Polen

60 Jahre nach Auschwitz

Von Mia Raben (Email: mail@miaraben.com, Tel.: 0048-660 172 353)

Oswiecim (n-ost). Wenn sie nicht frieren wollen, werden die über 20 Staats- und Regierungschefs sich am 27. Januar warm anziehen müssen. Zwei Stunden lang soll bei der Zeremonie an der Zugrampe in Birkenau dem 60. Jahrestag der Befreiung des Konzentrationslagers Auschwitz-Birkenau gedacht werden. Zum Auftakt ertönt um 14.30 Uhr das Signal eines einfahrenden Zuges. An der so genannten Todesrampe selektierten die deutschen Nationalsozialisten während des Zweiten Weltkrieges ihre Häftlinge in solche, die arbeiten sollten, und jene, die sofort in die Gaskammern mussten.

Als erste werden die Vertreter der ehemaligen Häftlinge sprechen: Simone Veil, frühere Präsidentin des Europäischen Parlaments, Wladislaw Bartoszewski, ehemaliger polnischer Außenminister, und Romani Rose, der Zentralratsvorsitzende Deutscher Sinti und Roma. Etwa 2000 Überlebende, darunter Auschwitz-Häftlinge und Veteranen der Roten Armee, werden als Ehrengäste erwartet.

Neben dem polnischen Präsidenten und Gastgeber Alexander Kwasniewski werden die Staatspräsidenten Russlands, Wladimir Putin, und Israels, Mosche Katsav, kurze Ansprachen halten. Auch Bundespräsident Horst Köhler, Frankreichs Staatspräsident Jacques Chirac und Manuel Barroso, der Vorsitzende der EU-Kommission werden anwesend sein. Ökumenische Gebete und das jüdische Totengebet Kaddisch sollen verlesen werden. Kardinal Jean-Marie Lustiger überbringt eine Botschaft von Papst Johannes Paul II.

Während der Jahre 1940-1945 deportierten die Nazis über eine Million Juden, fast
150 000 Polen, und Zehntausende Roma, sowjetische Kriegsgefangene, Homosexuelle, politische Gegner und andere nach Auschwitz. Die meisten der Häftlinge starben in den Gaskammern. Am 17. Januar 1945 begann die SS beim Anblick der sich nähernden Roten Armee mit der Evakuierung des Lagers. Zehntausende Gefangene mussten bei eisiger Kälte in Richtung sich in Deutschland befindender Konzentrationslager marschieren. Viele starben dabei. Die russischen Auschwitz-Befreier fanden noch rund 7000 Häftlinge vor.

Aus der ganzen Welt haben sich zu den Feiern etwa 1200 Journalisten angekündigt. Für die Sicherheit der rund 10 000 Gäste werden 3000 Polizisten verantwortlich sein. Schon in den frühen Morgenstunden des 27. Januars wird die einzige Straße zwischen dem südpolnischen Krakau und der Stadt Oswiecim (sprich: Oschwientschiem) abgesperrt, und nur mit Erlaubnis befahrbar sein.

Was das KZ Auschwitz-Birkenau heute für die Menschen der Umgebung bedeuten kann, zeigt die Reaktion der Bewohner. „Immer dasselbe mit diesen wichtigen Gästen“, schimpft Stanislaw Firley, der ein Lebensmittelgeschäft an der Strecke betreibt. Als Bewohner von Oswiecim – so heißt die nahe gelegene Stadt, aus der die Nationalsozialisten den Namen „Auschwitz“ für das KZ ableiteten – habe man es nicht leicht, klagt Firley. Das bestätigt auch Tomasz Kuncewicz, der Direktor des Jüdischen Instituts in Oswiecim. „Die Leute, die heute hier leben, müssen mit diesem schrecklichen Erbe zurecht kommen“, sagt er. Oft würden Besucher die Bewohner mit den Verbrechen der Nazis assoziieren, berichtet Kuncewicz.

Doch viele Bürger von Oswiecim hatten während des Zweiten Weltkrieges ihr Leben riskiert, als sie Häftlingen bei der Flucht halfen, oder ihnen Medikamente und Essen ins Lager schickten. Die Beziehungen zwischen Museum und Stadt seien heute jedoch „offiziell und kalt“, sagt Jarek Mensfelt vom Museum Auschwitz-Birkenau. Weltweites Aufsehen erregten Mitte der neunziger Jahre die Pläne des Unternehmers Janusz Marszalek, dem heutigen Bürgermeister. Auch er ist kein Freund der Gedenkstätte. Mit unsensibler Vehemenz kämpfte er für sein Handelszentrum „Maja“ direkt vor der Gedenkstätte. Er witterte eine jüdische Verschwörung gegen seine Investitionspläne.

Ähnlich antisemitische Töne geben immer wieder polnische Priester und sogar Bischöfe in ihren Predigten von sich. Im Keller einer Warschauer Kirche etwa kann ein Buchladen weitgehend unbehelligt antisemitische Schriften verkaufen. Viele Bischöfe seien wegen solcher Tatsachen besorgt, unternähmen jedoch nichts, weil sie fürchteten, ihre Gemeinden könnten schrumpfen, sagt Jan Grosfeld, jüdisch-katholischer Professor aus Warschau. „Sie haben Angst davor, mutig und offen zu sein“, sagt er. Warum gibt es zum Anlass der Gedenkfeiern keine Antisemitismus-Debatte in den Medien? Grosfeld sagt: „Auch die Medien suchen ihren modus vivendi mit der Kirche.“

*** Ende ***



Weitere Artikel