Ukraine

Das Geschäft nach der Revolution

Fünf Wochen lang haben die Ukrainer gegen die Fälschungen bei der Präsidentenwahl demonstriert. Nun, da der Sieg des Oppositionskandidaten Wiktor Juschtschenko endlich feststeht, ist in der Hauptstadt Kiew schon fast wieder Normalität eingekehrt. Auf dem Kiewer Unabhängigkeitsplatz, dem „Majdan“, stand noch vor kurzem eine halbe Million aufgebrachter Menschen. Nun schlendern die Passanten durch die Geschäfte, um nach Geschenken zu suchen, die man sich in der Ukraine traditionell an Neujahr überreicht. Aus den Lautsprechern tönt Weihnachtsmusik, nicht anders als in den Ländern weiter westlich.

Die Revolution ist für die Kiewer schon fast Geschichte. Ein historisches Ereignis, auf das sie mit Stolz zurückblicken. Am Weihnachtsbaum zuhause, der hier an Silvester aufgestellt wird, werden sie dazu genug Gelegenheit haben. Denn Revolutions-Utensilien als Geschenke sind derzeit der Renner an den Ständen und in den Geschäften. Zum Beispiel Kleidung in Orange, der Farbe der Revolution. „Am begehrtesten sind Handschuhe in Orange. Auch Mützen, aber die sind uns schon ausgegangen“, sagt Walentin, 22-jähriger Verkäufer in einem Jeans-Laden in der Passage unter dem Unabhängigkeitsplatz. Auch er trage Orange, das sei schließlich „die Farbe der Freiheit, der Unabhängigkeit – und natürlich die Farbe unseres Sieges.

Wer es kitschig mag, der bedient sich bei den fliegenden Händlern auf der Prachtstraße Chreschtschatik. Unter dem zentralen Kiewer Weihnachtsbaum, der stolze 33 Meter hoch ist, gibt es Wand-Kalender mit Juschtschenko-Bildern und dem Spruch: „Ich war dabei.“ Die 32-jährige Ludmila hat sogar kleine Tannenbäumchen im Angebot, der Stamm aus Draht gebogen, die Nadeln aus orange-farbenem Plastik. Kostenpunkt: umgerechnet vier Euro. Passend dazu erhältlich sind Christbaum-Kugeln, verziert mit dem Slogan der Opposition: „Ja – Juschtschenko.“ Die 32-jährige Ludmilla gibt zu, dass sie sich so einen Baum nicht in ihre Wohnung stellen würde. Weihnachten, das in der Ukraine auf den 7. Januar fällt, sei eben Weihnachten, sagt Ludmilla. Da habe Politik nichts verloren.

In einem Punkt sind sich alle Kiewer einig: Die Wahl vom Sonntag war hoffentlich die letzte Präsidentenwahl für die kommenden fünf Jahre. Die wochenlangen Demonstrationen bei Minustemperaturen haben die Menschen ausgelaugt. Silvester, mit dem für die Ukrainer das Weihnachtsfest praktisch schon beginnt, soll nach den Strapazen aber noch einmal eine große Feier werden. Nur über die Zeltstadt mitten auf dem Chreschtschatik, wo noch immer die hartgesottensten Demonstranten wohnen, sind die Kiewer uneins. Die einen meinen, diese eher wilden Behausungen passten nicht zu den Girlanden, die über der Prachtstraße gespannt sind. Die Verkäuferin Ludmilla ist anderer Ansicht: „Auf dem Chreschtschatik sollen wieder Autos fahren? Das kann ich mir gar nicht mehr vorstellen.“

Vor der Kiewer Hauptpost steht der 20-jährige Dima. Die Hälfte der rund 100 Revolutions-CDs, die er heute mitgebracht hat, ist gegen Mittag schon verkauft. Die selbst gebrannten Scheiben dürften für manchen Ukrainer zur schönsten Erinnerung an die orange-farbene Revolution werden. Kleine Filmchen zeigen alle Schlüsselszenen des Wahlkampfes – vom Eierwurf, der in der Westukraine den Regierungskandidaten Wiktor Janukowitsch zu Fall brachte, bis zur Belagerung der verhassten Präsidialverwaltung in Kiew.
Dima allerdings hält sich an die Worte, die Wahlsieger Juschtschenko am Montagmorgen um halb drei vor seinen Anhängern auf dem Unabhängigkeitsplatz sagte: „Ihr dürft diesen Majdan nicht verlassen, jetzt müssen wir unseren Sieg verteidigen.“ Dima will hier bleiben – mindestens bis zur Vereidigung seines Idols. Dass er dabei Geschäft und Revolution verbindet – wer will es ihm verdenken.


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