Ukraine

Mehr als ein Boxkampf

„We are the champions“ dröhnt das Lied von „Queen“ über den Freiheitsplatz im Zentrum von Brovary, einer Stadt im Kiewer Umland. Die Ansage von der Bühne geht darin beinahe unter: „Begrüßen Sie den Helden der Ukraine, Weltmeister im Boxen und Vorsitzenden der Partei Ukrainische Demokratische Allianz für Reformen, Vitali Klitschko!“

Er sieht noch etwas mitgenommen aus vom letzten Kampf in seiner ersten Profession, dem Boxen. Erst kürzlich hat der ältere der beiden Klitschko-Brüder seinen Weltmeistertitel gegen den Amerikaner Shannon Briggs verteidigt. Nun steht der Zwei-Meter-Mann im dunklen Anzug mit offenem Hemdkragen auf der Bühne in der ukrainischen Kleinstadt und verkündet das Programm seiner Partei UDAR, auf Deutsch „Schlag“.

Bei den Kommunalwahlen Ende Oktober holte UDAR einen Achtungserfolg: In allen vier Regionen, in denen das Ergebnis feststeht, hat UDAR nach eigenen Angaben die Drei-Prozent-Hürde übersprungen, im Kiewer Stadtgebiet sogar über acht Prozent geholt. Bei Wahlen auf nationaler Ebene liegt das Wählerpotenzial laut Umfragen bei rund einem Prozent.

Der Ukrainer Vitali Klitschko will schon länger die Geschicke seines Landes beeinflussen. Während der Orangenen Revolution Ende 2004 unterstützte der promovierte Sportwissenschaftler den späteren Präsidenten Viktor Juschtschenko und wurde dann dessen Berater. 2006 und 2008 errang Klitschko bei den Kiewer Bürgermeisterwahlen den zweiten und dritten Platz und damit ein Abgeordnetenmandat im Stadtrat der Hauptstadt. Er selbst trat bei der aktuellen Kommunalwahl nicht an, da in der Hauptstadt Kiew erst 2012 wieder gewählt wird. Mit seiner Oppositions-Fraktion „Block Vitali Klitschko“ profilierte er sich vor allem im Kampf gegen illegale Grundstücksgeschäfte in Kiew.

Auf der Bühne in Brovary spricht Vitali Klitschko darüber, dass er in die ukrainische Politik gegangen ist, um nicht bloßer Beobachter zu bleiben, sondern etwas zu verändern. „Und leider muss man in unserem Staat fast alles ändern.“ Er spricht darüber, dass die sich ständig vergrößernde soziale Spaltung der Ukraine in eine kleine Gruppe Super-Reicher und die übergroße Mehrheit, die nur mit Mühe über die Runden kommt, sowie die allgegenwärtige Korruption die größten Probleme des Landes seien. „Viele Beamte verdienen nicht mehr als tausend Grivna im Monat, aber schämen sich nicht, mit Autos zur Arbeit zu fahren, die hunderttausende Dollar kosten, und sich Villen für Millionen zu bauen, denn niemand fragt sie und niemand bestraft sie.“


Vitali Klitschko bei einem Auftritt im Rahmen seiner Wahlkampftour durch die Ukraine vor den Kommunalwahlen / Annette Bräunlein, n-ost

Viele Menschen auf dem Freiheitsplatz in Brovary halten zwar viel von Vitali Klitschko als Mensch und als Sportler, aber als Politiker sehen sie ihn noch nicht. „Ich schätze sehr, wie er sich im Kiewer Stadtrat für die Rechte der einfachen Leute einsetzt“, sagt Tatjana, eine 33-jährige Lehrerin. „Aber in erster Linie ist er für mich immer noch Sportler.“

Darin sieht auch der Politologe und Direktor des Kiewer Gorschenin-Instituts für Verwaltungsfragen, Vladimir Fesenko, das Hauptproblem Klitschkos: „Er sucht sich noch. Viel Kraft und Zeit gehen bei ihm noch in den Sport.“ Er genieße zwar großes Vertrauen, doch bislang sei die Mehrzahl nicht bereit, für ihn zu stimmen. Zumindest nicht außerhalb Kiews, wo er seine meisten Anhänger habe. Fesenko hält Klitschko dennoch für einen Hoffnungsträger. Die Ukrainer seien von der Politik enttäuscht worden. Gerade auch von den Führern der Orangenen Revolution Viktor Juschtschenko und Julia Timoschenko. Letzere ist zur Zeit selbst in Korruptionsvorwürfe verstrickt. Und der aktuelle pro-russische Präsident Viktor Janukowitsch bringt das Land auf seine Linie – Journalisten werden abgehört, Gesetze zu seinen Gunsten geändert.

„Ich weiß, wie das Leben in zivilisierten Ländern funktioniert und ich möchte gerne, dass die dortigen Standards auch in der Ukraine etabliert werden“, sagt Vitali Klitschko im Fond seines Geländewagens auf dem Weg zum nächsten Auftritt. „Wenn man einen Vergleich mit dem Sport ziehen will, dann erinnert mich in der Ukraine nichts an Sport, ans Boxen, sondern an einen Kampf ohne Regeln.“

„Als jemand, der nicht aus dem korrupten ukrainischen Alltagsgeschäft kommt, und sein Geld auf ehrliche Art und Weise verdient hat, hat Vitali Klitschko gute Chancen“, meint auch Nico Lange, Leiter des Kiewer Büros der Konrad-Adenauer-Stiftung.

Lange und der Politologe Fesenko stellen dem Politiker Klitschko, der sowohl bei der nächsten Bürgermeisterwahl in Kiew 2012 als auch bei der nächsten ukrainischen Parlamentswahl antreten will, eine günstige Prognose aus. Doch dafür müsse er sich entscheiden, ob er Boxer sein wolle oder Politiker. Dieser Meinung ist auch ein Zuschauer auf dem Freiheitsplatz in Brovary: „Schließlich ist es für die Politik nicht gerade förderlich, ständig Schläge auf den Kopf zu bekommen.“


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