Slowenien

Ljubljana, mon amour

Jeden Morgen tut Ljubljana so, als wäre es eine große Stadt – rush hour, hupende Autos, Menschen quellen aus Bussen. In der Altstadt aber herrscht heitere Gelassenheit. Kellner spannen bunte Schirme auf, aus angelehnten Fenstern perlt Geklingel von Kaffeelöffeln und im Flüsschen Ljubljanitza, das der Architekt Joze Plecnik mit seinen filigranen Brücken gleichsam zum Canale Grande gemacht hat, spiegeln sich prachtvolle Jugendstilfassaden. Erst am Abend werden die Gassen rund um den Preseren-Platz ausgepolstert sein mit Flaneuren, dem Duft von Chanel und Jazz-Klängen aus einer der unzähligen Bars. Erst am Abend wird der Besucher verstehen, warum laut einer slowenischen Internet-Umfrage Ljubljana für Singles die attraktivste Metropole Europas ist.

Aber dann wird Karmen Stavec (30) nicht mehr hier sein. Vor zehn Jahren zog es die in Berlin geborene Tochter slowenischer Eltern aus ihrem Kiez in Kreuzberg hierher, um Germanistik zu studieren. „Wer in Berlin zuhause ist, der erlebt Ljubljana zunächst wie eine Puppenstube. Alles ist eine Nummer kleiner und die Leute sind anders drauf.  Ich zum Beispiel musste mich erst daran gewöhnen, dass die slowenischen Frauen mindestens einmal im Monat zum Friseur gehen, zur Maniküre und Pediküre. Das ist  genauso normal, wie es normal ist, dass dich hier sofort jeder kennt, wenn du etwas Verrücktes machst.” 


Frauen auf dem Vormarsch

Und Karmen hat etwas Verrücktes gemacht. Weil sie nicht nur fließend Slowenisch spricht, sondern auch singt, bewarb sie sich um die Teilnahme am Grand Prix d’Eurovision – und gewann. So kam es, dass die Berlinerin das kleine Land zwischen Alpen und Adria mit seinen nur zwei Millionen Einwohnern im Jahr 2003 beim Chanson-Wettbewerb in Riga vertrat. Heute gehört sie zur wachsenden Riege der Powerfrauen Sloweniens, die ohne groß darüber zu reden, still aber unaufhaltsam Karriere machen.

Während der ignorantere Teil dieser Welt das Land noch immer mit der Slowakei verwechselt, sind die Sloweninnen längst gefragt bei den berühmtesten Pariser Model-Agenturen, arbeiten als Styling-Beraterinnen für international angesehene Zeitschriften, spielen als Musikerinnen mit solchen Größen wie Marla Glen oder gewinnen Architekturwettbewerbe in London. „Zurzeit mischen sie gerade die Mode-Szene auf”, meint Karmen. „Auch dass erinnert mich ein wenig an Berlin. Wie dort, schießen auch in Ljubljana unzählige Independent-Modelabels aus dem Boden. Nur sind die slowenischen Modemacherinnen immer einen Tick besser.”


Leben auf der Überholspur

Volker WolpertIn einer unscheinbaren Straße nahe des DRAMA-Theaters öffnet eine  Frau mit dem Teint einer Porzellanpuppe gerade ein unscheinbares Geschäft. Bis tief in die Nacht hat die 29-jährige Natasha Persuh an ihrer neuen Kollektion gearbeitet. Sie hätte in Paris bleiben können, wo sie am „Institut Francais de la Monde” Modedesign studierte. Ein Job bei Yves Saint-Laurent wäre für sie kein Problem gewesen. „Wollte ich aber nicht. Bin lieber in Ljubljana. Für mich die ultimative Spa-City. Gemütlich wie Wien, südlich wie Florenz. Wenn du willst, bist du in einer halben Stunde in den Bergen, fährst Ski. Nachmittags fährst du ans Meer, baden.”

Sie klingt ein wenig atemlos, aber im Moment lebt Natasha ein Leben auf der Überholspur. Sie gehört zu „Vodoo”, einer kreativen Gruppe von Modedesignern, die so erfolgreich ist, dass die Pariser Modemarke „comme de garcon” nach Madrid und London seine neueste Kollektion nun hier präsentiert. Als die Tür aufgeht, tritt das 1,90 Meter große Supermodel Tjasa Stanic ein. Tjasa ist das Gesicht von Dior und soeben aus Paris zum Fotoshooting für eine italienische Modezeitschrift eingeflogen. „Solche Begegnungen sind in Ljubljana gar nicht so ungewöhnlich”, meint auch Marta Vodeb, bei der schon mal Kunden aus Amerika vorbeischauen.

Die 40-Jährige hat als Schneiderin angefangen und es als erste in Slowenien gewagt, sich mit einem eigenen Modelabel selbstständig zu machen. Martas Mode steht für das neue Selbstbewusstsein der Sloweninnen. Früher setzte sie eher auf einen androgynen Look in elegantem aber eben auch etwas pessimistischem Schwarz. „Heute”, sagt sie, „ist meine Mode viel farbenfroher und femininer.” Wen wundert es da, dass der Renner in Martas Geschäft Korsetts sind, die die weiblichen Formen besonders betonen.


Die sexuelle Revolution des slowenischen Pop

Unterhalb des Schlossbergs ist die Stadt ein kleines Wohlfühlparadies. Modeläden wechseln sich ab mit Lederfashion-Shops, zwischen Galerien und Konditoreien plätschern Springbrunnen und verbreiten eine fast meditative Atmosphäre. Unweit des Marktes jedoch herrscht plötzlich leichter Aufruhr, verursacht durch das Erscheinen einer jungen Frau in auffälligem Outfit. Ihre langen blonden Haare, teilweise rosa eingefärbt, züngeln wie Feuer im Wind. „Das ist Alya”, raunt Karmen. Ljubljana ist so klein, dass die Stars zum Greifen nah sind.

Alya heißt im richtigen Leben Alja Omladic und hat die Pop-Szene des Landes revolutioniert. Im streng katholischen Slowenien brachte sie den Sex auf die Bühne. Auf ihren Autogrammkarten posiert die 22-Jährige in knappem BH, ihre Finger sind unter den Slip gesteckt, als wolle sie ihn gerade ausziehen. „Natürlich geht es mir auch um Provokation”, erklärt Alja in einem der zahllosen Cafés. „Ein kleines Land hat den Vorteil, dass man schnell Erfolg haben kann. Auf der anderen Seite spürt man auch den Neid viel schneller.” Karmen nickt heftig: „In dieser Hinsicht sind sich Slowenien und Deutschland ziemlich nah”, wirft sie ein, während die 22-jährige Alja temperamentvoll fortfährt: „Ich habe immer das Gefühl, dass bei uns Leute, die ihren Kopf so ein bisschen aus der Menge heben, dazu gezwungen werden sollen, ihn schnell wieder einzuziehen. Und das ist einer der Gründe, warum so viele Sloweninnen im Ausland den Erfolg suchen. Ich aber möchte gerne hier bleiben und international Erfolg haben.”


Die Geheimnisse der slowenischen Frau

Anja Bukovec hat bereits den Sprung auf die internationale Bühne geschafft. Bei den Young Euro Classics in Berlin trat die junge Violonistin barfuß in transparentem lilafarbenem Outfit auf die Bühne und riss mit ihrem Spiel die Zuhörer zu Beifallstürmen hin. Anja Bukovec lebt am Stadtrand Ljubljanas. „Ich will nicht immer so zugeknöpft auftreten. Klassische Musik kann sexy sein”, sagt sie und lächelt schelmisch: „Ich will mein eigenes Ding machen und mich nicht in ein Schema pressen lassen. Deshalb stehle ich mich manchmal einfach fort und verschwinde.” Wer sie dann erleben will, muss zu Konzerten solcher Größen wie Marla Glen, Jeff Healy oder Marque gehen, mit denen sie auf Tournee ist.

Anja schert sich nicht darum, dass ihr von Kollegen fehlende Ernsthaftigkeit vorgeworfen wird. „Ich liebe eben nicht nur Vivaldi, sondern auch Rock, R’n B, Soul und HipHop.” Dann legt sie eine CD der „Fantastischen Vier” ein. Im Hintergrund ist eine Geige zu hören. Mit denen hat sie also auch schon gespielt. Tea Hegedus kennt sie alle, die starken Frauen Sloweniens. Wie eine Aristokratin residiert sie in einer alten Villa am anderen Ende der Stadt. Sie hat „Gloss” aus der Taufe gehoben, Sloweniens Glamourzeitschrift Nummer Eins.

Über das Geheimnis der starken slowenischen Frauen verrät sie folgendes: „Wie in allen ehemaligen Ostblock-Ländern haben die Frauen in Slowenien alles gleichzeitig bewältigen müssen: Arbeiten, Haushalt, Familie, Kindererziehung. Sie haben dadurch nicht viele Entfaltungsmöglichkeiten gehabt, aber es hat sie flexibel und sehr belastbar gemacht. Heute ergreifen sie einfach ihre Chancen und sind dabei sehr zielstrebig. Kinder spielen in ihrer Lebensplanung kaum mehr eine Rolle. Bei nur zwei Millionen Einwohnern kann jeder sich ausrechnen, wohin das führt. Die Slowenen sterben aus!”

Kurz vor Sonnenuntergang ist in der Altstadt davon allerdings nichts zu spüren. Im Gegenteil. Es ist, als hätten alle Liebespaare gleichzeitig eine Verabredung. Auch Karmen hat in Ljubljana die Liebe gefunden. Ihr Freund hat ihr einen Ballonflug geschenkt. Deshalb sitzt sie heute nicht in einer der Bars da unten, sondern schaut aus ungewohnter Perspektive aufs Gewimmel. Auf den Tischen entlang der Ljubljanitza flackern tausende Kerzen und die Brücken scheinen aus Zuckerwerk. Karmen meint: „Es ist, als lege die Stadt uns ihr romantisches Herz zu Füßen.” Dann schweigt sie - Ljubljana, mon amour.


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