Polen

WASSERKÜBEL UND WACHOLDERZWEIGE

Die Katholiken in der Kaschubei haben sich Ostertraditionen bewahrt, über die selbst ihre Landsleute staunen(n-ost) –  Mitten in der Kaschubei, in der kleinen Gemeinde Zukowo kurz hinter Danzig, pflegen die Menschen Osterbräuche, über die selbst ihre polnischen Landsleute teilweise verwundert die Köpfe schütteln. Am Karfreitag zum Beispiel wecken Eltern ihre Kinder, indem sie ihnen mit einem stachligen Wacholderzweig auf die Beine schlagen. „Die Kleinen sollen den Schmerz fühlen“, erklärt der Kaschube Eugeniusz Pryszkowski den „Brauch der Gotteswunden“. So solle ihnen klar gemacht werden, dass Christus an diesem Tag am Kreuz gestorben ist.
  
Am Ostersamstag gehen die Kaschuben bereits am frühen Vormittag in die Kirche. Sie nehmen einen Weihkorb mit, bunt geschmückt und prall gefüllt allem, was das Jahr über auf den Tisch kommt: geräuchertes Schweinefleisch, Weißwurst, hausgemachtes Brot. Der Priester bespritzt die Gaben mit Wasser und segnet sie. Auch bemalte Eier, in Polen „Pisanki“ genannt, sind darunter. Die 25-jährige Kaschubin Anna Matysiak hat in die Schale der frisch gefärbten Eier kleine Weidenzweige als Muster gekratzt. Vorher hat sie diese in einer Brühe aus Zwiebeln und Rote Bete hart gekocht. „Bei uns in der Familie ist das eine richtige Zeremonie“, erzählt sie. Am großen Holztisch in der Küche sitzen dann Annas Mutter und ihre Oma und geben ihr Tipps, wie sie die Eier beim Dekorieren nicht beschädigt.Doch immer öfter liegen zwischen den traditionellen kaschubischen Ostereiern im Weihekorb auch die in bunt glitzerndes Schmuckpapier eingewickelten Schokoladeneier aus dem Supermarkt. Michael, Annas kleiner Bruder, will sogar einen Schokoladenhasen im Korb verstecken. Die Trends aus dem Westen haben sich auch in der Kaschubei durchgesetzt. „Unsere Kinder prahlen gegenseitig vor der Kirche, wer welche neuen Süßigkeiten mitgebracht hat“, schüttelt Mutter Matysiak missbilligend den Kopf.„Viele unserer Sitten sind aber zum Glück erhalten geblieben“, sagt die Kaschubin. Auf dem Weg zur Messe am Ostersonntag zum Beispiel waschen sich viele Kaschuben mit eiskaltem Wasser direkt aus dem Fluss das Gesicht. „Sie glauben, sich so eine jugendliche Haut zu  bewahren“,  erklärt Eugeniusz Pryszkowski.Erst nach der Heiligen Messe am Sonntagmorgen beginnt bei den Katholiken in der Kaschubei das große Fest. Die Tische quillen über vor Essen. Die 51-jährige Gertruda Grzelak aus Sulmino, einem Nachbardorf von Zukowo, räuchert jedes Jahr extra zu Ostern einen saftigen Schinken aus Schweinefleisch. „Der schmeckt vielleicht lecker“, schwärmt sie, während sie Bratheringe und Weißwurst in der Pfanne wendet. Eines ihrer Spezialgerichte sind bunt gefüllte Eier, in deren Füllung aus Eigelb sie wahlweise Sellerie oder Rote Bete mischt. Eine besondere Bedeutung hat in der Kaschubei die Tradition des Geschenks vom „Osterhasen“. Die Kinder basteln dazu kleine Nester aus Moos und Heu, in denen ihre Eltern am frühen Morgen des Ostersonntags kleine Geschenke, Süßigkeiten und Eier verstecken. Doch das ist längst nicht der größte Osterspaß der kaschubischen Kinder. Ungeduldig warten alle auf den Ostermontag. Dann nämlich dürfen sie jeden, der ihnen über den Weg läuft, mit Wasser bespritzen. Auch Fremde werden nicht verschont. „Ursprünglich wollte man damit Spenden erzwingen, vor allem Eier“, erklärt Eugeniusz Pryszkowski. Vor allem schöne Frauen wurden bespritzt – und die, die nichts abbekamen, waren beleidigt. Inzwischen ist diese Tradition allerdings etwas aus dem Ruder geraten. Manchmal werden ganze Kübel voll eiskaltem Wasser über den Köpfen anonymer Passanten
geleert. Anna Matysiak aus Zukowo gefällt das überhaupt nicht. Am Ostermontag bleibt die Studentin bis Mittag zu Hause. „Es nervt, wenn man in schicken Klamotten respektlos begossen wird“, schimpft sie. „Nicht einmal vor älteren Leuten, die in die Kirche gehen, haben die Jugendlichen Respekt.“ In den großen polnischen Städten sind deshalb zu Ostern verstärkte Polizeipatrouillen unterwegs. INFOKASTENDie Kaschuben gehören neben den Schlesiern und Masuren zu den größten ethnischen Minderheiten in Polen. Im Norden des Landes, vor allem in der Wojewodschaft Pommern, leben rund 500.000 Kaschuben. Etwa 300.000 sprechen noch die kaschubische Sprache.ENDENachdruck und Weiterverwertung dieses Artikels sind kostenpflichtig. Informationen im n-ost-Büro unter (030) 30 83 11 87


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