Lettland

Euro-Freude und Teuro-Angst

Die Suche nach einem Weihnachtsgeschenk führt in diesen Tagen viele Letten zur Bank. Euro-Starterkits sind der Renner unterm Weihnachtsbaum. Denn Ende des Jahres müssen sich die Menschen vom lettischen Lats verabschieden. Er habe zwei Starterkits für seine Kinder gekauft, sagt ein Kunde. 14,32 Euro für 10 Lats. „Mich beunruhigt das neue Leben mit dem Euro schon. Aber mein Kollege hat gesagt: Wenn du kein Geld hast, spielt es sowieso keine Rolle, ob es lettische Lats oder Euro sind.“

Lettland wird im Januar als 18. Mitglied der Eurozone beitreten. Der kleine Baltenstaat mit knapp zwei Millionen Einwohnern habe Ehrgeiz bewiesen und mit einem harten Sparkurs die Krise gemeistert, so Andris Stradz, leitender Volkswirt der Nordea Bank. Mit einem Wachstum von gut fünf Prozent liege Lettland weit über dem Durchschnitt der Eurozone; vom Wegfall der teuren Wechselkurse werde es weiter profitieren. Mehr als die Hälfte aller Betriebe exportiert in Euro-Staaten und muss bislang hohe Gebühren für den Geldumtausch hinlegen. Eine große Rolle spiele aber auch die Psychologie, sagt Strazds: „Wir werden mit an dem Tisch sitzen, an dem über die Zukunft Europas entschieden wird.“


Angst vor dem Teuro

Trotzdem geht in Lettland die Angst vor dem „Teuro“ um. Deshalb ist Ivars Jonins Tag für Tag in den Geschäften unterwegs. Er ist einer von zahlreichen Kontrolleuren, die überall im Land durch die Läden ziehen und im Namen der Verbraucher die doppelte Auszeichnung in Lats und Euro überprüfen. Für seine Stichproben wählt Jonins an diesem Tag in einem Rigaer Supermarkt zehn Produkte aus, vom Ketchup bis zur Milch. „Vor allem muss die Umrechnung von Lats in Euro korrekt sein“, sagt er und zückt seinen Taschenrechner. „Hier stimmt alles.“

Die Ängste werden aber den meisten Verbrauchern so offenbar nicht genommen. Nur 40 Prozent der Letten sehen den Euro positiv. „ Ich bin traurig, dass wir unsere eigene Währung verlieren werden“, sagt eine Kundin. „Und ich habe Angst. Lebensmittel werden teurer und ich kann nicht kontrollieren, ob der neue Euro-Preis dem alten Lats-Preis entspricht.“ Das sei in Deutschland genau so gewesen, sagt ein Mann. „Sie haben noch immer in Mark gerechnet, wir rechnen in Lats.“

Eine leichte Preissteigerung wird es auf jeden Fall geben. Denn was heute noch einen Lats kostet, dafür müssen die Letten ab Januar anstatt 1,43 Euro wohl 1,50 Euro oder mehr hinlegen, sagt Verbraucherschützer Jonins. „In Lettland gibt es einen freien Markt. Jeder Unternehmer bestimmt selbst, welchen Preis er verlangt, das können wir nicht regulieren.“

„Faire Euroeinführung“ heißt die Gegen-Kampagne des lettischen Amts für Verbraucherschutz. Mehr als 4.000 Einzelhändler haben sich dazu in einer Liste verpflichtet, die jeder Kunde im Internet einsehen kann. Im Geschäft selbst werben sie mit Aufklebern um Vertrauen. In einem Laden für Kinderkleidung sagt eine Kundin, sie habe dieses Geschäft gewählt, weil es hinter der „fairen Euroeinführung“ stehe. „Aber heute früh beim Arzt musste ich plötzlich einige Cent mehr zahlen. Sie haben die Preise einfach aufgerundet, damit später eine gerade Eurosumme daraus wird.“


Die Starter-Kits sind begehrt

Beim Rechnen mit der neuen Währung kommen auch andere Fragen auf: Landesweit müssen Buchhalter wie Linda Kunga den Umgang mit der neuen Währung lernen. Dabei helfen Erfahrungen aus Euroländern wie Deutschland oder Estland. Auch dort hatte der Euro einen schlechten Ruf. Oft unberechtigt, meint Linda Kunga: „Nicht nur der Euro verteuert. Neue Steuergesetze treten in Kraft und der Mindestlohn wird am 1. Januar erhöht, dadurch steigen die Betriebskosten unserer Unternehmen. Auch deshalb können Produkte teurer werden.“

Zugleich bleibt Lettland aber mit einer Körperschaftssteuer von 15 Prozent auch 2014 ähnlich günstig wie die Euro-Länder Irland und Zypern. Entsprechend hoffe das Land auf wirtschaftliche Impulse nach der Währungsumstellung, sagt Janis Reirs von der Haushaltskommission im lettischen Parlament. Zudem erfülle Lettland, anders als viele andere EU-Mitgliedsländer, die Maastricht-Kriterien. „Wir werden dazu beitragen, den Euro zu stabilisieren.“

Eine eigene Währung, auf die sie so stolz waren, hatten die Letten nur 23 Jahre. Der Euro bindet sie künftig noch stärker an Europa – an Länder mit und ohne Wirtschaftskrise. Bei vielen erzeugt das Unsicherheit und Angst, zusätzlich zur Furcht vor steigenden Preisen.

Trotzdem nimmt der Andrang bei den lettischen Banken nicht ab. Der Euro ist trotz aller Klagen und Sorgen offensichtlich begehrt. Und viele freuen sich allein schon deshalb, weil das Frauenportrait auf den neuen Ein- und Zwei-Euro-Münzen an den lettischen Lats aus der Vorkriegszeit erinnert.


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