Estland

Narva – Stadt ohne Land

Am Grenzübergang von Narva bilden sich schon am frühen Morgen lange Schlangen. Die russischen Bürger der Stadt wollen hinüber in die Nachbarstadt Iwangorod auf der anderen Seite des Narwa-Flusses, die auf russischer Seite liegt. Auch Jekaterina geht jeden Tag über die Brücke zu ihrer Arbeit. „Ich wohne zwar in Estland, habe aber einen russischen Pass“, erklärt die 28-Jährige. Für die estnische Staatsbürgerschaft oder einen Job in einem estnischen Unternehmen hätten ihre Sprachkenntnisse nicht gereicht, schimpft die junge Frau. Geld für teure Estnisch- Kurse habe sie nicht.

Zu Sowjetzeiten wurden in der sowjetischen Republik Estland gezielt Russen angesiedelt. Nach der Unabhängigkeitserklärung sollte die russische Bevölkerung dann eingebürgert werden. Keine leichte Aufgabe in Narva, das Zentrum der russischen Minderheit Estlands. Nahezu alle 65.000 Einwohner sind russischer Herkunft, auf den Straßen hört man die Menschen vor allem russisch sprechen.


Russische Minderheit in Estland

In Estland macht heute die russische Bevölkerungsschicht rund 25 Prozent aus – eine Folge der Sowjetära, als hier gezielt Russen angesiedelt wurden. Viele Russen haben auf Grund ihrer russischen Staatsbürgerschaft erhebliche Nachteile und fühlen sich ausgegrenzt. Denn nach der Unabhängigkeitserklärung Estlands 1991 erhielten meist nur diejenigen einen estnischen Pass, die eine Sprach- und Verfassungsprüfung ablegten. 

Auch Amnesty International kritisiert die strikte Praxis, die während der Beitrittsverhandlungen zur EU zur Sprache kam. Im Jahr 2007 eskalierten die schwierigen Beziehungen im sogenannten Denkmalstreit: Die estnische Regierung hatte damals die Verlagerung eines sowjetischen Heldendenkmals aus dem Stadtzentrum Tallinns veranlasst. Dies wurde von vielen Russen als Beleidigung und Provokation aufgefasst. Für sie ist der Soldat aus Bronze ein Symbol für den Sieg über den Faschismus; für die Esten steht er hingegen für die jahrzehntelange Fremdherrschaft.


Doch nicht nur hier, in ganz Estland ist der Anteil der russischen Bevölkerungsschicht mit gut 25 Prozent hoch. Viele der Russen fühlen sich bis heute diskriminiert. Denn seit 1991erhalten nur jene Russen einen estnischen Pass, die Estnisch sprechen und eine Prüfung bestehen. „Wir fühlten uns vor den Kopf gestoßen“,  sagt der Russe Sergej Stepanov, Chefredakteur der lokalen Zeitung „Narwskaja Gazeta“. Er ist in Narva geboren und hatte sich vor zwanzig Jahren als 19-jähriger wie viele Russen am estnischen Freiheitskampf beteiligt. „Auch wir wollten nicht mehr unter der Knute Moskaus leben. Aber kaum war Estland frei, wurden wir nicht mehr wie Brüder behandelt, sondern wie Feinde.“

In Narva machten sich Anfang der 90er Jahre radikale Kräfte für eine Autonomie innerhalb Estlands stark. Allen voran Jury Mishin, Vorsitzender des Vereins der Russen in Narva. Er ist bis heute enttäuscht, dass die Autonomiebestrebung von der estnischen Regierung abgeschmettert wurde. „Nur ein Drittel unserer Bewohner hat überhaupt einen estnischen Pass. Wir haben in Narva gerade mal 25.000 estnische Staatsbürger, 20.000 sind russische Staatsbürger und 20.000 staatenlos.“

Der Journalist Sergej Stepanov kritisiert hingegen die radikalen Forderungen nach Autonomie. Diese hätten die Atmosphäre zwischen Narva und der estnischen Hauptstadt Tallinn über viele Jahre vergiftet, beklagt er. Im Jahr 2000 beispielsweise stellte der estnische Staat plötzlich keine Aufenthaltsgenehmigungen mehr für die Bürger mit den alten Sowjetpässen aus. Um die Menschen vor der Illegalität zu bewahren, bot Moskau ihnen damals russische Pässe an. „Das war ein grober Fehler Estlands“, findet Sergej Stepanov. „Denn mit dieser Regelung verschwanden Narva und seine russischen Bürger aus dem Blickfeld der estnischen Politik und blieben sich selbst überlassen.“

In Narva sucht man vergeblich den Glanz und das Wachstum der estnischen Hauptstadt Tallinn. Drei kleine neue Einkaufszentren täuschen nicht darüber hinweg, dass Narva von heruntergekommenen Wohnblöcken und Strassen mit Schlaglöchern durchzogen ist. Ein großes Textilunternehmen machte dicht. Der Verdacht auf einen korrupten Stadtrat habe Investoren von der Stadt ferngehalten, klagt Sergej Stepanov. Im vergangenen Jahr hat es allerdings erste Verfahren gegeben. Eine ehemalige Bürgermeisterin wurde zu einer Ordnungsstrafe verurteilt, die zweite ehemalige Bürgermeisterin steht derzeit vor Gericht. Zum ersten Mal werden estnische Strafgesetze in Narva angewandt. „Bis jetzt war Narva eine vergessene Zone zwischen Russland und Estland“, sagt Sergej. „Eine Stadt ohne Land. Aber ich wünsche mir, dass unsere Regierung Narva zurück nach Estland holt.“

Vor wenigen Tagen kam ganz überraschend der estnische Staatspräsident Toomas Hendrik Ilves in die Grenzstadt Narva zu Besuch. Ausgestattet mit einer Motorsäge half er mit, eine historische Bastion der Festung in Narva von Kleinholz und Gestrüpp zu befreien. Er sieht die Probleme der Grenzstadt in dem Integrationsunwillen der russischen Einwohner begründet: „Hier in Narva mangelt es noch immer an der Bereitschaft, sich zu verändern. Zum Beispiel die estnische Sprache zu lernen. Wir unterrichten seit 20 Jahren und haben lange kostenlose Kurse angeboten, aber viele haben sich geweigert. Jetzt dürfen sie nicht uns den Schwarzen Peter in die Schuhe schieben.“

Trotz aller Konflikte will fast niemand zurück nach Russland. Der Lebensstandard ist in Estland höher. Die russischen Bewohner Narvas finden sich mit den Gegebenheiten ab und gehen Tag für Tag über die Grenze zu ihrer Arbeit. Die Leute seien viel zu passiv, klagt auch der Este Tanel Mazur. „Die Leute dürfen nicht auf die Politiker warten, sondern sollten selbst Verantwortung für Narva übernehmen. Wir müssen das Image unserer Grenzstadt verändern, damit uns auch die Esten in der Hauptstadt mögen.“

Tanel Mazur ist Lehrer an der einzigen estnischen Schule von Narva. Über seine Schüler will er auch die Haltung der russischen Eltern ändern. Er setzt sich gemeinsam mit ihnen für den Erhalt der historischen Festung von Narva ein. Die mächtige Burg aus dem Jahr 1276 erhebt sich an der estnisch-russischen Grenze, so dass ihre Türme schon von weitem zu sehen sind. In den Sommerferien arbeitet der Lehrer als mittelalterlicher Schmied verkleidet im Burghof und wirbt bei den estnischen Touristen für die Stadt an der russischen Grenze. An seiner Schule unterrichtet er auch junge Russen in Estnisch. Seine ehemalige Schülerin, die 19-jährige Jana, zog nach dem Abitur nach Tallinn und studiert dort nun Musik. Sie hofft, dass ihre Generation die Konflikte der Vergangenheit überwinden wird. „Narva ist wie ein kleines Russland, das finde ich toll. Ich habe in der Schule 12 Jahre lang estnisch gelernt, frei sprechen kann ich allerdings erst, seit ich in Tallinn studiere. Wenn es klappt, komme ich nach dem Studium zurück in meine Heimatstadt.“


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