Belarus

„Die kritische Masse“ - Mit repressiven Methoden kämpft das System Lukaschenko um sein Überleben.


Von Ina Werner (E-Mail: ab_nach_minsk@web.de, Tel: +375 17 236 6134)
(Fotos bei der Autorin anfragen)

Minsk (n-ost). Schlau eingefädelt war der Coup, der die gesamte Europäische Humanistische Universität (EHU) in Minsk schon seit rund vier Wochen ins Wanken bringt. Zurücktreten solle der Mitgründer und Rektor der einzigen privaten Universität des Landes Belarus, Prof. Anatoli Michailow, so die Forderung des belarussischen Bildungsminsteriums. Nur dann sei die Verlängerung der Lizenz gesichert, die für die staatlichen Anerkennung der Studienabschlüsse notwendig ist. Der 64jährige Rektor ist der Geist der bislang weitgehend unabhängigen Institution. Während der Sowjetzeit überwinterte er an der staatlichen Universität am Lehrstuhl für Philosophie. Martin Heidegger zählt zu den beliebtesten Philosophen des Rektors, der in den 60-er Jahren in Jena promovierte. Nach der Unabhängigkeit von Belarus nutzte er die neue Freiheit und gründete vor fast zwölf Jahren die EHU mit Unterstützung u.a. der amerikanischen Soros-Stiftung, der orthodoxen Kirche und später auch französischer und deutscher Sponsoren. Über 40 Prozent des Etats der Universität kommen aus dem Ausland.

Die Kündigungsdrohung sprach der Bildungsminister des Landes, Alexander Radkov, persönlich aus und musste sich promt bei empörten EU-Botschaftern in Minsk dafür rechtfertigen. Die flammende Rede des französischen Botschafters zum Beispiel, der die Bedeutung der EHU und des Verdienstes Michailows hervorhob, schien zu beeindrucken. Ob das reicht, um die Situation zu retten, bleibt fraglich. Denn nicht die gesamte Hochschuleinrichtung, sondern nur Michailow selbst stellte der Minister in Frage. Dieser könne durchaus als Angestellter der Uni weiterhin beschäftigt bleiben. Nur den Posten des Rektors solle er frei machen, für einen Nachfolger, der der Regierung näher steht. Wer genau, wurde freilich noch nicht bekannt gegeben.. Klar ist, ohne Professor Michailows Engagement wird die international anerkannte Bildungseinrichtung zur Kaderschmiede verkommen. Doch der will nicht aufgeben. Im März reiste er nach Weimar, um als erster Belarusse dort die Goethe-Medaille in Empfang zu nehmen. Und um die Zukunft der EHU nach weiteren Unterstützern zu suchen. Seit Jahren beklagt Michailow den enormen Arbeitsaufwand für das Hochschulmanagement, viel lieber würde er forschen und seine philosophischen Studien weiter vorantreiben. Diese Möglichkeit stünde ihm nun offen. Aber er will mehr. Oft spricht er von der „kritischen Masse“, die er an seiner Universität ausbilden will. Junge Menschen, die sich mit ihrer Umgebung, Geschichte und ihrer gesellschaftlichen Verantwortung auseinandersetzen.
Studenten und Angestellte der Universität solidarisierten sie sich mit ihrem Rektor und schrieben einen offenen Brief an den Bildungsminister. Es folgte das Übliche: Ein technischer Eingriff brachte für mehrere Tage Telefone und Computer u.a. im Institut für Deutschlandstudien zum Erliegen. Eine verdeckte Warnung an den Unnachgiebigen.

Doch statt hinzuschmeißen, wagt er sich an neue internationale Kooperationen. Mitte Februar unterschieb er einen Vertrag mit der Partner-Universität Viadrina in Frankfurt/Oder. Der erste deutschsprachige Masterstudiengang in Belarus soll schon im März anlaufen. Ein Programm, das übrigens maßgeblich vom Deutschen Akademischen Austausch Dienst (DAAD) gefördert wird. Nun ist die Frage, ob diese Zusagen weiterhin gelten werden – ohne Michailow steht alles auf der Kippe. Wie werden sich die Förderer verhalten, wenn die Regierung die noch gültige Lizenz nicht verlängert Für Michailow kommen die repressiven Gebärden nicht unerwartet, seit Monaten wird der Bildungssektor auf Linie gebracht. Etwa durch die Einführung des fragwürdigen Unterrichtsfachs „Nationale Ideologie“. Oder die willkürliche Entlassung des Rektors der Staatlichen Universität Minsk, dem Diebstahl vorgeworfen wurde. Zwei Tage nach seinem Rausschmiss wurde zwar der Vorwurf zurückgenommen, doch der regierungstreue Nachfolger blieb im Amt. Zuvor wurde bereits das Humanistische Institut der Universität, das vor allem jüdische Studien betreibt, in eine kleine Fakultät umgewandelt und damit beinahe mundtot gemacht. Das einzige belarussisch-sprachige Lyzeum wurde letzten Sommer geschlossen, trotz der Proteste seitens der Schüler, Eltern und Lehrer. Die 120 Schüler hatten sich bis zum Schluss geweigert, das Gymnasium zu verlassen, ihre Zukunft bleibt ungewiss.
Kein Wunder also, das der jedes Jahr Hunderte Studenten das Land verlassen. Wie Michailow glaubt, die Elite, die im Land fehlt. Eine dramatische Entwicklung, die er aufhalten wollte.

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