Immer noch Unklarheit über Juschtschenkos Erkrankung
Die Mediziner der Wiener Klinik „Rudolfinerhaus“ kommen langsam der Ursache für die schwere Erkankung des ukrainischen Oppositionspolitikers Wiktor Juschtschenko auf die Spur. Es gebe mehrere Hypothesen, sagte Nikolaj Korpan, einer der behandelnden Ärzte in Wien, am gestrigen Mittwoch. Alle Hypothesen gingen im Moment von einer Vergiftung aus. Um ein eindeutiges Ergebnis zu erhalten, müsse sich Juschtschenko aber noch einmal nach Wien begeben, zu einem zwei- bis dreitätigen Aufenthalt. Genaueres will Korpan im Moment nicht über die Vermutungen der Ärzte sagen.
Am Morgen hatte die britische Zeitung „The Times“ ein Telefon-Interview mit Korpan veröffentlicht. Darin erklärte der Arzt, es stehe nun fest, dass Juschtschenkos Krankheit von einer einzigen Substanz hervorgerufen worden sei. Die Frage, ob man von Tötungsabsicht ausgehen müsse, habe Korpan klar bejaht, heißt es in dem Interview. Korpan relativierte die Veröffentlichung kurz darauf. Noch ließen sich keine konkreten Aussagen treffen. Immer wieder war in den Medien von einer Vergiftung mit Dioxin die Rede, das eine besonders schlimme Form von Akne hervorruft.
In der Ukraine hatte die plötzliche Erkrankung des Präsidentschaftskandidaten Mitte September für einen Schock gesorgt: Die Anhänger des Oppositionspolitikers waren sich sofort einig darüber, dass auf den Politiker ein Anschlag verübt worden war. Juschtschenkos Umgebung sprach von einem Giftanschlag. Diese Version wurde auch deshalb so heiß debattiert, weil Juschtschenko am Abend vor seiner Erkrankung ein Gespräch mit der Leitung des ukrainischen Geheimdienstes SBU hatte und dabei auch Essen zu sich nahm.
Tatsächlich ist das Gesicht des einst gutaussehdenden Juschtschenkos bis heute geschwollen und dabei übersät von Hautunreinheiten. Juschtschenko klagt auch über starke Bauch- und Rückenschmerzen.
Regierungspolitiker der Partei des Ministerpräsidenten Wiktor Janukowitsch hatten zu Beginn der Krankheit Juschtschenkos gehöhnt, er habe zu viel Whisky getrunken und vielleicht schlechtes Sushi gegessen. Einige haben sich für diese herablassenden Bemerkungen inzwischen entschuldigt. Das ukrainische Parlament beschloss, einen Untersuchungsausschuss einzurichten. Die Staatsanwaltschaft nahm Ermittlungen auf.
Ob es an Juschtschenkos Krankheit beteiligt war oder nicht – das Janukowitsch-Lager versuchte, aus dem Vorfall Kapital zu schlagen. Einerseits bemühten sich der leitende Generalstaatsanwalt und der Vorsitzende des Unterschuchungsausschusses, Juschtschenkos These von der Vergiftung zu widerlegen. Andererseits verwendeten die von der Regierung kontrollierten Medien die Bilder des Politikers, um ihn als krank und angeschlagen vorzuführen. Juschtschenko versuchte deshalb, die Sache nach einem zweiten Besuch in Wien möglichst in Vergessenheit geraten zu lassen.
Die Meinung der Ukrainer über Juschtschenkos Erkrankung ist Umfragen zufolge gespalten. Die Zahl derjenigen, die eine Vergiftung annehmen, hält sich mit der Zahl der Skeptiker die Waage. Auf die Präsidentenwahl am 31. Oktober und die – inzwischen anullierte – Stichwahl am 21. November dürften die Berichte über den Vorfall deshalb keine Auswirkungen gehabt haben. Der insgesamt dreiwöchige Krankenhausaufenthalt in Wien brachte allerdings damals Juschtschenkos Wahlkampf-Planung durcheinander. Er hatte vor allem die Ostukraine bereisen wollen, wo die Medien bis vor Kurzem unter noch stärkerer Kontrolle standen als im Westen und in der Mitte des Landes. Juschtschenko wollte sich wenigstens persönlich den Wählern dort präsentieren können.