Rechtsradikale machen mobil
Fjodor Marienko kann sich noch gut an den Tag erinnern, an dem sein achtjähriger Bruder ermordet wurde. Fjodor ist in Suprinow aufgewachsen, einem Dorf im westukrainischen Verwaltungsbezirk Winniyzja. „Im Sommer 1942 sind SS-Mannschaften in unser Dorf gekommen“, berichtet Fjodor. „Partisanen hatten zuvor ein Auto in die Luft gesprengt. Aus Rache hat die SS vier Ortschaften niedergebrannt. Meinen Bruder haben sie mit einem Gewehr erschlagen“, erinnert sich Fjodor. Jeden Samstag geht der 84-jährige Kriegsveteran in den Gidropark in Kiew. Dort trifft er andere Rentner, sie spielen Volksmusik, singen und tanzen. Viele haben den Zweiten Weltkrieg hautnah miterlebt. Einige waren noch Kinder, andere haben an der Front gekämpft.
Vor 70 Jahren fiel Hitlerdeutschland in die Sowjetunion ein. Stalin rief zum „Großen Vaterländischen Krieg“, mehr als 40 Millionen Menschen ließen ihr Leben. In der Ukraine wird am 22. Juni mit Schweigeminuten, Veteranentreffen und Kranzniederlegungen an den Jahrestag gedacht.
Kriegsveteran Fjodor Marienko musste zusehen, wie sein Bruder von der SS erschlagen wurde / Mascha Stahlberg, n-ost
Nicht alle Ukrainer können sich damit anfreunden. Seit Tagen machen Nationalisten gegen den Gedenktag mobil. Vergangene Woche marschierten Anhänger der rechtsradikalen Partei Svoboda durch Kiew. Sie feierten den 120. Geburtstag des Nationalistenführers Ewgen Konowalez, der im Zweiten Weltkrieg mit der Wehrmacht kollaborierte. Einige Demonstranten äußern konfuse Ansichten über den Zweiten Weltkrieg. „Dass Deutschland den Krieg begonnen hat, ist eine Legende“, sagt Wladimir Igolnikow. „Stalin hatte den Krieg schon früher vorbereitet“, fügt der 55-Jährige hinzu.
Vor allem im Westen der Ukraine sehen viele Menschen die deutsche Wehrmacht nicht als Eroberer, sondern als Befreier. Nachdem Stalin 1939 Polen überfallen hatte, kam die Westukraine unter sowjetische Herrschaft. „Teile der Bevölkerung sympathisierten mit Nazideutschland“, erklärt Andreas Umland, Politologe an der Kiewer Mohyla Akademie. „Sie machten sich falsche Hoffnungen auf einen unabhängigen ukrainischen Staat.“
Anhänger der rechtsradikalen Partei Svoboda demonstrieren in Kiew mit Plakaten: „Die rote Krankheit – Terror und Gefängnis“ / André Eichhofer, n-ost
Für Unmut bei Veteranen sorgt ein geplanter Gedenkgottesdienst im westukrainischen Lemberg. Am Jahrestag des Überfalls auf die Sowjetunion will die Stadt den „Opfern kommunistischer Unterdrückung in den Jahren 1939 bis 1941“ gedenken. Andrej Sadowyj, Bürgermeister von Lemberg, findet die Idee gut. „Tausende Westukrainer wurden von den Kommunisten ermordet, nur weil sie Patrioten waren“, sagt Sadowyj. „Stalin und seine Anhänger haben dieselbe Strafe verdient wie Hitler und die Nazis“, fügt er hinzu.
Kriegsveteran Fjodor Marienko aus Kiew fühlt sich provoziert, vor allem weil der Gottesdienst ausgerechnet am Jahrestag des Kriegsbeginns stattfinden soll. „Wir wissen, welche Verbrechen Stalin begangen hat. Aber man hätte auch einen anderen Tag wählen können“, sagt Fjodor. Politiker warnen, dass es in Lemberg zu gewaltsamen Ausschreitungen kommen könnte. Denn auch die Kommunistische Partei der Ukraine will am 22. Juni in Lemberg demonstrieren. Medien befürchten, dass es zu Krawallen kommen könnte, ähnlich wie am 9. Mai dieses Jahres. Am Jahrestag des Sieges der Sowjetunion über Hitlerdeutschland stürmten Rechtsradikale ein Veteranentreffen – sie lieferten sich Straßenschlachten mit linken Demonstranten und der Polizei.
Jedes Wochenende treffen sich Rentner im Gidropark in Kiew / Mascha Stahlberg, n-ost
Parteien wie Svoboda nutzen die patriotischen Gefühle vieler Westukrainer, um auf Stimmenfang zu gehen. „Svoboda ist eine rassistische Partei, die ausländerfeindlich und antisemitisch auftritt“, warnt Politologe Andreas Umland. Bei den Regionalwahlen im Bezirk Ternopil konnte Svoboda 34 Prozent der Stimmen für sich verbuchen, im Regionalrat Lemberg ist die Partei mit 25 Prozent vertreten. Viele Westukrainer würden Svoboda jedoch nur wählen, um ihren Ärger über die pro-russischen Regierung in Kiew Luft zu machen, erklärt Politiloge Umland. Die Mehrheit der Westukrainer fühlt sich kulturell zu Europa gehörig. Der russischsprachige Osten des Landes ist eher mit Russland verbunden.
„Mir ist klar, dass ein Teil unseres Landes eine andere Geschichte hat“, sagt Veteran Fjodor Marienko. Über radikale Nationalisten ärgert er sich trotzdem. „Wofür haben wir denn gekämpft?“, fragt er sich.