Die belarussische Saat ist aufgegangen
Minsk (n-ost). Eröffnet hatte der Präsident das Wettrennen Anfang August auf einer Agrarkonferenz im Kreise seiner Getreuen. Der Frühling sei spät gekommen dieses Jahr und habe die Saat um zwei Wochen hinausgezögert, erklärte Lukaschenka dem versammelten Fachpublikum und spornte etwaige Verzagte an: Den Morgentau bekomme man in den Griff, bei 20 oder 25% Luftfeuchtigkeit werde nicht der Kopf in den Sand gesteckt, kein Zuckerbetrieb brauche sich um seine Zuckerrüben zu sorgen, ordentlichen Mais werde es geben. Am Ende sei dann mit sieben Millionen Tonnen Getreide zu rechnen.
Bereits lange zuvor hatte der Präsident in öffentlichen Erklärungen 25 olympische Medaillen von seinen Sportlern verlangt – und damit die Latte nach nur 17 belarussischen Medaillen in Sydney 2000 reichlich hoch gelegt. Möglich auch, dass 7 Millionen Tonnen Getreide und 25 Medaillen keine einheitliche Gewichtskategorie darstellen. Aber nun war der unsinnige Vergleich in der Welt und der Präsident selbst gab den Startschuss: „Bauern gegen Sportler – schauen wir mal, wer dem Volk mehr Freude bereitet.“
In Sachen Doping zeigte sich Lukaschenka um faire Wettkampfbedingungen bemüht: Landwirte gebe es, so die Beobachtung des Präsidenten, die sich gewohnheitsmäßig vom frühen Morgen an betrinken und im Graben wälzen – hier seien Kontrollen nötig. Dass die Leute kontrolliert werden und nicht das Bier, mag mit dem Importverbot für Hopfen zu tun haben, das Lukaschenka letztes Jahr verfügte. Der fatale Irrglaube damals: Der belarussische Hopfen sei konkurrenzfähig. Mitunter schmeckt belarussisches Bier, als sei es mit Wacholderschnaps versetzt – wer würde sich nicht im Graben wälzen?
Das Land ließ seine Helden nicht allein. In vielen ländlichen Gebieten öffneten Einkaufszentren während der Erntezeit auch an Sonntagen. Mit Sonderformaten übertrug das Fernsehen das Geschehen auf den Feldern live. Die Polizei wurde sogar musikalisch aktiv: Auf einem der Felder des Agrokombinats „Morgenröte“ im Mogilever Gebiet fuhren Milizionäre vor und brachten den fassungslosen Traktoristen ein Ständchen dar.
Weitere Anordnungen ergingen auf Inspektionsreisen. Vom Landwirtschaftsmaschinenbau in Gomel verlangte Lukaschenka die Entwicklung eines Mähdreschers binnen zweier Jahre, der so zuverlässig arbeiten solle wie ein deutscher oder amerikanischer. Wo immer er konnte, bereiste Lukaschenka persönlich das Land, um sich vom Fortgang der Ernte zu überzeugen. Selbst für das Verbieten von freien Universitäten, Zeitungen und NGOs blieb dem belarussischen Staatslenker diesmal keine Zeit. Für das Ende der Ernteschlacht wurde der 25. August festgelegt.
Indes erwischten die belarussischen Athleten in Athen einen denkbar schlechten Start. Ihrem Delegationsleiter Jurij Sivakov verweigerten die griechischen Behörden in letzter Minute die Einreise. Dem belarussischen Minister für Sport und Tourismus wurde zum Verhängnis, dass im Frühjahr der Zypriote Christos Pourgourides für den Europarat in Straßburg einen Bericht zur Menschenrechtslage in Belarus angefertigt hatte. Sivakov weist er darin Mitverantwortung zu am Verschwinden belarussischer Oppositionsführer in den Jahren 1999/2000. Todesschwadronen sollen gebildet worden sein.
Das belarussische Fernsehen schwieg hierzu und erklärte seinen Zuschauern den sportlichen Misserfolg lieber mit dem Mangel an gutem Fleisch in Athen, überdies mache den Athleten eine Erkältung zu schaffen. Die griechischen Veranstalter müssen sich verwundert die Augen gerieben haben, als die Gäste aus dem hohen Norden bei Temperaturen über 30 Grad um zusätzliche Überdecken baten.
Ob es Zufall war, dass im Olympischen Dorf die belarussischen Sportsfreunde ausgerechnet Seite an Seite mit den Kubanern wohnten, blieb bis zum Ende der Spiele unbeantwortet. Aber die oppositionelle belarussische Presse ließ sich das Schmankerl natürlich nicht entgehen: „Warum zwei Inseln der Freiheit schaffen, wenn es auch eine tut“, höhnte die Belarusskaja gazeta. Tage lang blieben die Medaillen aus. Als Lukaschenka das Treiben seiner Sportler nicht mehr mitansehen konnte, griff er selbst zum Schläger. Ein finnisches Eishockeyteam, das zu Besuch in Belarus weilte, musste sich einer Mannschaft unter Führung des Präsidenten geschlagen geben. Erst am fünften Tag der Spiele brach der Bann mit je einmal Silber und Bronze.
Nun sind die Spiele vorbei, das Land ruht sich aus. Das Getreide ist geerntet, die Silos gefüllt. Die Bauern haben am Ende das Rennen gemacht, aber auch die Athleten brauchen sich nicht zu verstecken: Nicht 25, aber immerhin 15 Medaillen sind es insgesamt in Athen doch noch geworden. Besonders die Goldmedaille der Leichtathletin Julia Nesterenko über 100 Meter ragt heraus. Gute Nachrichten also, wo man hinschaut. Besonders Präsident Lukaschenka darf zufrieden sein. Die Stimmung in der Bevölkerung hat sich durch die Erfolgserlebnisse gebessert – und am 17. Oktober sind in Belarus Parlamentswahlen.
*** ENDE***
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