Couch-Surfing fürs Image
Boykottaufrufe und Negativschlagzeilen über ihr Land hatten sie satt. Davon wollten Jewgenij und Viktoria Neskuba aus Donezk nichts mehr hören: „Die Europäer sollen einen guten Eindruck von unserem Land bekommen.“ Zusammen mit anderen jungen Ukrainern machen die beiden Bankangestellten mit bei rooms4free.org, einer Online-Plattform, die EM-Gästen kostenlose Übernachtungsmöglichkeiten im ganzen Land bietet. Ukrainische Gastgeber und Fans aus aller Welt veröffentlichen dort ihre Angebote und Gesuche. Im Idealfall reicht eine E-Mail oder ein Telefonat, um eine Übernachtung zu organisieren.
Die beiden Mittzwanziger engagieren sich nicht nur aus Gastfreundschaft. Sie wollen ein Zeichen setzen gegen die teils völlig überhöhten Hotelpreise in ihrem Land. „Einige Oligarchen haben in Donezk sehr teure Hotels gebaut. Ein Zimmerpreis von 150 Euro gilt hier schon als Schnäppchen“, erzählt Jewgenij. In der Tat haben die ukrainischen Hoteliers vor dem Auftakt der EM die Zimmerpreise drastisch erhöht – teils um bis zu 1.000 Prozent.Über ein Dutzend Anfragen haben Jewgenij und Viktoria bisher bekommen: hauptsächlich aus Polen und Russland – aber auch aus Deutschland. Sascha und Christian, zwei Fortuna-Fans aus Düsseldorf, blieben drei Tage bei dem jungen Ehepaar. In Donezk waren sie beim England-Frankreich-Spiel im Stadion, davor hatten sie sich in Charkiw das Spiel der Niederlande gegen Dänemark angeguckt.
Sascha, ein 35-jähriger Bürokaufmann, hat sich um die Organisation der Reise gekümmert. Die Suche nach günstigen Unterkünften erwies sich als schwierig. „Vor der EM hätte man 50 Euro für ein Doppelzimmer bezahlt“, sagt er. „Jetzt wollte man 150 Euro dafür haben, das war uns zu teuer.“ Auf der Suche nach günstigeren Angeboten entdeckten er und sein Freund Christian schnell die Online-Plattform.In ihrer Privatunterkunft in Charkiw mussten die Fortuna-Fans rund 60 Euro pro Nacht zahlen. Bei den Neskubas in Donezk übernachteten sie sogar umsonst. „Bei Jewgenij und Viktoria hatte jeder von uns einen eigenen Raum.“ Ein bisschen leer sei es gewesen in der neuen Eigentumswohnung in Bahnhofsnähe. Die Neskubas waren gerade eingezogen und hatten noch nicht fertig gestrichen. Umso mehr Platz gab es für die Gäste.
„Jewgenij und Viktoria haben uns ein unglaubliches Vertrauen entgegengebracht. Wir konnten ohne Probleme ausschlafen, wenn die beiden Gastgeber zur Arbeit mussten – Jewgenij überließ uns einfach den Wohnungsschlüssel“, erzählt Sascha. Auch Christian, der 36-jährige Biologielehrer aus Düsseldorf, ist beeindruckt: „Der Umgang war sehr herzlich – wir haben zusammen gefrühstückt und zu Abend gegessen, niemand hat von uns Geld verlangt.“ Leider waren sie nicht gemeinsam im Stadion: Jewgenij hat es nicht rechtzeitig geschafft, günstige Karten zu besorgen.Mit Jewgenij beim Bier über Fußball diskutieren, mit Viktoria die Stadt erkunden: „Wir waren sehr beeindruckt von ihrer Gastfreundschaft“, sagt Sascha. Auch sonst hat in der Ukraine alles besser funktioniert als erwartet: Mit den Zugverbindungen und den öffentlichen Verkehrsmitteln vor Ort gab es keine Probleme. Sicherheitsbedenken hätten die beiden auch nicht gehabt. „In den Austragungsorten geht es sehr touristenfreundlich zu“, sagt Sascha. Vor der Kriminalität jenseits der Großstädte wurden sie von Jewgenij trotzdem gewarnt.
Durchaus möglich, dass Sascha und Christian wiederkommen – wenn das Wetter wieder so gut ist. „Blauer Himmel, über 30 Grad, wir schwitzen uns einen Wolf“, lacht Sascha, „auch die herausgeputzten Frauen in Kiew sind ein Argument.“ Auch Jewgenij und Viktoria haben sich über den Besuch gefreut. „Hier sind alle sehr stolz auf die EM. Ganz Donezk, ja, das ganze Land. Ich bin mir sicher, dass alle ihr Bestes tun werden, um die Gäste nicht zu enttäuschen“, sagt Jewgenij. „Schön, dass die Jungs da waren. Ihren Dankesbrief muss ich aber erst entziffern.“