Im Grenzland

An diesem Freitag startet die Fußball-EM in Polen und der Ukraine. Die Länder wollen Geschichte schreiben, verheißt das Motto des sportlichen Großereignisses. In der Ukraine können sich viele nicht einmal ein Ticket für die Spiele leisten. Von einem besseren Leben träumen sie alle. Eine Reise durch ein Land im Aufbruch.
Irgendwann will sie nach Estland reisen, auf die Insel Saaremaa, die größte des Baltikums. Dort in Kuressare ist sie geboren, die Eltern waren von der Bezirksverwaltung aus der Ukraine hingeschickt worden – noch zu Zeiten der Sowjetunion, die bereits am Zerbröckeln war, als die Mutter mit den Wehen in die Geburtsklinik kam. Nun steht dieser Ort in ihrem Pass. Er geistert in ihren Träumen. In ihren Plänen. Ostsee, Estland, EU. Kuressare, wie wird es da wohl sein?
Für Ira bleibt es ein Ort der Sehnsucht. Fernab der Ukraine, die eigentlich in die Europäische Union blickt und sich nicht erst seit dem Fall um Julia Timoschenko, die Kämpferin für die Revolution in Orange, von eben dieser Europäischen Union abwendet. Der Ukraine, die sich vor allem jetzt, wenige Tage vor der Fußball-Europameisterschaft, in den buntesten Farben und den gewähltesten Worten präsentiert. Sie will Geschichte schreiben ab 8. Juni, so wie es das EM-Motto gebietet. Ira, die 21-Jährige, wird nicht zuschauen.
Das Land, das zweitgrößte in Europa, putzt sich heraus. Vor allem in Großstädten sehen manche Stadtteile nach riesigen Baustellen aus. Wie Ameisen wuseln die Arbeiter zwischen den Baumaschinen, in der sengenden Hitze verlegen sie das Kopfsteinpflaster neu, asphaltieren Straßen, verputzen Häuserfassaden. Die Stadtverwaltungen haben Studenten angeworben, manche wissen gar nicht, wie sie den Spaten halten sollen. Tausende von Helfern bessern das Sichtbarste aus, das Zentrum, die Straßen zu Flughäfen, von Bahnhöfen weg, schnell noch auf den letzten Drücker. Seitenwege bleiben weiterhin löchrig, staubig, die Häuser unverputzt, heruntergekommen.
In Kiew, der Hauptstadt, ziehen Arbeiter rote Plastikröhren über den Andreassteig, die älteste und die berühmteste Straße von der Unter- bis in die Oberstadt. Die Kanalisation soll neu gemacht werden, im Montmartre Kiews, das findige Geschäftsleute von einem Künstlerviertel in eine Geschäftsmeile verwandeln wollen. Baufällige Häuser sollen abgerissen, einige Menschen umgesiedelt werden, vor allem Künstler, die mit ihren teils kitschigen Stadtporträts ihren Lebensunterhalt verdienen. In Charkiw, noch an der russischen Grenze, ist die Ausfallstraße zum Flughafen von Arbeitern gesäumt. Ein Betongerippe in Fußballform soll zu einem Kaufhaus werden, noch türmen sich Berge von Sand davor, Lastwagen fahren hin und her.
Bis nach Odessa, diese Touristenstadt am Schwarzen Meer, ist das Geld gar nicht erst gekommen. Sie bewahrt sich auch weiterhin ihren morbiden Charme. Die Fußballspiele werden ohnehin nicht am Wasser ausgetragen. Hier reihen sich lediglich die Eltern mit ihren Kindern an einem Samstagnachmittag in die lange Schlange vor dem Stadtparlament, um den UEFA-Pokal zu berühren, kurz ein Foto damit zu machen, bevor er wieder weiterzieht, in eine andere Stadt mit Hunderten von Menschen in einer Schlange.
Ira will einen Bogen um das Großereignis machen, obwohl das Großereignis ihr Leben längst erreicht hat und sich da einmischt. Die Universitäten haben die Prüfungstermine um einen Monat vorverlegt, aus den Wohnheimen müssen die Studenten raus, um Platz zu machen für die erwarteten Fans. „Eine Karte ins Stadion kann man sich als normaler Mensch ohnehin nicht kaufen“, sagt Ira. „Zu teuer.“ Bis zu 6.000 Griwna (umgerechnet 600 Euro) kosten die Tickets. Das monatliche Durchschnittseinkommen in der Ukraine liegt bei 2.500 Griwna. Da ist es wieder, das Geld. Die Griwni, die sie braucht, um auch einmal nach Kuressare zu fahren. Um überhaupt raus aus dem Land zu kommen, zu fliegen, die Welt zu sehen. Ira, den Nachnamen will sie nicht sagen, ist wie ihr Land. Jung und schön, arm und im Aufbruch. Nur wohin die Reise längerfristig gehen soll, das wissen weder Ira noch die Ukraine, so scheint es.
Es ist ein Dürsten nach Freiheit, das die Ukrainer umtreibt, das viele von ihnen schon im Winter 2004 auf die Straße brachte, für die Demokratie, gegen die Willkürherrschaft. Es ist immer noch dieser Kampfeswille, für die Gerechtigkeit auf die Straße zu gehen, ob in der Hauptstadt oder in der Provinz. Nahezu jeden Tag stehen mal einzelne, mal Hunderte vor ihren Stadtparlamenten und fordern hier niedrigere Gaspreise, dort mehr Kindergartenplätze oder die Nichteinführung des Russischen als Amtssprache. Die Milizionäre bleiben in der Ferne, beobachten die Situation. Doch es ist auch die Müdigkeit, die Enttäuschung über die Machtkämpfe in der Politik, die die Menschen resignieren, ins Private ziehen lässt, es ist der Hass auf den Präsidenten, der trotz zwei Verurteilungen auf dem höchsten Posten des Landes sitzt und den Geldfluss kontrolliert, das korrupte System mitaufgebaut hat und es stützt.
„Nach außen hin sind wir ein demokratisches Land, man darf bei uns demonstrieren, die Meinung sagen“, sagt Lilia Klintschuk in Kiew. „Doch im Innern werden Oppositionelle eingeschüchtert, die Presse unterliegt der Zensur, selbst für eine gute Behandlung im Krankenhaus muss man blechen, wenn man nicht direkt vor dem Ärztezimmer vor Schmerzen sterben will.“ Die Mittvierzigerin ist Mitglied in der Bjut-Partei von Julia Timoschenko, nahezu jeden Tag sitzt sie in der Zeltstadt mitten auf dem Chreschtschatik, dem Ku-Damm Kiews, nur unweit der Werchowna Rada, dem ukrainischen Parlament. Karikaturen haben sie hier aufgestellt, Zeitungen ausgelegt – alles zur Unterstützung ihrer Heldin, die beim Großteil der Bevölkerung längst keine Heldin mehr ist. In drei Acht-Stunden-Schichten sitzen sie hier, halten Wache. „Janukowitsch, dieser Verbrecher, soll sehen, dass das Volk nicht die Klappe hält. Wir lassen uns nicht vertreiben.“ Ob das Lager während der EM bestehen bleibt, ist allerdings fraglich.
Es sind viele Probleme, mit denen das Land kämpft. Es ist nicht nur die Korruption, die die Ukraine auffrisst – auf dem Index von Transparency International stand der Staat im vergangenen Jahr auf Platz 152 von 182 untersuchten Ländern, es sind nicht nur die Ausschaltung politischer Gegner – nicht nur Julia Timoschenko sitzt in der Strafkolonie in der dörflichen Gegend am Stadtrand von Charkiw, nahezu die gesamte frühere Führungsriege ist hinter Gittern, meist wegen Amtsmissbrauchs – und die Aushöhlung von Meinungs- und Pressefreiheit. Das politische Leben erinnert oft an ein buntes Karnevalstreiben voller Magier, Freaks und Clowns, im Parlament fliegen auch mal Fäuste oder Schuhe. Und die Justiz ist als solche gar nicht erst vorhanden. Die Macht und auch das Geld ist unter einer kleinen Elite aufgeteilt, das Volk kämpft oft ums Überleben – manche übernehmen drei Jobs gleichzeitig, andere leben mit drei Generationen unter einem Dach, weil das Geld für eine eigene Wohnung fehlt, viele träumen von einem Leben im Ausland. Die Werbung lockt vor allem junge Frauen. „Wenn du zwischen 18 und 35 Jahre alt bist, lass dich bei uns fotografieren, und wir suchen einen Mann für dich in Europa, Kanada oder den USA“, steht in großen Lettern in der Metro von Charkiw.
Solche Offerten propagieren eine bessere Welt im Westen und verschleiern oft das Problem der sexuellen Ausbeutung junger Ukrainerinnen, die sich aus materieller Not auf Prostitution einlassen. Ihre Gesundheit lassen sie beiseite. Aids ist immer noch ein Tabuthema im Land. Dabei ist die Ukraine das Land mit der höchsten HIV-Neuinfektionsrate in Europa. Medikamente aber müssen die Ukrainer vielfach aus der eigenen Tasche zahlen.
„Unser Land leidet am schlechten Image“, sagt Iwan Wartschenko und will etwas dagegen tun – mit seiner Fan-Initiative per Facebook. „Laskawo Prosimo – Welcome to Ukraine“ heißt seine Aktion, bei der Fans während der EM umsonst bei Ukrainern übernachten können. „Über ganz persönliche Beziehungen, über Freundschaften, gemeinsame Erlebnisse können wir das Bild von der Ukraine vielleicht etwas verbessern“, sagt er. Der 37-Jährige aus Charkiw wollte einst in Geschichte promovieren, stellte aber fest, dass die Professoren für dieses und jenes stets Geld haben wollten. Geld, das er nicht hatte. Er ging in die Politik, um solches Treiben zu unterbinden. Doch die Korruption grassiere wie eh und je. „Die neuen Straßen, die für die EM geschaffen wurden, weisen schon jetzt Löcher auf, weil entweder erst gar nicht so viel Material vorhanden war oder es während des Baus gestohlen wurde“, erzählt Wartschenko. Der Oppositionelle sitzt im Kreisparlament von Charkiw, der Stadt, in der Julia Timoschenko ihre siebenjährige Haftstrafe verbüßt und in der die deutsche Mannschaft am 13. Juni auf Holland trifft, und appelliert geradezu an Europa, die Ukraine auch nach der EM nicht fallen zu lassen. „Die zivilisierte Welt muss auch weiterhin aufmerksam unseren Präsidenten beobachten. Denn die Ukraine strebt nach Europa.“
Ira, die Studentin, fährt erst einmal nach Juschnoukrainsk, in die Trabantenstadt im Süden der Ukraine. 370 Kilometer von Kiew weg, 170 von Odessa, ein Fluss, zwei Kernkraftwerke. Hier wohnen die Eltern, hier ist sie aufgewachsen und will nun für die Aufnahmeprüfung zum Master in Wirtschaftswissenschaften pauken, einen Sommer lang. Ein wenig Englisch, ein wenig Rechnungsabwicklung. Vielleicht springe dann später ein guter Job für sie heraus. Und ein bisschen Geld – für die Reise nach Kuressare. Womöglich auch in die Welt.