Polen

EINE WELTTRAGÖDIE AUS POLNISCHER SICHT

Polnische Historiker und Journalisten streiten über die Konzeption des Museums des Zweiten Weltkriegs in Danzig

(n-ost) – Elżbieta Szuca-Marcinkowska hatte gerade ihren freien Tag, als die Danziger Post im September 1939 von der deutschen Wehrmacht angegriffen wurde. Die anderen Mitarbeiter wurden erschossen. Nichts außer ein paar Fotos in einem Buch über die Geschichte der Danziger Post sind der Polin, Jahrgang 1914, als Erinnerung an ihre Kollegen und Freunde geblieben. Um Erinnerungen wie diese zu verewigen, soll in Danzig ein Museum des Zweiten Weltkriegs gegründet werden.
Elżbieta Szuca-Marcinkowska ist dem Beschuss der Danziger Post Anfang September 1939 entkommen. Ihre Freunde und Kollegen starben. Foto: Katarzyna Tuszynska

Zum 70. Jahrestag des Kriegsausbruchs am 1. September 2009 soll der Gründungsakt des Museums des 2. Weltkriegs vom polnischen Premierminister offiziell unterschrieben werden. Die ehrgeizige Investition wird auf über 100 Millionen Zloty, umgerechnet circa 25 Millionen Euro, geschätzt. Damit wird das Museum um 40 Millionen Zloty teurer sein als das bisher teuerste polnische Museum, das des Warschauer Aufstands in Warschau. Das Geld soll aus der polnischen Staatskasse fließen. Die Geldfrage ist jedoch nicht das, worüber bei dieser Investition am meisten diskutiert wird. Kontroversen entzünden sich schon jetzt an der Konzeption des Museums.Ein Team aus polnischen Historikern und Journalisten, das vom polnischen Premier Donald Tusk zusammengerufen wurde, stellte bereits im Oktober 2008 eine Vision des Museums vor. „Das Museum soll einen universellen Blickpunkt auf den Zweiten Weltkrieg liefern“, erklärt Janusz Marszalec, der stellvertretende Museumsleiter. Der Zweite Weltkrieg solle „von unterschiedlichen Seiten gezeigt werden“.Doch diese grenzübergreifende Konzeption des Museums ist von einigen Medien in Polen stark kritisiert worden. In der polnischen konservativen Tageszeitung „Nasz Dziennik“ („Unsere Tageszeitung“) hieß es, die Urheber dieser Konzeption würden die polnische Geschichte verallgemeinern. Janusz Marszalec verteidigt sich gegen diese These. „Es soll das Schicksal einzelner Soldaten an der Front gezeigt werden, nicht unbedingt als ein Element der damals geführten Propaganda, sondern den Soldat als ein Triebrad zeigen, der selbst unter großem Druck standhaft und psychisch belastbar war.“Mit ihrem Museumskonzept wollten die polnischen Historiker ihren Beitrag zu einer europäischen Diskussion über den Zweiten Weltkrieg leisten, erklärt Marszalec. Dazu gehöre für sie auch, mit Kollegen aus anderen Ländern, darunter Deutschland, zusammenzuarbeiten. Genau das wird jedoch von Verbänden wie der „Polnischen Treuhand“ kritisiert. „Das ist ein polnisches Projekt. Es gibt nur eine polnische Geschichte und wir sind darin die Opfer“, betont Dorota Arciszewska-Mielewczyk, die Vorsitzende der „Polnischen Treuhand“.Die „Polnische Treuhand“, die Ende 2004 als Reaktion auf die von deutschen Vertriebenen gegründete „Preußische Treuhand“ entstand, wolle auf keinen Fall zulassen, dass deutsche Historiker in das Museumsprojekt einbezogen werden. „Wenn man der deutschen Seite das Projekt ausschlägt, könnte das Museum in Danzig ein Gegengewicht zu dem Projekt „Sichtbares Zeichen“ in Berlin sein“, so Arciszewska-Mielewczyk.Die Schwierigkeit bei der Konzeption eines solchen Museums bestehe heute darin, „dass jeder ein die Phänomene des Krieges aus seiner eigenen Perspektive betrachtet“, sagt Janusz Marszalec. Deshalb soll seiner Meinung nach „eine lesbare, klare Formel ausgearbeitet werden“, die es den Polen ermögliche „breit gefächert ihre eigene Sicht zu präsentieren, ohne die Perspektive der anderen Nationen auszulassen“.Deshalb sollen die Ereignisse an den Fronten nicht im Vordergrund des Museums stehen.„Uns ist es wichtiger, vor allem die existenziellen Nöte der Menschen zu schildern“, erklärt der stellvertretende Museumsleiter. So werde in dem Museum zum Beispiel ein Vergleich des Schicksals von Zivilisten in verschiedenen Ländern zu sehen sein. „Das Museum soll vor allem den Krieg als eine unermesslich grausame Welttragödie zeigen.“Dabei werden auch die Deutschen gezeigt. Die Deutschen als Aggressor. Aber auch die Deutschen, die weit hinter den Kulissen der Front waren. „Diese Menschen haben auch gelitten. Die Bombardierungen der Alliierten haben sie schwer getroffen“, merkt Marszalec an. Doch dann fügt er hinzu: „ Sie haben gelitten, weil sie ein Element des Krieges waren. Dieses Schicksal hat ihnen ihr Führer Adolf Hitler aufgebürdet.“ Und das soll auch in dem Museum gezeigt werden. „Wir werden deutlich machen, dass am Anfang dieses Leidens der deutsche Angriff stand: eine Aggression, die Polen auf keinen Fall verdient hat“, so der Historiker.„Die Deutschen – Opfer der Alliierten? Das ist doch ein Wahnsinn“, sagt Barbara Wojewska- Wójcik verärgert. Als der Krieg ausgebrochen ist, war die Polin erst sechs Jahre alt. Die Frau blättert in dem Buch mit den schwarz-weißen Bildern vom Zweiten Weltkrieg am Tisch bei ihrer Tante Elżbieta Szuca-Marcinkowska. Die Erinnerungen an den Krieg sind auch bei ihr bis heute wach. „Die Deutschen waren doch Opfer des Krieges, den sie selbst hervorgerufen haben“, sagt sie. „Die Deutschen sollten vor allem Schuldgefühle haben statt eines Opfergefühls.“Inzwischen laufen die Vorbereitungen für die Gründung des Museums des Zweiten Weltkrieges. Das Hauptgebäude soll an der Walowa-Straße liegen. Das ist in der Nähe der historischen Danziger Post. Sie ist nämlich nicht nur in der Erinnerung von Elżbieta Marcinkowska-Szuca ein wichtiger Ort. Sie war auch für die deutschen Angreifer höchst symbolträchtig. Denn im damaligen Freistaat Danzig – ein Ergebnis der Verhandlungen der Siegermächte des 1. Weltkriegs – gehörte der Postverkehr zwischen Danzig und Polen zum polnischen Hoheitsrecht, die Danziger Post war dessen Zentrum. Deshalb gehörte sie zu den ersten Zielen, die die Nationalsozialisten bei Kriegsausbruch auf der Westerplatte angriffen.
Auf der Westerplatte – der Überfall der deutschen Wehrmacht auf Polen an diesem Ort markierte den Ausbruch des Zweiten Weltkriegs. Foto: Katarzyna Tuszynska

Über diese schrecklichen Tage erfahren die Besucher der Westerplatte heute kaum etwas. „Es gibt hier keine Hinweise darauf, dass an diesem Ort der Zweite Weltkrieg begonnen wurde. Kein Schild. Gar nichts“, klagen die Touristen Nina Kurpias und Bartosz Bieliński aus Płock. Sie hätten gern ein Museum wie das geplante Danziger Museum besucht. Doch die Auseinandersetzungen über die Konzeption des Museums des Zweiten Weltkriegs dauern an. Dorota Arciszewska-Mielewczyk von der „Polnischen Treuhand“ ist überzeugt: „Wir müssen ein polnisches Museum haben. Über die europäische Sicht der Geschichte soll man in Brüssel diskutieren“.Für Elżbieta Szuca-Marcinkowska und ihre Nichte steht fest: „Es gibt kein Gleichgewicht zwischen dem Leid, das Deutsche erlitten haben, und dem Leid beispielsweise der polnischen Postbeamten, die von der Wehrmacht erschossen wurden“.Katarzyna Tuszynska
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