Seebestattungen in der Danziger Bucht
(n-ost) – Zwischen Segelyachten und Fischkuttern in der Marina von Gdynia (Gdingen) liegt die „Knudel“. Das Boot ist zwölf Meter lang und etwa vier Meter breit. Mit Mast und Segel sieht es wie ein typisches Segelboot aus. Das ist jedoch nur der erste Eindruck. Denn die „Knudel“ ist etwas Besonderes.
Zwei- bis dreimal im Monat läuft Kapitän Hans-Peter Klages mit seinem Schiff von Gdynia, der Nachbarstadt von Danzig, aus, um die Asche Verstorbener der Ostsee zur letzten Ruhe zu übergeben. „Das sind Vertriebene, die nach dem Krieg hier aus Polen vertrieben worden sind und die dann wieder zurückkommen möchten, um hier bestattet zu werden“, erzählt Klages.
Hans Peter Klages ist ein bulliger Mann mit dichtem, grauem Haar. Seit fast zehn Jahren ist er als Seebestatter im Einsatz. Der Deutsche beobachtet, dass die Nachfrage an Seebestattungen in Polen immer größer wird, besonders bei seinen Landsleuten. „Sie wollen in der Nähe ihrer Heimat sein. Auch die Menschen, die aus dem Raum Königsberg stammen, möchten gerne so dicht wie möglich bei Königsberg unter die Wellen gebracht werden.“ Oft werde eine Beisetzung über den Wracks untergegangener Schiffe gewünscht, insbesondere über der „Wilhelm Gustloff”, die am 30. Januar 1945 von einem russischen U-Boot auf Höhe Stolpmünde versenkt wurde und mehr als 9000 Flüchtlinge mit sich in die Tiefe riss. Bei Kriegsende mussten rund 340.000 Deutsche die Stadt Richtung Westen verlassen.
Hans Peter Klages an Bord des Knudels. Foto: Katarzyna Tuszynska
Ursprünglich hatte Hans-Peter Klages sein Schiff „Knudel“ als Fischkutter gekauft und dann zur Segelyacht umgebaut. Mit seiner polnischen Frau segelte er zahlreiche Ostseetörns. Sein Hamburger Kollege Broder Drees brachte ihn auf die Idee mit den Seebestattungen in der Danziger Bucht. Drees hatte damals ein Schiff und ist an den ehemaligen deutschen Ostgebieten vorbeigefahren: Königsberg, Danzig und die pommersche Küste. Dabei fiel ihm ein: „Hier kommen die vielen Leute her, die damals im Krieg vertrieben wurden, und die hatten eine extrem große Sehnsucht nach ihrer Heimat. Da dachte ich mir, es könnte sein, dass da der eine oder der andere zumindest nach dem Tode zurückkommen möchte.“
Die Zeremonien sind für Klages eine persönliche Angelegenheit. Alle Vorbereitungen trifft er selbst. „Die Zeremonie spielt sich so ab, dass wir auf eine Position in die Bucht hinaus fahren.“ Dort hält Klages als Kapitän eine Ansprache – „und wenn die Angehörigen mitsprechen möchten, ist das selbstverständlich möglich“. Dann wird die Urne über die Steuerbordseite ins Meer versenkt. Wenn die Angehörigen es möchten, wird die Zeremonie noch von einem Trompeter an Bord begleitet.
Dass der Deutsche in den vergangenen zehn Jahre ganz wenige Trauerfeiern für polnische Familien organisierte, liege an der hiesigen Tradition. „Viele Menschen in Polen sind überzeugt, dass unser Leben streng mit der Erde verbunden ist“, erklärt Priester Rafal Nowicki aus Danzig. „Sie können sich eine Bestattung nirgendwo anders als in der Erde vorstellen.“ Bei einer Seebestattung würden viele sagen: „Wo sollen wir dann beten?“ Unter Katholiken ist ein klassisches Begräbnis Tradition.
Was für die meisten Menschen in Polen einfach unvorstellbar und nicht nachvollziehbar ist, bedeutet indes für einige ehemalige Danziger die Erfüllung ihres letzten Wunsches. Erhart Joniszus ist Jahrgang 1937. Der heute grauhaarige Mann in heller Jacke erlebte als kleiner Junge in seiner Heimatstadt Danzig die schweren Kriegsjahre. 1945 verließ er Danzig mit seiner Mutter und seinen Geschwistern. Heute wohnt er in Allzenau in Bayern. Jedes Jahr macht Erhart Joniszus einige Wochen Urlaub in Danzig.
Erhart Joniszus. Foto: Katarzyna Tuszynska
In seinem Testament hat Joniszus festgelegt, dass er nach seinem Tod in der Danziger Buch beigesetzt werden möchte, gibt er mit Tränen in den Augen zu. „Für mich ist es eine Notwendigkeit, wieder nach Hause zu kommen. Und hier die letzte Ruhe zu finden nach all den Jahren, die ich hier erlebt habe. Sie waren sehr blutig.“ Joniszus läuft mit vielen Erinnerungen durch die Danziger Gassen. „Die Stadt hat ein Flair, etwas Besonderes, das ich nicht erklären kann. Ich weiß nur, dass ich befallen bin wie eine Festplatte mit einem Virus. So bin ich befallen von Danzig.“
Katarzyna Tuszynska
ENDE