Ukraine

Neue Häuser dank Volmer-Erlass

Die Gegend um den Provinz-Flughafen der ukrainischen Kleinstadt Schytomyr bietet einen bizarren Anblick: Auf freiem Feld, ohne geteerte Zufahrtsstraßen, wachsen zwei- bis dreistöckige Einfamilienhäuser – für ukrainische Verhältnisse Paläste. Hunde bellen hinter vier Meter hohen Mauern, die Bewohner lugen nur ängstlich hinter den neuen Kunststofffenstern hervor. „Die haben alle im Ausland gearbeitet“, sagt der Taxifahrer Anatolij Busko, der hier viele Kunden hat.

Tatsächlich herrscht in westukrainischen Kleinstädten wie Schytomyr seit rund drei Jahren ein ungewöhnlicher Bauboom. Makler schätzen, dass ein Großteil des Kapitals von Gastarbeitern in die Ukraine gebracht wurde. Dementsprechend steigen die Immobilienpreise: Während der Quadratmeter Wohnraum im Zentrum von Schytomyr vor zwei Jahren noch 300 Dollar kostete, sind es heute schon 50 Prozent mehr. Auch die Innenstadt von Schytomyr zeigt den Wohlstand vieler privater Haushalte: Zwischen den schmutzigen Wohnhäusern aus der Stalin- und Chruschtschow-Zeit findet man an allen Ecken Elektronikmärkte. Inzwischen ist es schon einfacher, in Schytomyr einen DVD-Player zu kaufen als eine Mütze.

Nach Angaben von ukrainischen Behörden fahren etwa fünf Millionen Bürger des Landes mindestens einmal im Jahr zum Arbeiten ins Ausland – etwa ein Sechstel der arbeitsfähigen Bevölkerung. Während die Ostukrainer sich hauptsächlich in Russland verdingen, zieht es die Westukrainer in die Europäische Union. Allein in die ukrainische Bukowina würden monatlich 50 Millionen Euro aus dem Ausland überwiesen, schätzt die „Bukowiner Organisation für Partnerschaft“, in der sich ehemalige Gastarbeiter zusammen geschlosssen haben.

Wahr ist, dass zur Zeit des Volmer-Erlasses viele von ihnen mit deutschen Touristenvisa reisten. Wahr ist aber auch, dass die Ukrainer im Westen nicht immer unerwünscht sind. Seit Anfang April gewährt Portugal seinen rund 200.000 ukrainischen Gastarbeitern vorübergehend sogar die gleichen Sozialleistungen wie portugiesischen Staatsbürgern.

Die Arbeitsimmigration hat allerdings auch ihre Schattenseiten. Viele der Gastarbeiter lassen ihre Kinder bei den Großeltern – oder im schlimmeren Fall alleine zuhause. „Diese Kinder wissen nicht, was ein intaktes Elternhaus ist und landen nicht selten im Drogenmilieu“, sagt Olga Jurtschenko, die Leiterin des Zentrums für Familien und Kinder in Schytomyr. Das Zentrum wurde erst vor wenigen Wochen gegründet, unter anderen eine Psychologin und ein Anwalt sollen sich um die zerrütteten Familien kümmern. In Czernowitz ist dafür bereits vor zwei Jahren das „Krisenzentrum für Migration“ entstanden.

„Dollar, Euro, Euro, Dollar“ – am Rand des Schytomyrer Gemüsemarktes bieten drei Männer in schwarzen Lederjacken den Vorübereilenden ein Tauschgeschäft an. Der Wechselkurs zur ukrainischen Hrywnja sei besser bei ihnen als in der Bank, versprechen sie. Ihren Namen wollen die Männer nicht sagen – aber dass bei ihnen das Geld von Gastarbeitern getauscht wird, erzählen sie gerne. Seit einem Jahr allerdings gehe die Nachfrage nach Hrywnja zurück. Ob das an den schärferen Visabestimmungen liegt? Die Geldhändler zucken die Schultern.

Wer sich auf dem Gemüsemarkt umhört, der erfährt: In fast jeder Familie gibt es jemanden, der zeitweise im Ausland arbeitet. Aber bei weitem nicht alle zieht es weg. Die 28-jährige Ira Schmid zum Beispiel, die einen Stand mit Strumpfhosen führt, könnte sogar nach Deutschland auswandern – ihr Vater Waldemar war deutscher Abstammung. Aber das Beispiel ihrer Cousine schreckt sie ab: Die lebt in München von der Sozialhilfe. „Ich glaube, dass ich mit meiner Arbeit hier zufriedener bin, auch wenn dabei gerade 60 Euro im Monat herausspringen“, sagt Ira. Und irgendwann müsse es ja auch mit der Ukraine bergauf gehen.


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