Rumänien

Hauptstadt der Hunde

Das Tierheim von Mihailesti ist ein einfacher weißer Bau südlich von Bukarest. Robert Antonio Lorentz macht die schwere Metalltür auf, im Flur fängt es an zu bellen. „Hier landen Hunde, die mindestens einmal jemanden schwer gebissen haben“, sagt der Tierheimleiter. In dem ehemaligen Schweinestall reihen sich Käfige mit blauem Doppelgitter. Das Gebell wird ohrenbetäubend, der Geruch ist schwer zu ertragen. „Die Hunde warten darauf, dass sie adoptiert werden “, ruft Lorentz.

Künftig darf das Tierheim die Hunde einschläfern, wenn sich binnen zwei Wochen kein Besitzer gemeldet hat. So hat es das Bukarester Parlament am Dienstag beschlossen. Auslöser für das neue Gesetz war der gewaltsame Tod eines vierjährigen Jungen. Straßenhunde hatten das Kind in der Bukarester Innenstadt in der vergangenen Woche totgebissen. Einer der Hunde gehörte der Tierschutzvereinigung „Caleidoscop“, gegen die nun ermittelt wird.

16.000 Bukarester wurden 2012 von Straßenhunden gebissen

Seit dem Tod des Kindes streitet das Land wieder einmal erbittert über einen angemessenen Umgang mit seinen Straßenhunden. Geschätzte 64.000 Streuner leben in der rumänischen Hauptstadt. Rund 16.000 der fast zwei Millionen Bukarester landeten allein im vergangenen Jahr mit Bisswunden in der Notaufnahme oder beim Arzt. Hunderte Bukarester gingen in den vergangenen Tagen auf die Straße und forderten ein härteres Vorgehen gegen die Tiere, Stadtverwaltung und Politiker plädieren seit Jahren für die Tötung der Hunde. Tierschützer halten dagegen, dass man die Streuner sterilisieren solle und sich das Problem so in wenigen Jahren von selbst löse.

Einen „Massenmord mit Ankündigung“ nennt Kuki Barbulescu vom internationalen Verein „Vier Pfoten” das neue Gesetz. Der Verein will vors rumänische Verfassungsgericht ziehen. Der Konflikt mit den obersten Richtern ist programmiert: Eine ältere Version des Gesetzes hatte das rumänische Verfassungsgericht aus formellen Gründen bereits im vergangenen Jahr kassiert. Straßenhunde müssten geschützt werden, lautete das Urteil.

Doch auch aus anderen Gründen sei das Gesetz nicht die richtige Lösung, meint Tierheimchef Roberto Antonio Lorentz, der selbst jahrelang bei der Stadtverwaltung von Bukarest gearbeitet und sich dort mit den Streunern beschäftigt hat. Auf dem Parkplatz vor dem Heim stehen Kleintransporter mit Käfigen, die regelmäßig durch die Stadt fahren und die Lorentz die herrenlosen Hunde bringen. Nur acht solcher Teams seien zur Zeit unterwegs, sagt Lorentz. Lediglich 220 Hunde sind zur Zeit in seinem Tierheim untergebracht. Dass es künftig mehr werden, bezweifelt Lorentz. Die Kassen der Stadtverwaltung sind leer, weil Rumänien seit Jahren in einer schweren Wirtschaftskrise steckt.

Doch fehlendes Geld und zu wenig Tierheime seien nicht das einzige Hindernis, meint Lorentz. „Um das Problem in den Griff zu bekommen, brauchen wir mehr Verantwortung in der Gesellschaft.“

Für viele gehören die Hunde einfach zum Straßenbild

Denn längst nicht alle Bukarester sind auf der Flucht vor den Streunern. Zwar befürworten Umfragen zufolge 75 Prozent ein radikales Vorgehen gegen die Vierbeiner. Doch für viele gehören die Vierbeiner, die tagsüber massenhaft im Schatten der Bäume oder unter Autos dösen, einfach dazu. Fast an jeder Straßenecke in der Bukarester Innenstadt stehen kleine Wasserschüsseln, Tellerchen mit ein paar Knochen oder Plastikbehälter mit den Resten vom Mittagessen. Es seien vor allem ältere Bukarester, die sich um die Straßenhunde kümmerten, erzählt Tierheimchef Lorentz.

„Ich habe allein hier 20 Hundefreunde“ erzählt die 60-jährige Dina Rusu. Die Rentnerin fährt jeden Tag mit dem Fahrrad auf den Serban-Voda-Friedhof im Stadtzentrum. Dort holt sie ihren Topf aus dem Gepäck und fängt an, die Namen der Hunde zu rufen. „Heute sind sie scheu, es gibt zu viele Besucher hier“, erklärt sie, als sie eine Mischung aus eingeweichtem Brot und Schmalz aus dem Topf herauslöffelt und in kleinen Portionen am Wegrand verteilt.

Wegen der Wirtschaftskrise sei das Futter in den vergangenen Jahren knapper und die Tiere aggressiver geworden, erklärt Lorentz. Nach Sonnenuntergang beginne der Überlebenskampf: Hinter den Hochhäusern, bei Mülltonnen, auf Schulhöfen, vor Krankenhäusern und Ministerien machten sich rund 7.000 Rudel Revier und Nahrung streitig und griffen dabei oft Passanten an.

„In meiner Kindheit gab es noch wenige Straßenhunde“, sagt Dina Rusu. „Im Zentrum gab es Häuser mit Gärten, wir hatten unsere Ruhe fast wie auf dem Land“. Die Streuner wurden erst zum Problem, als der rumänische Diktator Nicolae Ceausescu in den siebziger und achtziger Jahren im Zuge eines größenwahnsinnigen Städtebauprogramms ein Viertel der Altstadt abreißen ließ und Plattenbauten errichtete. Zudem brachten die vielen Zuzügler vom Land, die in dieser Zeit nach Bukarest zogen, ihre Hunde mit. Weil die Wohnungen zu eng waren, blieben die Hunde vor der Tür.

Die Stadt Bukarest fürchtet um ihr Image

Für die Stadtverwaltung steht wegen der Straßenhunde auch das Image Bukarests auf dem Spiel. „Unsere Stadt soll keine Ausnahme unter europäischen Metropolen sein. Wer Tiere mag, soll sie in die Wohnung nehmen“, argumentiert Oberbürgermeister Sorin Oprescu. Die Behörden haben in den vergangenen Jahren in Eigenregie oder mit Tierschutzvereinen über die Hälfte der Straßenhunde kastriert und mit gelben Chips gekennzeichnet. Doch sie kommen kaum nach: Die Tiere vermehren sich rasant.

Im Tierheim südlich von Bukarest wurden in diesem Jahr immerhin 700 Hunde von Privatleuten oder Tierschutzvereinen adoptiert. Doch nach der Adoption kehrten 90 Prozent der Hunde auf die Straße zurück, berichtet Heimchef Lorentz. Nach dem neuen Gesetz soll nun auch das Aussetzen adoptierter Hunde strafbar sein. Doch ob das etwas ändern wird, halten Fachleute für fraglich. Im Herzen seien viele Bukarester immer noch Landbewohner, sagt die Politologin Alina Mugiu. Viele Bukarester meinten bis heute, dass ihre Plattenbauwohnungen und Autos besser geschützt sind, wenn Straßenhunde den Eingangsbereich oder das ganze Gebiet bewachten.


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