Ukraine

Wehmut vor der Visastelle

Jeder Taxifahrer kennt die Slatoustiwska-Straße in Kiew – dort steht der berühmteste Barackenbau der Ukraine, die Visastelle der Bundesrepublik Deutschland. Die Botschaft liegt eigentlich in der vornehmen Innenstadt Kiews – die Visastelle jedoch inmitten von Groß-Baustellen, Abrisshäuser und aufgelassene Brachflächen. Ihre Berühmtheit erlangte die Baracke der deutschen Visastelle vor rund fünf Jahren. Da sprach es sich in Kiew unter den Reisebüros, den Ausreisewilligen und den Menschenhändler herum, dass das heißbegehrte Visum in die Staaten des Schengener Abkommens hier problemlos zu bekommen sei.

Ursächlich hierfür war der inzwischen berühmt gewordene „Volmer-Erlass“ vom März 2000. Der damalige Staatssekretär im Außenministerium Ludger Volmer hatte die Botschaften angewiesen, bei der Visumsvergabe nicht mehr so genau zu prüfen. „Im Zweifel für die Reisefreiheit“, hatte Volmer in seinem Erlass formuliert und das Papier von Außenminister Joschka Fischer unterschreiben lassen. Als Folge verdoppelte sich die Zahl der in Kiew ausgestellten Visa auf knapp 300.000 im Jahr 2001. Vor der Ausgabestelle herrschten chaotische Zustände, die Schlange wurde so lang, dass für vordere Plätze Schmiergelder verlangt und bezahlt wurden. Um der Lage Herr zu werden, vereinfachte das Berliner Außenamt die Visa-Vergabe weiter. Musste zuvor noch die Einladung eines deutschen Bürgers organisiert werden, genügte nun sogar eine bestimmte Reiseversicherung eines deutschen Anbieters für die Erteilung eines Touristenvisums. Die Folge war ein schwunghafter Handel mit diesen Reisedokumenten, bis der Skandal öffentlich wurde.

Noch heute versuchen einige findige Ukrainer ihr Geschäft mit den deutschen Visa zu machen. Wer sich der Visabaracke bis auf 150 Meter genähert hat, der wird von Natalja Lazarewa angesprochen. Die Frau mit den Goldzähnen ist in eine dicke Pelzjacke gepackt. Ohne ihre Hilfe sei es sehr schwierig, ein Visum zu bekommen, erklärt sie. Sie habe die entsprechenden Fragebögen, sie könne bei der Zusammenstellung der nötigen Dokumente beraten. Und Natalja weiß auch, wie man die Fragebögen am besten ausfüllt. Das ist immer noch ein gutes Geschäft.

An die goldenen Zeiten allerdings vor vier Jahren, kann Natalja nicht mehr anknüpfen. Sie bekommt glänzende Augen, wenn sie daran zurück denkt. „Die Menschen standen Schlange hier, Hunderte von Metern“, erzählt sie. Manche Ausreisewillige hätten sogar in der Slatoustiwska-Straße übernachtet, um ihren Platz in der Schlange nicht zu verlieren. Heute prüfe die Botschaft wieder alles sehr genau. Für Natalja ein Problem: „Ich habe die Hälfte meiner Kunden verloren“, sagt sie. 50 Dollar, einen durchschnittlichen Monatslohn, verlangt Natalja Lazarewa für ihren Service. Und das, obwohl ein Schild an der Visabaracke unmissverständlich erklärt: Die Einschaltung eines kostenpflichtigen Schreibbüros ist nicht notwendig. In vergilbten Kästen hängt außerdem das Musterexemplar eines vorschriftsmäßig ausgefüllten Visumformulars.

Der so genannte Volmer-Erlass ist aufgehoben, seit 2003 gelten wieder die alten, restriktiven Regeln. Jeder Antragsteller muss persönlich erscheinen, eine Einladung aus Deutschland und eine so genannte Verpflichtungserklärung mitbringen. In der Erklärung garantiert ein in Deutschland Wohnhafter, dass er zum Beispiel für eventuelle Abschiebungs-Kosten aufkommt.

Das trifft auch die Klofrau Ludmilla. Einsam steht sie vor ihren drei blauen Baustellenklos und friert. Umgerechnet acht Cent kostet die Benutzung, an manchen Tagen geht die 60-jährige mit weniger als einem Euro nach Hause. Ludmilla ist angestellt, deshalb könnte ihr der Kundenverkehr eigentlich egal sein. Aber sie fürchtet um ihren Arbeitsplatz, der ihre Rente von umgerechnet 35 Euro im Monat wenigstens verdoppelt. „Es ist auch moralisch unbefriedigend, keine Kunden zu haben“, erzählt Ludmilla. Sie komme sich nutzlos vor. In der mittleren ihrer drei Kabinen hat sie sich ein kleines Kämmerchen eingerichtet – mit Stuhl und einem Spiegelscherben an der Tür. An wärmeren Tagen liest sie hier in ihrem Lieblingsbuch – den Lehren eines indischen Weisen.

Noch ist die Infrastruktur um die Visastelle in Takt. Es gibt mehrere Gepäckaufbewahrungs-Stellen, Versicherungsbüros und einen Imbissstand. Gerade lässt sich ein junger Mann im Trainingsanzug einen Kaffee einschenken, an der linken Hand trägt er einen dicken goldenen Ring. Auf die Frage, warum er ein Visum beantragt, antwortet er nicht. Auch die anderen, die auf ihren Vorstellungstermin warten, wollen nichts sagen.

Die Zeiten haben sich geändert, auch für die Taxifahrer vor der Visastelle. Zum Beispiel für Sergej Michalkow, der in seinem 22 Jahre alten Wolga auf Kunden wartet und raucht. Warum er statt früher 30 Euro nur noch zehn Euro am Tag umsetzt, weiß er nicht. „Wahrscheinlich sind so viele von uns ausgereist, dass die Deutschen genug haben“, sagt er. Vor allem die Reichen hätten ja früher sofort ein Visum bekommen, erzählt Sergej. Die habe ich dann gleich zum Flughafen gebracht. Und den ärmeren Leuten in der Warteschlange vermittelte der Taxifahrer bei Bekannten private Zimmer über Nacht. Seinen Standort in der Slatoustiwska-Straße will Sergej aber nicht aufgeben. Er habe sich bereits daran gewöhnt, im Rhythmus der deutschen Bürozeiten und Feiertage zu arbeiten.

Kein Zweifel: Der Andrang vor der Visastelle hat abgenommen, weil die Praxis der Visavergabe verschärft wurde. Der Wunsch vieler Ukrainer, in die Länder der EU zu reisen, ist ungebrochen. So bleibt ihnen bis auf weiteres nur die Hoffnung, dass der politische Kurs des neuen Präsidenten Wiktor Juschtschenko die Ukrainer der Europäischen Union näher bringt. Bis dahin vertrauen die Klofrau Ludmilla und der Taxifahrer dem Versprechen Juschtschenkos, den Lebensstandard zu verbessern und die Renten und Gehälter anzuheben. „Wir Ukrainer und ihr Deutsche – wir werden uns einmal von gleich zu gleich in die Augen schauen“, sagt Sergej. Er vertraue der neuen Regierung: „Dann wird kein Ukrainer mehr zum Arbeiten nach Deutschland fahren müssen.“


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