Usbekistan

Das Volk hat sich erhoben

Weit und breit sind keine Sicherheitskräfte zu sehen, alles scheint ruhig. Zwar haben viele Verkaufsstände aus Furcht vor Unruhen ihre Fensterläden geschlossen, aber trotzdem sind die Straßen voller Menschen. Am Wegrand stehen drei ausgebrannte Autowracks, einer davon ein Armee-Jeep. Kinder bestaunen die metallenen Kadawer und springen auf ihnen herum. Es sind bewegende Szenen, die sich derzeit in Kara-Su abspielen, einer kleinen Stadt an der kirgisisch-usbekischen Grenze.

Als vor drei Jahren auf Geheiß des usbekischen Präsidenten Karimow zwei Brücken über den Grenzfluss Kara-Diara gesprengt wurden, war die Stadt im ethnisch durchmischten Fergana-Tal plötzlich in zwei Teile geteilt. Verwandte und Freunde konnten sich nicht mehr besuchen. Wer dennoch auf die andere Seite wollte, musste die Grenzer bestechen. Viele Menschen seien bei dem Versuch, den Fluss zu durchschwimmen, ertrunken, berichten Anwohner.

Als dann die Nachricht von den Aufständen im unweit gelegenen Andischan eintraf, versammelten sich auch in Kara-Su die Menschen zu Demonstrationen. Spontan flickten sie eine der zerstörten Brücken, und jetzt liegen sich Menschen in den Armen, die sich teils seit Jahren nicht gesehen haben. Alle haben ein Lächeln im Gesicht, alle gehen aufrecht, aus ihren Augen spricht Stolz. Auch Achmedschan, ein alter Mann aus dem usbekischen Teil der Stadt, hat Tränen in den Augen. Stolz zeigt er seinen Ausweis: Heute ist sein 65. Geburtstag, und dank der Brücke kann er ihn mit seinen Verwandten in Kirgisien feiern.

Nachdem die ersten Horrormeldungen aus Andischan eintrafen, machte die kirgisische Regierung sofort die Westgrenze nach Usbekistan dicht. Doch an der Brücke von Kara-Su herrscht Ausnahmezustand: Von Grenzern oder Sicherheitskräften keine Spur. „Sie sind weggerannt, sie hatten Angst“, sagen die Leute. Auf der usbekischen Seite hat sich ein paar hundert Meter hinter der Brücke eine Menschenmenge versammelt, es sind 1000, vielleicht 2000 Demonstranten. Ein Mann steigt auf eine improvisierte Rednertribüne.

Sein Name sei Bachtijor Rachimow, sagt er, er sei ein „Vertreter des Volkes“. Mit seiner schwarzen Mütze und dem dichten Bart könnte er als Islamist durchgehen, aber in seiner Rede betont Rachimow, die Proteste hätten nichts mit Extremismus, Wahabismus oder Al-Quaida zu tun. Er ruft die Menge auf, das Gesetz des Korans zu befolgen: Es solle nicht getötet, es solle nicht zu den Waffen gegriffen werden. Dann fordert er die Menschen auf, mutig und einig zu sein: Usbekistan sei ein reiches Land, doch die Regierung gebe den Menschen nicht die Möglichkeit, die vorhandenen Ressourcen zu nutzen. Deshalb stünden die Fabriken still, und die Menschen seien gezwungen, billige, ungesunde Produkte aus China zu kaufen.

Am Ende seiner Rede tragen junge Männer ein Schild herbei, auf dem in roten Lettern der Rücktritt Karimows gefordert wird. In der Menge fangen die Menschen an zu diskutieren: „Die Grenze zu Kirgisien muss offen bleiben“, fordern sie, „es muss Arbeit geben, mit der Korruption muss Schluss gemacht werden.“ Eine aufgebrachte Frau ruft wütend: „Der Staat ist reich, aber das Volk ist arm und die Kinder hungern.“

Immer wieder beteuern die Menschen, sie seien keine Extremisten, was Karimow sage, sei alles gelogen. Ein Anführer oder eine Organisation, die hinter den Protesten steckt, ist nicht ausfindig zu machen. Es gebe keine Organisation, keine Partei, sagen die Menschen, es gebe nur das Volk: Das Volk habe sich erhoben.

Als am Nachmittag der usbekische Präsident eine Fernsehansprache hält, versammelt sich alles vor den Bildschirmen. Erst spricht Karimow usbekisch, dann russisch – für die Journalisten. Er fordert alle Medienvertreter auf, nicht von „Aufständischen“ zu schreiben, sondern von „Banditen“. Er selbst sei in Andischan gewesen, um sich ein Bild von der Lage zu machen: Islamistische Fundamentalisten hätten versucht, inhaftierte Radikale aus dem Gefängnis zu befreien. Es sei Blut geflossen, aber inzwischen sei die Lage unter Kontrolle, versichert der Präsident. Karimow endet mit philosophischen Worten: Mit Verweis auf die kirgisische Tulpenrevolution vor wenigen Monaten vergleicht er die Situation in einem Staat mit der in einem Dampfkessel: Gelegentlich müsse Druck abgelassen werden, sagt Karimow, und wenn der Deckel zu fest geschlossen sei, dann könne der Kessel explodieren.

Niemand versteht, was der Präsident damit sagen will. Andischan, die Stadt, wo alles anfing, ist seit zwei Tagen luftdicht versiegelt, sämtliche Journalisten wurden ausgewiesen. Allein ein Reporter des russischen „Kommersant“ schlüpfte durch die Kontrollen und berichtet in der heutigen Ausgabe der Tageszeitung Entsetzliches. Noch immer seien die Straßen mit Leichen gepflastert, die Stadt werde nur mit massiver Militärpräsenz gehalten.

Augenzeugen gingen von bis zu 2000 erschossenen Demonstranten aus, darunter Frauen, Kinder und alte Menschen. Nachdem die Menge auf dem zentralen Platz der Stadt sich auch nach Drohungen nicht aufgelöst hätte, habe die Miliz wahllos in die Massen gefeuert. Trotzdem werden die Demonstrationen in einigen Stadtteilen fortgesetzt, auch nachdem Sondertruppen des Innenministeriums alle Verwaltungsgebäude von den Rebellen zurückerobert haben. 

Noch ist unklar, was den Aufstand antreibt: Sind es spontane Erhebungen einzelner, regionaler Gruppen, oder steckt eine neue postsowjetische Revolutionsbewegung dahinter, so wie in Georgien, so wie in der Ukraine und zuletzt im usbekischen Nachbarstaat Kirgisien? Die Menschen von Kara-Su jedenfalls wollen ihre Proteste nicht nach Andischan tragen, und auch nicht in die usbekische Hauptstadt Taschkent: „Die haben dort andere Probleme“, glauben die Demonstranten.


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