ein. Damit riskieren sie ihren Studienplatz. Vor knapp einem Jahr ist die einzige unabhängige Universität des Landes – die Europäische Humanistische Universität – geschlossen worden. Sie war der letzte Ort, an dem demokratisch orientierte Jugendliche relativ unbehelligt studieren konnten. Nun unterliegt das ganze Bildungssystem der Überwachung des Staates.

Seit Anfang des Jahres wurden landesweit bereits 33 junge Menschen exmatrikuliert. Darunter sind nicht nur Studenten, sondern auch Schüler. Sie haben keine Möglichkeit mehr, ihre Schulausbildung abzuschließen, obwohl diese vom Grundgesetz vorgeschrieben ist. „Am Anfang haben wir dagegen protestiert, aber unsere Forderung wurden nicht gehört. Alles wurde nur noch schlimmer. Also mussten wir in Hungerstreik treten. Das ist unsere letzte Hoffnung“, erzählt Pavel.

Die Jugendlichen fordern, dass die exmatrikulierten Studenten ihr Studium wieder aufnehmen können. Das Motto der Aktion heißt: „Kinder wollen lernen“. Auf dem Plakat dazu geht eine gelbe Sonne über einer Schulbank auf. Die Plakate sieht man derzeit überall in belarussischen Städten.
„Wir trinken nur Wasser und verzichten auf andere Lebensmittel. Solange unsere Kräfte reichen, gehen wir unseren alltäglichen Pflichten nach. Danach konzentrieren wir uns nur auf das Hungern“, berichtet der 17jährige Vadim.

Diese Aktion gibt den Protesten der Jugendlichen gegen das bestehende Regime eine neue Qualität. Sie zeigt, dass junge Menschen in Belarus die Repressionen nicht länger aushalten wollen. Man fühlt sich an die Proteste in der Ukraine erinnert, die auch von Jugendlichen und Studenten ausgingen.

Mit jedem Tag schließen sich dem Hungerstreik, der am Mittwoch, den 25. Mai begann, weitere Jugendliche an. Derzeit nehmen 11 junge Menschen, darunter zwei Minderjährige daran teil. Sie hungern gemeinsam in einer Wohnung am Stadtrand von Minsk. Am vergangenen Sonntag bekamen sie Besuch von der Leiterin der Ideologie-Abteilung der staatlichen Universität und einem Polizisten. Sie notierten die Namen der Jugendlichen und schlugen ihnen vor, den Hungerstreik zu beenden. Doch diese lassen sich nicht darauf ein. Sie wollen so lange durchhalten, bis alle betroffenen Schüler und Studenten ihre Ausbildung fortsetzen können. Am gestrigen Mittwoch, dem achten Tag des Hungerstreiks bekamen vier Jugendliche gesundheitliche Probleme und mussten ins Krankenhaus eingeliefert werden.

Die Jugendlichen finden Unterstützung in allen Schichten der Bevölkerung. Eine Reihe bekannter Persönlichkeiten aus Politik und öffentlichem Leben startete nun eine Unterschriftenaktion. Sie fordern die belarussische Regierung auf, die Repressionen gegenüber den Jugendlichen zu stoppen. Die Petition wurde am Mittwoch dieser Woche dem Bildungsminister übergeben. Eine Antwort gab es nicht. Die belarussischen Jugendlichen sind jedoch zuversichtlich: „Wir werden es schaffen, uns selbst und unser Land zu verteidigen und uns eine gute Zukunft zu sichern. Jetzt müssen wir zusammenhalten. Nur so können wir dem Regime widerstehen. Es bleibt uns nichts anderes übrig.“

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