Der vergessene Karadzic
Das Leben in Banja Luka geht seinen normalen Gang. In der Innenstadt treffen sich die Alten wie eh und je im Park zum Schachspiel. Ihr größtes Ärgernis scheint dieser Tage nicht die Inhaftierung von Ex-Präsidenten Radovan Karadzic zu sein, sondern der hartnäckige Regen. „Das Problem wurde ausverkauft”, sagt einer der Männer nüchtern. Die Auslieferung nach Den Haag gehe in Ordnung. Dort müsse nun bewiesen werden, dass Karadzic an Kriegsverbrechen schuldig sei. „Wenn Karadzic schlechte Dinge getan hat, muss er dafür die Verantwortung übernehmen.” Ein Problem für die Republika Srpska sieht der Schachspieler nicht. „Karadzic war in den letzten Jahren mehr in Serbien als hier. Deshalb hat die Republika Srpska keine Verbindung zu ihm.” Ein anderer Serbe pflichtet ihm bei und ergänzt: „Karadzic hat sein Präsidentenamt in der Republika Srpska lange aufgegeben. Er ist hier seit vielen Jahren vergessen.” Bei einem Aufenthalt in Bosnien hätte man ihn viel früher verhaftet als jetzt in Serbien, wirft ein Dritter in die Runde.
Der gebürtige Montenegriner Karadzic scheint in der Bevölkerung der Republika Srpska nicht mehr viele Anhänger zu haben. Oder sie wollen sich nicht äußern. Die bosnischen Serben sind zwar überaus interessiert am abenteuerlichen Doppelleben ihres einstigen Führers, und die Zeitungen liefern mit seitenlangen Berichten reichlich Gesprächsstoff. Aber große Emotionen gibt es dennoch nicht. Zwischen Karadzic und seinen einstigen Untergebenen hat in den zwölf Jahren seines Abtauchens offensichtlich eine starke Entfremdung stattgefunden.
Zur Inhaftierung gibt es allerdings durchaus kritische Stimmen. Eine Gruppe Jugendlicher beschwert sich über das Verhalten der serbischen Regierung in Belgrad. „Ich denke, das ist nicht fair”, sagt der 18-jährige Dusan, der zusammen mit seinen Kumpels auf dem Weg zum Fußballtraining beim lokalen Klub Borac Banja Luka ist. „Die neue serbische Regierung unterstützt unsere Leute nicht mehr”. Das ist seiner Meinung nach bei den Führungen von Kroaten und Bosniaken ganz anders. Diese würden ihren mutmaßlichen Kriegsverbrechern den Rücken decken. Dusans Freund Milan ergänzt: „Die Einstellung des Gerichts in Den Haag gegenüber Serben ist nicht die selbe wie gegenüber Kroaten und Moslems.” Für die Verbrechen im Bosnien-Krieg würden nur die Serben zur Verantwortung gezogen. Zu dem von Serben 1995 an Bosniaken verübten Massaker von Srebrenica, vor einem Jahr vom Internationalen Gerichtshof als Völkermord eingestuft, geben sie keinen Kommentar ab. Dass nach Karadzic nun auch bald der frühere Armeechef der bosnischen Serben, Ratko Mladic, aufgespürt wird, glauben die Jugendlichen nicht. Dieser habe seinen Aufenthaltsort nach dem Zugriff sicherlich schnell gewechselt.
Sead Gabic wünscht sich von ganzem Herzen, dass auch Mladic bald das Schicksal von Karadzic ereilt. Am Bahnhof von Banja Luka studiert er aufmerksam die Zeitungen, deren Titelseiten voll sind mit Geschichten über den Fall Karadzic. „Die Festnahme macht uns glücklich”, sagt er sichtlich zufrieden. Mit „uns” meint er seine Volksgruppe, die Bosniaken, denn Gabic ist kein Serbe. In Banja Luka, wo seit dem Kriegsende fast nur noch Serben leben, ist er nur, um alte Freunde zu besuchen. Früher – vor dem Krieg – hat Gabic in der Stadt als Manager gearbeitet, für einen Chemiebetrieb. Mittlerweile besitzt der 65-Jährige neben seinem bosnischen auch einen US-amerikanischen Pass und verbringt sein Rentnerleben vor allem in Colorado. Karadzic sei ein „schlechter Mann” gewesen, einer der Hauptverantwortlichen für die „schrecklichen Dinge”, die in Bosnien und Herzegowina während des Krieges passierten, sagt er mit ruhiger Stimme. Bedächtig wählt er seine Worte auf der Zugfahrt nach Sarajevo.
Anders als viele Serben in Banja Luka sieht Gabic durch die Inhaftierung Karadzics auf die Republika Srpska sehr wohl ein Problem zukommen: „Die Republik ist ein Resultat ethnischer Säuberung und ein Projekt von Radovan Karadzic. Sicherlich werden im Prozess in Den Haag neue Details über den Krieg ans Licht kommen.” Anders als viele Bosniaken fordert er aber nicht die Auflösung der Serbenrepublik. Jedoch müssten sich die bosnischen Serben von Belgrad lösen. „Die Republika Srpska ist nicht ein Teil Serbiens.”Doch diesen Eindruck kann man in Istocno Sarajevo nicht unbedingt gewinnen. Ost-Sarajewo – ein Ort, dessen Namen viele Bosniaken am liebsten gar nicht in den Mund nehmen. Er gehört nicht wie die Hauptstadt zur bosniakisch-kroatischen Föderation, sondern zur Republika Srpska. Wo vor den Toren der Stadt bis zum Kriegsende eine Ansammlung von Dörfern war, versuchen die bosnischen Serben nun mit reger Bautätigkeit dem alten Sarajevo Konkurrenz zu machen.
Direkt an der Grenze zwischen beiden Orten liegt auch der serbische Busbahnhof. Anders als in Sarajevo gibt es von dort aus einen regen Linienverkehr nach Belgrad. Die Serben im bergigen, dünn besiedelten Osten Bosniens haben den Ruf, deutlich radikaler zu denken als ihre Landsleute im urbanen westbosnischen Banja Luka. Kein Zufall, dass sich Karadzic zu Kriegszeiten als Regierungssitz für die Republika Srpska den kleinen Gebirgsort Pale auserkoren hatte, gut versteckt nur wenige Kilometer entfernt von der Front und dem eingeschlossenen Sarajevo. Wenn der frühere bosnische Serbenpräsident heute noch Anhänger hat, dann vor allem dort, im Gebirge.
„Radovan Karadzic ist ein Held. Er hat das serbische Volk vor den Kroaten und Muslimen verteidigt”, sagt eine alte Frau, die in Istocno Sarajevo auf ihren Bus wartet. Trotz ihrer bald 80 Jahre macht sie noch immer einen rüstigen Eindruck. Ingenieurin sei sie früher gewesen, habe in Sarajevo studiert und gearbeitet – da, wo heute die Muslime das Sagen hätten. Der alten Frau ist anzumerken, dass sie über die Festnahme Karadzics durch die neue pro-westliche serbische Regierung in Belgrad verärgert ist.“ Das passiert alles nur auf Druck der Europäischen Union. Aber die Geschichte wird Karadzic und General Mladic Recht geben und beide wieder in ein besseres Licht rücken”, sagt die Alte, bevor sie mit einem Bus in die bosnisch-serbischen Berge verschwindet.