Polen

Werfttour im Solidarnosc-Bus

Lech Walesa kommt manchmal noch hierher. Sein Arbeitsplatz sieht noch genauso aus wie vor dreißig Jahren. Auf dem grünen Arbeitstisch mit Metallschubladen steht ein alter Spannungsmesser. „Die Messungen sind alle kein Problem für mich. Ich kann noch alles“, sagt Walesa stolz, wenn er hier ist. Die Farbe bröckelt von den Wänden. Seit 30 ist hier nicht mehr gestrichen worden.

Den Arbeitsplatz von Lech Walesa, dem Elektriker und späteren Staatspräsidenten der Republik Polen, können sich auch Touristen ansehen. Der Danziger Künstler Grzegorz Klaman machte die Halle für die Besucher zugänglich. „Viele Teile sind leider auf dem Schrott gelandet", sagt er. Klamann und seine Künstlervereinigung „Die Insel“ möchten Teile der Solidarnosc-Geschichte auf der Werft bewahren. Dazu organisieren sie Touren mit uralten Bussen, die schon in den fünfziger Jahren die Arbeiter durch die Werft fuhren – und die von den Polen liebevoll als „Gurken“ bezeichnet werden.

Pawel Zinczuk kann sich noch erinnern, wie er in dem rumpelnden Gefährt jeden Tag zu seiner Halle fuhr. Wie Lech Walesa war er während der Streiks auf der Lenin-Werft vor 30 Jahren dabei. Heute ist er Zeitzeuge und Reiseführer auf der Bustour. „Wir haben damals gezeigt, wie man kämpfen kann: Nämlich ohne zu schießen oder andere Menschen zu töten“, sagt der heute 70jährige Rentner. „Wir haben die Epoche der Teilungen und Grenzen beendet. Das soll die ganze Welt wissen. Hier auf der Werft hat ein kluger Kampf begonnen.“

Doch die Lage der Werft ist nicht so, wie es sich die meistens Kämpfer damals vorstellt haben. Heute arbeiten dort noch 1.900 Menschen, rund 12. 000 weniger als zu Zeiten der großen Streiks. Auch die Anzahl der produzierten Schiffe ist zurückgegangen. Waren es in den 70er und 80er Jahren noch 20 pro Jahr, dürfen die Danziger heute aufgrund von EU – Beschränkungen nur noch sechs Schiffe bauen. Um die Reste der Werft zu retten, sollen dort ab Oktober Windkraftanlagen und Stallkonstruktionen produziert werden, sagt der Werftvorsitzende Andrzej Stoklosa. „Die wirtschaftliche Lage ist katastrophal. Doch ich bin davon überzeugt, dass wir das Unternehmen bis Ende 2010 so weit wirtschaftlich stabilisiert haben, dass seine Existenz für die kommenden Jahre gesichert ist.“

Viele Touristen kennen von der Geschichte der Werft und der Solidarnosc-Gründung wenig. Noch überraschter sind sie allerdings, wenn sie etwas über die Gegenwart erfahren. Die Brasilianerin Verigana Surita beispielsweise, die aus dem Fenster des Busses auf die roten Werkshallen schaut. „Ich habe mir die Werft älter vorgestellt. Ich wusste nicht, dass hier noch gearbeitet wird“, sagt sie.

Wie lange man sich die historischen Teile der Werft noch anschauen kann, ist fraglich. Denn dort, wo sich der ehemalige Arbeitsplatz Walesas befindet, soll ein neuer Stadtteil entstehen – eine so genannte „Junge Stadt“ nach dem Muster der Hafen-City in Hamburg. Manche Gebäude, wie die Villa des Werftdirektors, sind bereits abgerissen worden. „Es gab hier viele sehenswerte Objekte, denen es genauso ergangen ist“, sagt Grzegorz Klamann. Der Künstler und seine Initiative haben erreicht, dass wenigstens ein kleiner Teil der alten Strukturen erhalten blieb. Auch die Stadt Danzig sah ein, dass die Werkbank von Lech Walesa allein schon unter touristischen Gesichtspunkten nicht der modernen City zum Opfer fallen sollte.

Auch eine Reihe unscheinbarer Spinde in der Werkshalle existieren noch. Hier hat sich Walesa in den bewegten Solidarnosc- Zeiten oft versteckt. Er erzählt gerne, wie er den Sicherheitsdienst überlistete. „Ich bin einfach hineingekrochen und habe ein Vorhängeschloss an der Tür befestigt. Die Wachleute dachten, ich sei weg“.


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