Nobelpreis für Walesas Mitstreiter
Polen feiert am 10. Dezember die Preisverleihung an den Gewerkschaftsführer vor 25 Jahren
(n-ost) - Anna Sobecka war überwältigt, als sie im Oktober 1983 vom Nobelpreis für Lech Walesa, den Führer der Gewerkschaft Solidarnosc, erfuhr. „Alles, was wir damals nicht offen sagen konnten, wurde durch die Verleihung des Preises ausgedrückt“, sagt die polnische Journalistin mit blond gefärbtem, kurzem Haar und Brille, die heute die Kulturredaktion von Radio Danzig leitet.Schon am Tag nach der Bekanntgabe gab die kommunistische Regierung Polens eine Erklärung im Fernsehen ab. Regierungssprecher Jerzy Urban sagte, der Friedensnobelpreis für Walesa sei gegen die polnische Regierung gerichtet. Nicht nur Sender wie Radio Danzig, auch alle Polen, die sich mit Walesa freuten, befanden sich damit in einer schwierigen Situation: Die Freude war groß, doch musste ganz eilig die politisch korrekte Entscheidung getroffen werden.Obwohl Walesa einer der wichtigsten Kandidaten gewesen war, glaubten damals nur wenige, dass er ausgezeichnet werden würde. Denn nur drei Jahre zuvor hatte der polnische Schriftsteller Czeslaw Milosz den Nobelpreis für Literatur erhalten. Dass schon wieder ein Pole eine so hohe Auszeichnung erhalten würde, schien unwahrscheinlich. Dennoch wurde über einen möglichen Friedensnobelpreis für Lech Walesa in Polen bereits 1982 spekuliert. Es gab Spekulationen, wonach es der polnische Geheimdienst SB zunächst verhindert haben soll.Über die Preisvergabe an ihn erfuhr Lech Walesa am 5. Oktober 1983 am Telefon mitten in der Nacht. Am nächsten Morgen tauchte er mit seiner Familie und seinen engsten Mitarbeitern unter, um jede Aufregung zu vermeiden. Sein Sohn Jaroslaw Walesa war damals sieben Jahre alt. Er erinnert sich daran, „dass der ganze Tross ins Grüne zum Angeln und Pilzesammeln gefahren war“, als der Sender Freies Europa über den Preis berichtete.Das Nobelpreiskomitee habe Lech Walesa für seinen Freiheitskampf gekrönt, hieß es in der Begründung. Ein Kampf, den tausende Polen mit ihm gemeinsam austrugen. Deshalb versammelten sich damals vor Walesas Haus im Danziger Stadtteil Zaspa spontan Massen von Menschen. „Das ist unser gemeinsamer Preis“, sagte Lech Walesa zu ihnen. „Es ist eine Anerkennung für alle, die die Wahrheit auf dem Friedensweg erreichen wollen.“Das Bild, auf dem Walesas Mitarbeiter ihn umarmen und ihn mitten im Wald in die Höhe werfen, ging rund um die Welt. Walesas Sohn erinnert sich an diese Situation: „Ich hatte anfangs Angst, dass sie ihm weh tun wollen. Weshalb zerren sie so an meinem Vater?, habe ich mich damals gefragt. Aber dann sah ich, dass sie lachten und jubelten. Da habe ich kapiert, sie wollen ihm nichts Schlimmes antun. Sie haben ihn einfach vor Freude in die Luft geworfen.“Die offizielle Preisverleihung fand am 10. Dezember 1983 in Oslo statt. Weil der Preisträger fürchtete, nicht mehr nach Polen zurück zu dürfen, ließ sich Lech Walesa in Oslo von seiner Ehefrau vertreten. Bewacht von einer Polizeieskorte und militärischen Einheiten reiste sie mit ihrem ältesten Sohn, dem 13-jährigen Bogdan, Richtung Oslo. „Meine Mutter hat die Rede meines Vaters noch mehrmals im Hotelzimmer in Oslo geübt. Sie war sehr nervös“, erinnert sich Bogdan.Die Gäste der Preisverleihung waren von Danuta Walesas Charme beeindruckt. „Sie hat unseren Vater sehr gut vertreten“, sagt der heute 38-jährige Bogdan stolz. „Nach der Gala hat meine Mutter meinen Vater sofort angerufen. Er war sehr zufrieden, sagte aber trotzig, er gebe ihr die Note Drei Plus.“Heute, 25 Jahre später, ist die polnische Gesellschaft in ihrer Haltung zu Walesa gespalten. Für die 21-jährige Studentin Anna Kowalczyk aus Danzig ist Lech Walesa kein Nationalheld. „Mir ist Lech Walesa egal. Ich war damals ja noch gar nicht geboren.“ Die ältere Generation sieht ihn als zentrale Figur der politischen Veränderungen in Polen. „Er ist ein mutiger, wunderbarer Mensch“, sagt die 50-jährige Wanda Bruszkiewicz-Brulinska. So sieht es auch die Journalistin Anna Sobecka von Radio Danzig. Gerade die Verleihung des Nobelpreises an Lech Walesa hat die Menschen in Polen damals zusammengeschweißt. „Das polnische Volk hat sich gefreut. Die Menschen zeigten das mit Stolz und Genugtuung.“ Der Nobelpreis war wochenlang überall das Thema.Deshalb soll der 25. Jahrestag der Verleihung am 10. Dezember groß gefeiert werden. Das Europäische Solidarnosc Zentrum in Danzig hat in Zusammenarbeit mit dem polnischen Außenministerium einen Solidarnosc-Express organisiert. In diesem Zug werden 200 junge Leute aus der ganzen Welt an Bord sein. Um den Beitrag Papst Johannes Pauls II. für die Vorbereitung der friedlichen Revolutionen zu würdigen, startet der Express am 1. Dezember in Krakau. Die Fahrt führt dann von Süden in Richtung Osten, erklärt Katarzyna Kaczmarek, Pressesprecherin des Europäischen Solidarnosc Zentrums. „Wir wollen den jungen Leuten Orte zeigen, an denen Polen gegen die totalitäre Macht gekämpft haben und an denen sie gewonnen haben.“Von Krakau aus fährt der Zug nach Auschwitz. „Da werden die jungen Leute das Konzentrationslager Auschwitz-Birkenau besuchen“. In Warschau ist ein Besuch im Warschauer Aufstandsmuseum und eine Diskussion mit dem ehemaligen polnischen Außenminister Professor Wladyslaw Bartoszewski, dem Deutschlandbeauftragten der Regierung Tusk, angesetzt. „In Danzig besucht die Gruppe die Westerplatte als Symbol des Kriegsanfangs und die Danziger Werft als Wiege der polnischen Gewerkschaften Solidarnosc“, zählt Katarzyna Kaczmarek auf. „Daraus soll eine Diskussionsplattform zum Thema Frieden für Jugendliche auf der ganzen Welt werden“.
Hintergrund-Kasten:Höhepunkte des 25. Jahrestags:
Im Anschluss an die Reise mit dem Solidarnosc-Express findet in Danzig ein Forum mit den Jugendlichen statt. Zur Diskussion werden weitere 500 junge Leute aus Polen eingeladen. Sie treffen in Danzig auf die Nobelpreisträger Lech Walesa, Michail Gorbatschow und die irische Kämpferin für Menschenrechte Szirin Ebadi, Friedensnobelpreisträgerin von 2003.Auch viele andere prominente Politiker und Staatschefs werden in Danzig zum Thema Weltfrieden diskutieren. Fest steht der Besuch von Friedensnobelpreisträger Dalai Lama. Bei dem offiziellen Polen-Besuch wird ihm der Ehrendoktor-Titel der Breslauer Universität vergeben.Unter den Teilnehmern sind außerdem Adolfo Perez Esquivel aus Argentinien, Friedensnobelpreisträger von 1980, der ehemalige südafrikanische Staatspräsident und Friedennobelpreisträger von 1993, Frederik Willem de Klerk, und der erste Außenminister und heutige Staatspräsident von Ost- Timor, Nobelpreisträger von 1996, Jose Ramos-Horta.Der irische Sänger Bob Geldof hat sein Kommen angekündigt, um in der Danziger Philharmonie ein Musikkonzert des polnischen Pianisten und Komponisten Leszek Mozdzer zu moderieren.An den Feiertag und die Preisverleihung vor 25 Jahren soll zudem eine Danziger Gedenkmünze erinnern. „Eine limitierte Serie in Gold und Silber ist geplant“, erklärt Tadeusz Steckiewicz, Vorstandsvorsitzender der Polnischen Münzenfabrik Mennica Polska.
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